Claudio Moser — Gegen Osten

Claudio Moser · Asakusa I, 2002/2003, Inkjet gerahmt, 229 x 151 cm, Edition 3 © ProLitteris

Claudio Moser · Asakusa I, 2002/2003, Inkjet gerahmt, 229 x 151 cm, Edition 3 © ProLitteris

Besprechung

Claudio Moser hat sich mit seinen fotografischen Arbeiten, die unscheinbare Erscheinungen der alltäglichen Umgebung ins Bild rücken, einen Namen weit über die Schweiz hinaus gemacht. Das Kunstmuseum Solothurn widmet ihm eine Retro­spektive, in der auch malerische Arbeiten gezeigt werden. 

Claudio Moser — Gegen Osten

Solothurn — Das Flanieren, Marcel Proust beschreibt es als ein Umherstreifen, bei dem die Aufmerksamkeit plötzlich gefangen werde «von einem Dach, einem Sonnenreflex auf einem Stein, dem Geruch eines Weges». Dabei scheint es, als hielten diese Eindrücke «hinter dem, was ich sah, noch anderes verborgen, das sie mich zu suchen aufforderten». Der Fotokünstler Claudio Moser (*1959, Aarau) ist ein Flaneur mit Kamera, der seine Eindrücke, mitsamt der Aufforderung, ihrem geheimen Innenleben und Nebensinn nachzuspüren, an das Publikum weitergibt. Ob er eine Ufo-förmige Strassenlaterne auf einem Kreisel fotografiert wie in ‹Keramporiel›, 2018, eine improvisiert wirkende Umzäunung, ‹Asakusa I›, 2002, ob, wie in ‹Casino›, 2012, die zahlreichen Spiegelungen in Glastüren und polierten Böden, die aus einem Entree ein verwirrendes Labyrinth machen, oder wie in ‹Chabrey›, 2019, den durch Zäune und Jalousien verstellten Blick auf eine erhellte Fassade, die zum leuchtenden Myste­rium wird – stets schält Moser mit der Kamera eine faszinierende und schwindel­erregende Welt des Fremden aus dem Vertrauten heraus. Besonders deutlich zeigt sich Mosers Ansatz des Flaneurs in den bewegten Bildern, kurzen Video-Loops, und den ‹Walking Meditations›, betont langsamen Spaziergängen durch Stadtlandschaften in der Schweiz oder Japan, die er mit der Videokamera filmt. Hier ist weniger das Gesehene, sondern vielmehr das Gehen an sich Thema, die Bewegung im Raum.
Die Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn kombiniert Mosers Fotoarbeiten aus den letzten 25 Jahren mit Malerei auf Papier und ebenfalls papierenen Skulpturen. Es sind Werke, die entstanden, nachdem Moser schwer erkrankte, und die ebenso wie die Fotografien Raum ausloten, dabei aber die körperliche Wahrnehmung dieses Raums noch deutlicher in den Mittelpunkt rücken. Die schlichten, reduzierten Bilder arbeiten mit wenigen Elementen (Linie, Farbfläche, Raster), nah an der Zeichnung. In den Museumsräumen betont die Inszenierung die Nähe zu den Fotografien, indem das Foto einer Jalousie sich nahe einem gemalten Liniengitter findet oder die Bewegung der ‹Walking Meditations› von bemalten Leinwandbändern begleitet wird, die wie Mobiles von der Decke hängen. Schlusspunkt der Schau ist der schwarz-weisse 16-mm-Film ‹elle et moi›, 2020. Als raffinierte Doppelprojektion zeigt er den Künstler und seine Frau, wie sie aufeinander zugehen, einander in die Arme nehmen. Ein stilles, anrührendes Werk über die Bedeutung des Miteinanders. 

Bis 
24.05.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Claudio Moser: Gegen Osten. Werke von 1995 bis 2020 02.03.202124.05.2021 Ausstellung Solothurn
Schweiz
CH
Autor/innen
Alice Henkes
Künstler/innen
Claudio Moser

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