Mirko Baselgia

Mirko Baselgia · Imagine a White Surface with Irregular Black Spots, Galerie Heinzer Reszler, Lausanne. Foto: Julien Gremaud

Mirko Baselgia · Imagine a White Surface with Irregular Black Spots, Galerie Heinzer Reszler, Lausanne. Foto: Julien Gremaud

Mirko Baselgia · Coprinus Comatus – Five in the Field. Foto: Stefan Altenburger

Mirko Baselgia · Coprinus Comatus – Five in the Field. Foto: Stefan Altenburger

Hinweis

Mirko Baselgia

Lausanne — «Für Liebesbriefe ist es vielleicht nicht das Richtige», lacht Mirko Baselgia. Die Tinte, in die der aufschiessende Pilzhut des Schopftintlings während der Öffnung zerstäubt und zerfliesst, wurde wohl wegen ihres Insekten anlockenden Gestanks erst spät genutzt. Im 18. Jahrhundert veröffentlichten ­französische Mykologen aber eine stabile Rezeptur mit Nelkenöl und Gummi arabicum. Und der Schopftintling, der nach der binären Nomenklatur des schwedischen Naturforschers Linné Coprinus comatus heisst, war plötzlich auf allen Kontinenten präsent. Baselgia fand jetzt in dem Pilz einen spannenden Forschungsgegenstand, der Eingriffe des Menschen in die Natur aufzeigt, die – wie die aktuelle Pandemie – globale Ausmasse zeitigen.
Die Galerie Heinzer Reszler bietet nun einen Einblick in diesen künstlerischen Rechercheprozess. Alles begann mit Skizzen des Pilzes im Freien, die der Künstler ein paar Wochen später mit der aus dem Exemplar gewonnenen Tinte übermalte. Und plötzlich erscheint der Pilz als Urahn von Airbrush und Drip-Painting, lange vor den Tüftlern im 19. Jahrhundert oder Jackson Pollock. Baselgia hängte dann die Pilze – in derselben Anordnung, wie er sie gefunden hatte – über mit Baumwolle bespannte Keilrahmen, um die Spuren des oft seitlichen Zerstäubens und kreisförmigen Zerfliessens präzise aufzunehmen. Sogar Insekten liess er wiederum Löchlein in die bestäubten Stellen fressen, ehe er die Bilder mit Firnis und Titel abschloss. Simpel wie ‹Coprinus Comatus – Three in the Field› heissen sie in dieser Serie. Bald packte den Künstler jedoch die Lust, die Grundkomposition selbst vorzugeben und den Pilz­expressionen eine Erzählung nachzuschicken. Ein einzelner Schopftintling in der Mitte über einem Viereck etwa ist nun gewaltig zerstäubt und vertrocknet und hat so in einem «Halo» ein Gedächtnis gefunden.
Über die sinnliche Erfahrung ist Baselgia letztlich in den Kern der Erkenntnistheorie vorgedrungen, was in dem von Wittgenstein entliehenen Ausstellungsnamen ‹Imagine a White Surface with Irregular Black Spots› anklingt. Wann ist etwas da, wann nicht? Die Verstrebungen des Keilrahmens, die durch die Baumwolle scheinen, ja sogar Schuss und Faden, nehmen unter den Flecken unvermittelt den Charakter von Rastern an. Diese können zur Erörterung solcher Fragen dienen. Vervielfacht mit anderen Elementen werden sie jedoch auch die Antwort lenken. Die Welt ist schwer zu vermessen, geschweige denn zu verbessern. In einem Moment wie dem jetzigen, in dem winzige Viren über Körper und Seele von Millionen Menschen herrschen, ist es besänftigend, Wissenschaft auch poetisch zu sehen.

Bis 
01.05.2021

→ Galerie Heinzer Reszler, voraussichtlich bis am 1.5. ↗ www.heinzer-reszler.com

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Mirko Baselgia 14.03.202101.05.2021 Ausstellung Lausanne
Schweiz
CH
Künstler/innen
Mirko Baselgia
Autor/innen
Katharina Holderegger

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