Sammlerstücke — Lange Schatten eines Kinder-Schattentheaters

Schattentheater mit beweglichen Figuren, um 1900, Aufstellbühne, Silhouettenfiguren, Kulissenteile, Karton, Papier, Metall, Masse Schachtelreste: 1,5 x 48,5 x 34 cm; grösste Figur: 25 x 16 x 1 cm; Bühne geschlossen: 42 x 47 x 2 cm, Courtesy Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte/SKKG Winterthur

Schattentheater mit beweglichen Figuren, um 1900, Aufstellbühne, Silhouettenfiguren, Kulissenteile, Karton, Papier, Metall, Masse Schachtelreste: 1,5 x 48,5 x 34 cm; grösste Figur: 25 x 16 x 1 cm; Bühne geschlossen: 42 x 47 x 2 cm, Courtesy Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte/SKKG Winterthur

Fokus

In der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte Winterthur wird ein Schattentheater mitsamt Spielfiguren aus Karton aufbewahrt. Es wurde um 1900 für Kinder in Serie hergestellt – ein frühes Zeugnis medialer Faszination und sozialer Teilhabe. Was erzählt es uns heute? 

Sammlerstücke — Lange Schatten eines Kinder-Schattentheaters

Unter der Inventarnummer 21891 befindet sich in der Winterthurer Sammlung für Kunst, Kultur und Geschichte ein «Schattentheater mit beweglichen Figuren», wie es auf dem Schachteldeckel rot in geschweifter Schrift geschrieben steht. Die zugehörige Spiele-Schachtel selbst der Berliner Firma Sala ist mit den Jahrzehnten verloren gegangen, wie die Verheissung, die einst von ihrem Inhalt ausging. Schon auf dem Schachteldeckel bekommen wir davon eine Ahnung: Versprochen wird gros­ses Theater im Kleinen, ein kostbares Bühnenportal, Kapelle mit Kapellmeister und eine lustige Begebenheit, in der riesengrosse Schattenrissfiguren auf der Bühne eine Verfolgungsszene mimen. Da ist ein Hund hinter einem mageren Spitzbuben her, der eine Wurst geklaut hat, verfolgt von einem dicken Ordnungshüter mit Husarenhelm und gezücktem Säbel.
Nach Plinius dem Älteren liegt der Ursprung der bildenden Kunst in der Umrisszeichnung, die das Mädchen Dibutade nach dem Schatten ihres Liebsten zum Abschied und zur Erinnerung auf einer Mauer festhielt. Damit war die Tür zu einer zweiten Welt geöffnet, einer nur scheinbaren zwar, die jedoch im Gaukelspiel real erfahrbar war und in ihren Höhepunkten selbst noch die Wirklichkeit zu übertrumpfen vermag, sei es in der Kunst, vom Gemälde bis zum Foto, oder während Jahrhunderten in Spielen, in Aufführungen von Schattenfiguren, dann im Film und TV bis hin zu den Video- und Foto-Inszenierungen der Social-Media-Plattformen unserer Tage.
Was haben Schattentheater und YouTube, Instagram, TikTok über ihren mythischen Ursprung hinaus gemeinsam? Sicher das Leben ihrer Nutzer in einer alternativen Welt. Sicher aber auch die Möglichkeit performativer Teilhabe, des experimentellen Selbstentwurfs, der Selbstermächtigung in dieser. Das spielende Kind lässt die Puppen tanzen. Es macht etwas vor, aber lässt sich selbst von diesen nichts vormachen. Doch die Grenzen sind eng gesteckt. YouTube, Instagram, TikTok bieten wie das Schattentheater im Schein der Freiheit nur kleine Fluchten. Sind es heute Algorithmen, die bestimmen, was wir wollen müssen, bietet das Schattentheater einen kleinen Rahmen, gestanzte Zuschauerlogen rechts und links, in denen wohlgekleidete Infanten sich artig amüsieren. Noch bevor der Vorhang hoch geht und die Umrisse der beigefügten Pappfiguren mittels einer Funzel auf die Leinwand geworfen werden, ist jede Ausgelassenheit im pädagogischen Keim erstickt. Mit welchen Geschichten, Zoten, Spässen mochte dieser Schattenwelt Leben eingehaucht worden sein?

Max Glauner, Kulturhistoriker,  Journalist und Dozent an der ZHdK, lebt in Zürich und Berlin. maxglauner.com
 

→ Sammlerstücke: Autor:innen kommentieren ein ausgewähltes Werk aus der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ↗ www.skkg.ch

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