Editorial — Les Demoiselles

TITELBILD · Anne-Lise Coste · Pute, 2019, Airbrush auf Leinwand, 212 x 163 cm, Courtesy Ellen de Bruijne Projects, Elisabeth & Reinhard Hauff, Lullin + Ferrari, Nogueras|Blanchard. Foto: Jeroen de Smalen

TITELBILD · Anne-Lise Coste · Pute, 2019, Airbrush auf Leinwand, 212 x 163 cm, Courtesy Ellen de Bruijne Projects, Elisabeth & Reinhard Hauff, Lullin + Ferrari, Nogueras|Blanchard. Foto: Jeroen de Smalen

Editorial

Editorial — Les Demoiselles

Über ‹Les Demoiselles d’Avignon›, 1907, wurde schon viel geschrieben. Das über zwei Meter grosse Gemälde von Pablo Picasso zeigt fünf Frauen, leicht bekleidet oder nackt, die uns entweder fixieren oder in die Ferne starren. Heute wird die Malerei als Bordellszene gedeutet, und die posierenden Frauen evozieren diverse kunsthistorische Vorbilder. Die Nackte in der Bildmitte mit ihren hinter dem Kopf gekreuzten Armen erinnert an die wohl bekannteste Frauen-skulptur überhaupt, die Venus von Milo, diejenige daneben, mit ihren holzschnittartig schraffierten Gesichtszügen, an eine afrikanische Figur. Die Köpfe mit der frontalen Augenpartie und den zur Seite gekippten Nasen kündeten damals einen revolutionär neuen Stil an. Die Wiedergabe eines Motivs aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf ein und derselben Bildfläche spiegelte die Dynamik einer facettenreichen Begegnung und zugleich die Vision einer zunehmend komplexer erscheinenden Welt.
Anne-Lise Coste hat zwei der Modelle übernommen, auf eine rohe Leinwand gesprayt, sie mit dem Schimpfwort «Pute» kommentiert und das Tuch direkt an die Wand getackert. Gegenüber lehnt eine gestreifte Matratze wie eine ermattete Person an einer Säule. Auch hier wird uns ein Wort entgegengeschleudert, das jede beschauliche Betrachtung im Keim erstickt: «Rage», Zorn, lesen wir in Grossbuchstaben auf einem dazugelegten Schild. Zorn hat Konjunktur, doch bei Coste schlägt uns keine blinde Wut entgegen. Vielmehr eine aus der eigenen Körperlichkeit destillierte Energie, die, mal zärtlich, mal fordernd, so intime wie politische Töne anschlägt. Und uns in dieser Vielstimmigkeit dazu verführt, die Kunstgeschichte zu überdenken. «Pute» ist nicht nur Opfer, sie ist auch Kämpferin, ihr Körper ist Trophäe und Torpedo zugleich. 

Künstler/innen
Anne-Lise Coste
Autor/innen
Claudia Jolles

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