Louisa Gagliardi — Homo Deus

Louisa Gagliardi · Sunbather, 2023, Tinte und Nagellack auf PVC, 250 x 200 cm

Louisa Gagliardi · Sunbather, 2023, Tinte und Nagellack auf PVC, 250 x 200 cm

Besprechung

Louisa Gagliardi erfasst das Unscheinbare im Flüchtigen. Sie «malt» Momente, die zu oft unbeachtet bleiben. Spiegelt sich im Flug der Möwen, im Welken der Blumen oder in einer zerknüllten Bettdecke nicht die Süsse, die das Dasein ausmacht? Bei Eva Presenhuber lässt uns die Künstlerin darin eintauchen. 

Louisa Gagliardi — Homo Deus

Zürich — Beim Eintreten in die Galerie Eva Presenhuber stösst man auf ein Kaminfeuer. Darüber hängt ein grosser Spiegel, vor dem eine Vase mit dahinwelkenden Tulpen steht. Sind die Blumen echt? Man kommt nicht umhin, in den Spiegel zu blicken, und begegnet, wohl oder übel, allem voran sich selbst. Bereits hier klingt das allumfassende Thema der Ausstellung an: Was ist Schein? Was ist Wirklichkeit? Denn die Atmosphäre des wärmenden Kaminfeuers entpuppt sich als vorgetäuschte Behaglichkeit. Stattdessen fungiert das Werk als eine Art Portal, das die Besucher:innen in eine digital konstruierte Unterwelt, geradezu ins Metaversum, teleportiert. Dabei hallt ein Echo durch den Raum. Ein Echo, das verführen will und dennoch abstösst.
Auf den ersten Blick wirken die Werke von Louisa Gagliardi (*1989, Sion) kühl und distanziert. Zugleich geht von ihnen eine magische Anziehungskraft aus. Das oft bläulich-grüne Inkarnat der Protagonist:innen erinnert an Avatare. Dabei wurden einst Heilige in einer Vielzahl von Kulturen mit blauer Hautfarbe dargestellt, um so auf ihre Ätherik hinzuweisen. Auch Gagliardis Figuren wirken wie aus einer anderen Welt. Forsch blicken sie uns an und wandeln sich vom Objekt zum Subjekt. Ebenso hochmütig wie nüchtern, provozieren sie und werfen die Betrachtenden auf sich selbst zurück. Ein Unbehagen stellt sich ein.
Die digital gemalten Bilder, die anschliessend meist auf PVC gedruckt und partiell mit glitzernden Lacken überarbeitet werden, verdienen die Bezeichnung «Gemälde». Gagliardi setzt zahlreiche kunsthistorische Referenzen in die Bildnisse, etwa den Mythos des Narziss, der so sehr in sich selbst vernarrt ist, dass er schliesslich verhungert. Darüber hinaus taucht immer wieder das Motiv des Wasserglases auf. Wasser verspricht neues Leben. Ersetzt das Wassergefäss hier den eucharistischen Becher? Dass der Mensch sich selbst zum Schöpfergott erhoben hat, ist bekannt. Doch wohin führt die Selbstüberhöhung? Ohne Narrative vorzugeben, überzeugt die junge Zürcherin mit Intelligenz, Einfallsreichtum und Humor. Mit unverwechselbarer Handschrift erschafft sie grossartige Bildwerke, die reich an lyrischem Ausdruck sind. Louisa Gagliardi fängt präzise das befangene Lebensgefühl unserer Zeit ein und überträgt es in sinnliche Schauplätze. Das wahrhaft Besondere an ihren Werken ist der Appell an die Imagination der Betrachtenden. Dabei drängen sich immerzu Fragen auf: Was bleibt «am Ende»? Und ist nicht jedes Ende auch ein Anfang?

Bis 
20.05.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Louisa Gagliardi 25.03.202320.05.2023 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Louisa Gagliardi
Autor/innen
Samantha Grob

Werbung