Ursula Palla — Bittersüss, wie ein Garten im Niemandsland

Landscape 5 Part 3, 2013/2022, 3000 Angelhaken, Fischerdraht, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Landscape 5 Part 3, 2013/2022, 3000 Angelhaken, Fischerdraht, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Das Karamellzimmer 1, 2018/2022, gebrannter Zucker, Spiegel, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Das Karamellzimmer 1, 2018/2022, gebrannter Zucker, Spiegel, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Empty Garden, 2019, Installation mit Video und Bronzeskulpturen, Ausstellungsansicht Kunstraum Kreuzlingen

Empty Garden, 2019, Installation mit Video und Bronzeskulpturen, Ausstellungsansicht Kunstraum Kreuzlingen

Foto: Peter Burgdorfer

Foto: Peter Burgdorfer

Fokus

Gleich zwei Museen widmen Ursula Palla eine Einzelausstellung. Mit ‹Nowhereland› zeigt das Bündner Kunstmuseum Chur eine Retrospektive, während Palla für ‹Like a Garden› im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona neue Werke kreiert. Verbindende Motive sind Momente von Ästhetik und Zerstörung sowie das Potenzial von Pflanzen für politische Gesten. 

Ursula Palla — Bittersüss, wie ein Garten im Niemandsland

Mit einer ungeheuerlichen Kraft trifft einen die Erkenntnis um die tödliche Gefahr der 3000 Angelhaken, die als Rauminstallation grazil in Form einer Welle in Chur von der Decke hängen. Dies allerdings erst, nachdem einem die latente Gefahr bewusst wird, die der atemberaubenden Ästhetik innewohnt. Mit ‹Landscape 5 Part 3›, 2013/2022, thematisiert Ursula Palla die zerstörerische Kontinuität der Überfischung. Die Fragilität des Ökosystems sowie das zerrüttete Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Natur sind wiederkehrende Themen in ihrem Schaffen, die sie über eine zunächst verführerische Schönheit zugänglich macht. Gleichzeitig bietet die Künstlerin eine Form von Sinnlichkeit, die Misstrauen weckt und die Komplexität brisanter Themen aufscheinen lässt.
Kippmomente zwischen Schönheit und Gefahr
Das Zusammenbrechen einer vermeintlichen Idylle zeigt sich auch im ‹Karamellzimmer›, 2018/2022, wo Möbel aus gebranntem Zucker – Kronleuchter, Stühle, Beistelltischchen und Geschirr – nach und nach dahinschmelzen und ihre Stabilität verlieren. Der süsse Duft vermischt sich beim Gedanken an den Zucker als Kolonialware mit einem bitteren Nachgeschmack. Der Standort des Werks in der ehemaligen Wohnvilla des Baumwollhändlers Jacques Ambrosius von Planta (1826–1901) richtet den Blick auf das Leben der wohlhabenden Bündner Handelsfamilien sowie die Verbindung der traditionsreichen Kultur der Zuckerbäcker mit der kolonialen Vergangenheit Europas. Das sich spiegelnde Bodenelement verschränkt das bourgeoise Interieur mit den Karamellobjekten sowie mit unserer unmittelbaren Gegenwart. Momente zwischen Ästhetik und Zerstörung, Fragen von Werten und Zuschreibungen sind für Ursula Palla kontinuierliche Themen in ihrem Schaffen und führen die Aktualität ihres Œuvres einmal mehr beispielhaft vor Augen.

Eine florale Konstante
Die Blume als Motiv in der Kunstgeschichte hat eine lange Tradition – von religiösen Kontexten und symbolischen Zuschreibungen bis zur Etablierung des Blumenstilllebens im Barock und Sujet in der Gegenwartskunst. Auch bei Ursula Palla zieht sie sich als Konstante durch ihr Œuvre. Liess sie früher farbenprächtige Bouquets als Memento mori explodieren, lässt sie heute bronzene Gärten der Vergänglichkeit trotzen. Für die Schau im Kunst(Zeug)Haus beschäftigt sich die Künstlerin mit Pflanzen, die es heute nicht mehr gibt. So kreiert sie anhand von wissenschaftlichen Zeichnungen ein skulpturales Herbarium von verschwundenen Gewächsen oder befasst sich in einer Videoarbeit mit dem Samen-Bunker auf der norwegischen Insel Spitzbergen – dem «Gedächtnis der Welt», wie sie sagt. Mit ‹Like a Garden› bringt Palla ausgestorbene Pflanzen zu neuer, wenn auch künstlich generierter Blüte, während sie damit gleichzeitig ihr Interesse an Fragen von Ökologie und Wertezuschreibungen manifestiert. Was bedeutet Natur für uns? Was sagt es über uns aus, wenn wir einem Land mit vielen Bodenschätzen zwar grossen Wert beimessen, es durch Abbau aber gleichzeitig ausbeuten?

Unkraut statt Blumenpracht
Um eine Umschreibung geht es auch, wenn Palla Claude Monets farbenprächtig gemalte Blumengärten nimmt und sie in schwarze Skulpturen übersetzt. Die künstliche Schönheit einer gezähmten, beinahe sterilen Natur in Monets Gemälden, die keinen Raum für wildwachsende Pflanzen oder gar Unkraut lässt, hat Palla bewogen, ein Gegenstück dazu zu kreieren. Denn die Künstlerin interessierte sich weniger für die perfekten Blumen im gehegten Garten, sondern vielmehr für die eher ungeliebten Pflanzen, die ungebeten wachsen und hartnäckig Raum einnehmen. Mitsamt ihren Wurzeln ausgerissen wirft das verdorrte Unkraut aus Bronze in ‹Empty Garden›, 2020, im Bündner Kunstmuseum seinen Schatten auf eine Museumswand, wo sich dieser mit sich bewegenden Projektionen mischt – die silhouettenhafte Erinnerung einer Bewegung. In Bronze gegossen wird Monets unliebsames Unkraut veredelt und erlangt eine Wertsteigerung.

Eine Distel für den Frieden
Ein hartnäckiges Gewächs, das als Pionierpflanze an den unwirtlichsten Orten aus dem Boden spriesst, ist die Distel. Palla wählte sie für ihren Projektvorschlag 2020 für das Polizei- und Justizzentrum Zürich (PJZ). Drei bronzene Pflanzen mit Aluminiumstängeln von 6 bis 10 Metern Höhe werden nun dieses Jahr im Innen- und Aussenraum des Areals umgesetzt.
Mit der Wahl der Wegdistel (Carduus acanthoides), die keine gezüchtete und normierte Blume, sondern eine wilde Pflanze ist, charakterisiert sie Palla als Symbol für unsere diverse und kritische Gesellschaft. Die ursprünglich historisch angelegte Referenz auf die Bedeutung von Blumen im Kontext revolutionärer Prozesse – wir denken an die portugiesische Nelkenrevolution 1974 oder an das Antikriegslied «Where have all the flowers gone» von 1955 – hat sich schlagartig in eine brisante Aktualität verwandelt. Im gegenwärtigen Zeitgeschehen von Polizeigewalt und Ukraine-Krieg mitten in Europa ist Ursula Pallas Werk ‹Listen to the Flowers›, 2022, ein bedeutungsvolles Zeichen: Waffen, welche die Zürcher Bevölkerung Jahr für Jahr freiwillig der Polizei abgibt, werden eingeschmolzen und als Material für den Distelkern eingesetzt. Waffen werden in symbolträchtiger Weise zu Blumen und Ursula Pallas Distel zu einem Plädoyer für den Frieden.

Das Zitat stammt aus einem Gespräch mit der Künstlerin am 7.3.2022 in ihrem Atelier in Zürich.
Seraina Peer ist Kunsthistorikerin, lebt und arbeitet in Chur und Bern. seraina.peer@bluewin.ch

→ ‹Ursula Palla – Nowhereland›, Bündner Kunstmuseum Chur, bis 29.5. ↗ www.kunstmuseum.gr.ch
→ ‹Ursula Palla – Like a Garden›, Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona, 22.5.–31.7.  ↗ www.kunstzeughaus.ch
→ ‹Ursula Palla – Whiteout›, Katalog mit Texten von Stephan Kunz, Isabel Zürcher, Angelika Affentranger-­Kirchrath sowie einer Beilage mit Aufnahmen aus dem Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona mit einer Einleitung von Céline Gaillard und Simone Kobler, hg. vom Bündner Kunstmuseum Chur, Kunst(Zeughaus)Rapperswil-Jona, Binding Sélection d’Artistes, Verlag für moderne Kunst, 2022
→ ‹Ursula Palla – und nichts als dies›, Johanneskirche Zürich, bis 1.7.; Gespräch mit der Künstlerin und der Kuratorin Susann Wintsch zur Finissage, 18 Uhr ↗ www.johannes-kirche.ch/kunst

Bis 
29.05.2022

Ursula Palla (*1961, Chur) lebt in Zürich
1988–1991 F+F Schule für Kunst und Design, Zürich
1993–1999 Dozentin für Video und Experimentalfilm, F+F Schule für Kunst und Design, Zürich
1993–2002 Mitglied der Performance-Gruppe CPX (Cooperation Project X), mit Lukas Bardill, Guido Baumgartner, Syl Betulius, Gabriela Brühwiler, Chukie Buffoli, Co Gründler, Tom Lang und Doris Schmid
seit 2021 Lehrbeauftragte Filmfachklasse, Hochschule Luzern

Einzelausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Nowhereland›, Bündner Kunstmuseum Chur; ‹Like a Garden›, Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil-Jona
2020 ‹Jardin infini›, Galerie Gisèle Linder, Basel
2019 ‹Empty Garden›, Kunstraum Kreuzlingen
2018 ‹Das Karamellzimmer›, Museum Aargau, Schloss Hallwyl und Schloss Wildegg
2017 ‹Black Flowers›, Kunstmuseum Bern im Progr Zentrum für Kulturproduktion, Bern
2016 ‹Hinter blau grau›, Sam Scherrer Contemporary, Zürich
2013 ‹Die fünfte Jahreszeit›, Museum Langmatt, Baden
2010 ‹Weites Land II›, Kunstraum Walcheturm, Zürich
2008 ‹Strange Paradise – Videoarbeiten und Installationen 2001–2008›, Bündner Kunstmuseum Chur
2004 ‹Wolkenmaschine II›, Kunstraum Walcheturm, Zürich
2002 ‹Tide›, Kunsthalle Vebikus, Schaffhausen
1999 ‹Weites Land›, Kleines Helmhaus, Zürich

Institutionen Land Ort
Bündner Kunstmuseum Chur Schweiz Chur
Kunst(Zeug)Haus Schweiz Rapperswil-Jona
Johanneskirche Schweiz Zürich
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Ursula Palla — Like a Garden 22.05.202231.07.2022 Ausstellung Rapperswil-Jona
Schweiz
CH
Ursula Palla — Nowhereland 09.02.202229.05.2022 Ausstellung Chur
Schweiz
CH
Künstler/innen
Ursula Palla
Autor/innen
Seraina Peer

Werbung