El Anatsui — Imposante Gewebe voller Geschichte

Gravity and Grace, 2010, Flaschenverschlüsse aus Aluminium und Kupferdraht, 482 x 1120 cm, Courtesy Jack Shainman Gallery, New York, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern, 2020

Gravity and Grace, 2010, Flaschenverschlüsse aus Aluminium und Kupferdraht, 482 x 1120 cm, Courtesy Jack Shainman Gallery, New York, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern, 2020

El Anatsui im Haus der Kunst München, 2019. Foto: Maximilian Geuter

El Anatsui im Haus der Kunst München, 2019. Foto: Maximilian Geuter

Red Block, 2010, gefundenes Aluminium und Kupferdraht, 509,9 x 334 cm, The Broad Art Foundation, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern

Red Block, 2010, gefundenes Aluminium und Kupferdraht, 509,9 x 334 cm, The Broad Art Foundation, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern

Wisdom, 1974, Holz, Farbe, Lack, 40 x 39 cm, Omooba Yemisi Adedoyin Shyllon Art Foundation, Dauerleihgabe Yemisi Shyllon Museum of Art at Pan Atlantic University in Ibeju, Lekki, Lagos, Nigeria. Foto: Adolphus Opara 

Wisdom, 1974, Holz, Farbe, Lack, 40 x 39 cm, Omooba Yemisi Adedoyin Shyllon Art Foundation, Dauerleihgabe Yemisi Shyllon Museum of Art at Pan Atlantic University in Ibeju, Lekki, Lagos, Nigeria. Foto: Adolphus Opara 

Ikoro, 1990, Holz, Tempera; Patches of History III, 1993, Holz, Tempera; Erosion, 1992, Holz, Farbe, Sägemehl; Wonder Masquerade II, 1990, Holz; Leopard Cloth, 1993, Holzrelief; Old Cloth Series, 1993, Holz, Tempera (v.l.n.r.), Courtesy October Gallery, London, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern

Ikoro, 1990, Holz, Tempera; Patches of History III, 1993, Holz, Tempera; Erosion, 1992, Holz, Farbe, Sägemehl; Wonder Masquerade II, 1990, Holz; Leopard Cloth, 1993, Holzrelief; Old Cloth Series, 1993, Holz, Tempera (v.l.n.r.), Courtesy October Gallery, London, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern

Fokus

Unter dem Titel ‹El Anatsui – Triumphant Scale› stellt das Kunstmuseum Bern das vielschichtige Œuvre des in Europa noch wenig bekannten Künstlers El Anatsui vor. Die wahrhaft triumphale Retrospektive, die jetzt auf die Wiedereröffnung wartet, wurde von Okwui Enwezor und Chika Okeke-Agulu vom Haus der Kunst München und Kathleen Bühler kuratiert.

El Anatsui — Imposante Gewebe voller Geschichte

Aus der Distanz betrachtet, sehen El Anatsuis Arbeiten aus wie üppige Vorhänge oder Gewänder. Als glänzende Flächen ergiessen sie sich von der Decke bis zum Boden, wogen in barocker Üppigkeit und reichen Falten. Doch nicht aus Samt und Seide, nicht aus königlichem Brokat sind Arbeiten wie ‹The Beginning and the End› oder ‹Red Block›, 2010, sondern aus Verschlüssen von Schnapsflaschen, Kronkorken, Flaschenmanschetten. Aus Abfällen also. Aus billigem Blech, das Anatsui glätten und von vielen Helferinnen und Helfern aneinandernähen lässt. Deckel um Deckel, Manschette um Manschette. Die Geschichte der «Bottle Cap Works», der Flaschendeckel-Arbeiten, beginnt 1999, als El Anatsui einen Sack voller Flaschenverschlüsse findet und damit herumexperimentiert. Der gebürtige Ghanaer hat an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Kumasi Kunst studiert. Ein sehr europäisch konzipiertes Kunststudium. Er lernte mit Gips zu modellieren und Marmor zu bearbeiten. Nichts davon fühlte sich für El Anatsui richtig an. Aber dieser Sack voller Flaschenverschlüsse, der fühlt sich gut an. El Anatsui ist fasziniert von diesem Material, das schäbig ist und schön zugleich. In den Schraubverschlüssen und Flaschenhalsmanschetten stecken das ganze Elend hoffnungsloser Trinker und der billige Glanz einer Warenwirtschaft, die auf schnelle Kaufanreize setzt. Mehr noch, die bunten Blechstückchen transportieren ein Stück jener Kolonialgeschichte, in der die Bewohnerinnen und Bewohner der Kolonien immer im grösstmöglichen Zustand der Abhängigkeit von ihren selbsternannten Herren gehalten wurden. Das Zuckerrohr, das im Schnaps verarbeitet wurde, kam aus den Kolonien. Gebrannt wurde der Schnaps allerdings in Europa. Weil man sich in den europäischen Ländern angeblich besser darauf verstand, und weil sich die Schnapsbrenner im eigenen Land besser kontrollieren liessen. Die fertigen Alkoholika verschiffte man anschliessend in die Kolonien, damit sich die  Menschen dort die arbeitsfreien Stunden ein wenig versüssen konnten – und man im selben Zug die Abhängigkeit der Lokalen verfestigen konnten.

Traditionelle Muster schreiben sich ein
Den Begriff «Recycling» mag El Anatsui nicht besonders. Er spricht lieber von Materialien mit Geschichte. Aus diesen Materialien erschafft er Arbeiten, die ihrerseits auf Aspekte der Geschichte anspielen. Zum Beispiel mit ‹Man’s Cloth›, 2001. In dieser Arbeit hat er zum ersten Mal Aluminiumdeckel und Kupferdraht verwendet und aus diesen metallischen Materialien ein textil wirkendes Objekt geschaffen. Die Arbeit erinnert an einen ausgebreiteten Umhang. Ihr geometrisches Muster, das durch die Verwendung weisser, roter und schwarzer Metalldeckel entstanden ist, erinnert an Kente. Kente ist ein traditioneller ghanaischer Kleiderstoff, der früher Männern mit hohem sozialem Status vorbehalten war. El Anatsui hat diese Arbeit nicht in der Absicht geschaffen, den Kente-Stoff zu imitieren oder zu paraphrasieren. Und doch ist es interessant, zu sehen, wie sich traditionelle Muster ganz buchstäblich in seine Arbeit einschrieben, als er begann, mit eigenen Materialien zu experimentieren. Mit Materialien, wie sie an der Kunstakademie nicht vorgesehen waren.

Viele helfende Hände
Nicht nur in Mustern und Motiven greift El Anatsui auf seine kulturelle Prägung zurück. Auch der Schaffensprozess, aus dem heraus die grossformatigen Arbeiten entstehen, verweist auf soziale Strukturen seiner Heimat. Denn wiewohl er als Autor der Werke fungiert, so ist er doch nicht der alleinige Macher. Eine Vielzahl von Studierenden, von freiwilligen Helferinnen und Helfern arbeiten mit an den flächendeckenden Geweben aus Blech und Kupferdraht. Jeder und jede näht ein kleines Stück aus flachgepressten Flaschendeckeln zusammen. Sind genügend kleine Stücke vorhanden, werden sie unter der Regie El Anatsuis aneinandergefügt. Dabei bleiben Eigenheiten der Helfenden sichtbar. Besonders eng aneinandergenähte Blechstücke ergeben harte Strukturen; wo mehr Raum zwischen den vernähten Deckeln ist, wirkt das Gewebe lockerer, biegsamer. Diese Unterschiede mögen, wenn man darüber spricht, marginal erscheinen, haben aber gros­se Auswirkungen auf das Gesamterscheinungsbild der inszenierten Arbeiten. Auch der Prozess des Drapierens, der vor Ort im Museum vollzogen wird, gestaltet sich als durch und durch kollektiver Prozess. Die grossen, schweren Bottle-Cap-Arbeiten werden im Team installiert. Ein Teil des Teams hält die Bahnen aus vernähten Flaschendeckeln, hebt sie an, lässt sie Falten werfen, drückt sie ein wenig mehr in diese oder jene Richtung. Der Künstler dirigiert den Prozess, ein anderer Teil des Teams fixiert die vernähten Teile an der Wand oder auf dem Boden.

Die Wunden der Kolonialgeschichte
Nicht nur Umhänge, Mäntel, schwellende Faltenwürfe inszeniert El Anatsui mit seinen Geweben aus Flaschendeckeln, sondern auch Gärten, Berge, Landschaften. Der ‹Yam Mound›, 1999, ein kleiner Hügel aus Konservendosendeckeln, füllt im Kunstmuseum Bern einen Raum mit goldenem Glanz. Leere Konservendosen werden in Nigeria oft weiterverwendet. Als Messbecher. Oder, nachdem der Boden perforiert wurde, als Dämpftopf. Nur die Deckel sind Abfall. Der Titel der Installation verweist auf die Yamswurzel, die auf hügeligem Gelände angebaut wird. Das Blech von Konservendosen eignet sich auch dazu, Küchenreiben daraus herzustellen. Solche Küchenreiben finden Verwendung vor allem zur Verarbeitung von Maniok, einem Gemüse, das ursprünglich aus Südamerika stammt und das von den Portugiesen nach Westafrika gebracht wurde. Ab 1998 realisiert El Anatsui erste Arbeiten mit Maniokreiben. Später verwendet er die improvisierten Maniokreiben, um Druckgrafiken damit herzustellen – und so wiederum auf die vielfädigen und verworrenen Geschichten der Kolonialherrschaft zu verweisen. Neben den grossen, faszinierenden «Bottle Cap Works» zeigt die Ausstellung auch eine Auswahl älterer Arbeiten, die in der Materialwahl konventioneller scheinen, aber in ihrer Aussage gleichwohl kraftvoll sind. So die frühen Holzreliefs, auf die sich El Anatsui ab 1985 fokussiert. Die Holzarbeit ‹Erosion›, 1992, veranschaulicht besonders deutlich, wie er mit dem klassischen Werkstoff umgeht. Er hat einen grossen Baumstamm mit Zeichen und Symbolen unterschiedlicher westafrikanischer Kulturen versehen. Anschliessend hat er mit der Kettensäge tiefe Kerben in den Stamm gesägt und die vorab aufgebrachten Zeichen so weitgehend wieder entfernt und zerstört. Um den Stamm herum liegen die Sägeabfälle wie Scherben. Der Stamm selbst ist von den Sägespuren gezeichnet wie mit einem radikalen Muster, das auf die nicht minder radikalen, alle Fragen nach Kulturen, Gesellschaften, Geschichtlichkeit ignorierenden Grenzziehungen durch die Koloniaherren verweist. Das Schnitzwerk wird so zum Bild politischer Einschnitte, die bis heute fortwirken. El Anatsuis Arbeiten entstehen aus einem Geist der Gemeinschaft und nehmen damit einen deutlichen Bezug auf politische und gesellschaftliche Zustände. Kunst wird hier zu einem Medium, das mithilfe einer Gruppe entsteht, um Politik und Gesellschaft zu reflektieren. Die Arbeiten liefern wichtige Denkanstösse – auch wenn sie zurzeit nur in Online-Führungen mit Kathleen Bühler gesehen werden können.

Alice Henkes (*1967, Hannover), lebt in Biel. Sie ist Redaktorin bei Radio SRF2 Kultur und Autorin von Kunstbulletin.alice.henkes@bluewin.ch

→ ‹El Anatsui – Triumphant Scale›, Kunstmuseum Bern, bis 21.6.; mit kostenloser Ausstellungsbroschüre und erhellenden Online-Führungen durch Kathleen Bühler ↗ www.kunstmuseumbern.ch

Bis 
21.06.2020

El Anatsui (*1944, Anyako, britische Kronkolonie, ab 1960 Republik Ghana), lebt in Nsukka, Nigeria

1968 Studienabschluss Bildhauerei, Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Kumasi
1969 Nachdiplomstudium in Kunsterziehung an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Kumasi; anschliessend Dozent für Kunsterziehung am Special Training College in Winneba
ab 1975 Lehrauftrag an der University of Nigeria in Nsukka, Nigeria
1979 Reise nach Toronto (erste Reise ausserhalb Afrikas)
1983 erste grosse, öffentliche Auftragswerke für die University of Nigeria
2015 Goldener Löwe für das Lebenswerk, 56. Biennale di Venezia

Ausstellungen (Auswahl)
2019 Haus der Kunst, München
2015 ‹Gravity and Grace – Monumental Works›, Akron Art Museum, Ohio und vier Museen in den USA
2008 Metropolitan Museum of Modern Art, New York, USA
2003 ‹Gawu›, Wanderausstellung, zuerst Oriel Mostyn Gallery, Llandudno, Wales, danach in zehn Ausstellungshäusern in Europa und den USA
2002 Liverpool Biennial; October Gallery (erste Präsentation mit Arbeiten aus Flaschenverschlüssen)
2001/2008 National Museum of African Art, Washington DC, USA
1995 8. Osaka Triennale, Japan
1990/2007/2015 Biennale di Venezia

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
El Anatsui. Triumphant Scale 12.05.202021.06.2020 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Künstler/innen
El Anatsui
Autor/innen
Alice Henkes

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