Unica Zürn

Unica Zürn · O. T., 1966, Chinatusche auf Papier, 31 x 25 cm, Courtesy Dominique Baliko

Unica Zürn · O. T., 1966, Chinatusche auf Papier, 31 x 25 cm, Courtesy Dominique Baliko

Unica Zürn · O. T., 1957, Pastel und Gouache auf Papier, 33 x 55,5 cm © Dominique Baliko

Unica Zürn · O. T., 1957, Pastel und Gouache auf Papier, 33 x 55,5 cm © Dominique Baliko

Hinweis

Unica Zürn

Paris — Gibt Kunst Wirklichkeit Gestalt? Die in Berlin geborene Nora Berta Ruth Zürn (1916–1970) verkörpert diese Frage. ­Sie konstruierte seit Anfang der Fünfziger kalkulierte Anagramme, die «Wir lieben den Tod» wandeln zu «Leben. Wir, dein Tod». Ihre traumgleich traumatischen Zeichnungen wurden 1959 auf der documenta 2 gezeigt. 1970 springt sie aus dem Fenster der Pariser Wohnung ihres Gefährten Hans Bellmer. Ein Tod wie vorher im Roman ‹Dunkler Frühling›: «‹Vorbei›, sagt sie leise, ehe sie mit ihren Füssen das Fensterbrett verlässt. Sie fällt auf den Kopf und bricht sich den Hals. Ihr kleiner Körper liegt seltsam verzerrt im Gras.» Selbstmord, vorgezeichnet? Oder souveräner Akt einer Frau, die so ultimativ Autorin ihres Lebens wird? Liegt Unica im Gras, ihre Romanfigur am Ufer der Seine? Bis heute wird sie mit dem passiven Frau-Subjekt verwechselt, das sie entwarf: leidend unter dem abwesenden Vater, entdeckt vom Maler Alexander Camaro, ans automatische Schreiben geführt von Henri Michaux, ans Anagramm von Hans Bellmer. Unica Zürn selbst unterschied in solche, die angebetet werden müssten, und solche, die anbeten. Zurückgezogen auf den Platz der Beobachterin, überliess sie Vereinnahmern das Feld. Wie Oskar Pastior, der «unica zuern» anagrammatisch zu «azur in nuce» entrückte. Die autoritäre Geste des Dichters schafft eine neue Kunstfigur, wie der Blick des Kunsthistorikers, der in den Gouachen der paranoid Schizophrenen «art brut» sehen will. Kunst gibt Wirklichkeit Gestalt – wer aber meistert wen? Im herrenlosen Haus der Daseins-Performanz geistert die Künstlerin. Meisterhaft, wie es jetzt die umfangreiche Ausstellung in den Kellerräumen der Psychiatrie Hôpital Sainte-Anne zeigt, wo Zürn zwischen 1961 und 1963 keine Heilung fand. Sachlich wird eine mit äusserster Präzision arbeitende Künstlerin vorgestellt. Grosszügige Leihgaben, darunter Feinstes aus der Schweizer Sammlung Karin und Gerhard Dammann oder aus der Sammlung von Antoine de Galbert, vervollständigen die fünf Arbeiten aus der Krankenhaussammlung. Ein kohärentes Werk der Transgressionen, das, wie Dagmar von Hoff schrieb, «Verrücktheit als künstlerisch-experimentelle Erkenntnis­methode rehabilitiert». Die augenreichen, feingespinstigen Figuren Zürns halten sich zwischen wirklichkeitsformender Kraft der Träume und bewusst machender Stärke der Alpträume. Ihre Züge führen in Zwischen­räume bildlich-metaphorischen Wahrnehmens, jenseits bipolarer Festlegungen. Mit der Ausstellung bereitet das junge Musée d’Art et d’Histoire de l’Hôpital Sainte-Anne (MAHHSA) seinen Umzug in die ehemalige Krankenhauskapelle vor. Die rund 540 Werke umfassende Sammlung gibt online Ausblick auf weitere, ebenso nüchtern wie respektvoll ausgearbeitete Ausstellungen.

Bis 
31.05.2020

→ Musée d’Art et d’Histoire de l’Hôpital Sainte-Anne, bis 31.5., evtl. Verlängerung; mit Katalog ↗ www.musee-mahhsa.com

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Unica Zürn 05.06.202030.06.2020 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Autor/innen
J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Unica Zürn

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