The Substitute

Alexandra Daisy Ginsberg · The Substitute, 2019, Videoinstallation. Foto: Rodriguez/NMBE

Alexandra Daisy Ginsberg · The Substitute, 2019, Videoinstallation. Foto: Rodriguez/NMBE

Hinweis

The Substitute

Bern — Ein leerer Raum. Aus dem Nichts erscheint in einer Ecke eine Wolke von Punkten in Brauntönen. Sie bewegt sich suchend und stösst wie ein blinder Schwarm von Insekten immer wieder gegen eine Wand. Nach und nach formt sich die Wolke zu einem grossen Tier, welches den Raum beschnüffelt. Mit jedem Zusammenstoss verschärfen sich die Umrisse eines Nashorns. Ein immer deutlicheres Schnaufen ist hörbar, und das Stampfen vibriert durch den Raum und meinen Körper. Aus der Wolke ist innerhalb weniger Minuten ein sehr reales nördliches Breitmaulnashorn entstanden.
Das Nashorn in der Installation ‹The Substitute› von Alexandra Daisy Ginsberg (*1982) ist nicht irgendeines. Sudan war der letzte Nashornbulle der nördlichen Breitmaulnashörner. Sein Tod 2018 bedeutete somit das Ende seiner Art. Mit Biotechnologie versuchen Forscher:innen seither die ausgerottete Tierart zu rekonstruieren. Ginsberg hinterfragt diese Bemühungen mit ihrer flüchtigen Wiederbelebung Sudans sehr subtil. Können wir Menschen etwas langfristig ersetzen, was wir selbst zerstört haben?
Die nördlichen Breitmaulnashörner wurden wegen ihres Horns gejagt. Obwohl es aus Keratin, also aus dem gleichen Material wie unsere Fingernägel und Haare besteht, wird es vor allem auf dem asiatischen Markt zu hohen Preisen gehandelt. Ich frage mich, warum die Tiere zurückbringen, wenn die Wilderer immer noch da sind?
Die von einem Algorithmus gesteuerte Installation bringt Sudan nicht zurück. Nur ganz kurz ist er in seiner vollen Grösse und Schärfe ersichtlich, bevor er wieder verschwindet. Nach einer Weile erscheint wieder eine Punkte-Wolke, in einer anderen Ecke dieses Mal. Am Boden zeigt eine weitere Projektion den Weg, den das Nashorn auf seiner Erkundungstour im Raum wählt. Fast scheint es mir, als würde Sudan testen, ob die Welt wieder bereit ist für ihn und seinesgleichen. Mit dem plötzlichen und ganz leisen Verschwinden wird jedes Mal auf brutale Art und Weise klar, dass sie es noch nicht ist. ‹The Substitute› ist im siebten und letzten Raum der Ausstellung ‹Weltuntergang – Ende ohne Ende› im Naturhistorischen Museum zu sehen. Die dichte Ausstellung thematisiert verschiedene Aspekte des «Weltuntergangs». Ausgehend von der Gewissheit, dass die Welt in rund 2 Milliarden Jahren von der Sonne verglüht wird, über das Artensterben und die «kleinen» Weltuntergänge im persönlichen Leben hin zum offenen Ende. Dafür haben die Kurator:innen seit dem Beginn der Ausstellung 2017 jedes Jahr neue Künstler:innen eingeladen, den Raum zu bespielen. Alexandra Daisy Ginsberg macht den Abschluss der Schau. ‹The Substitute› erscheint danach neben den zum Teil 90-jährigen ausgestopften Tieren in der Dauerausstellung und zeigt eine neue Möglichkeit, naturhistorische Themen in künstlerischer Form zu präsentieren. 

Bis 
30.11.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Weltuntergang — Ende ohne Ende 11.11.201730.11.2022 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Autor/innen
Nina Gehrig
Künstler/innen
Alexandra Daisy Ginsberg

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