Alexander Hahn in der Kunsthalle Palazzo

Alexander Hahn · The invisible never happens, 1998, Videoprint aus der Videoinstallation

Alexander Hahn · The invisible never happens, 1998, Videoprint aus der Videoinstallation

Besprechung

Erinnerung ist das Thema einer raffinierten Ausstellung, die der Videokünstler Alexander Hahn in Liestal inszeniert hat.

Alexander Hahn in der Kunsthalle Palazzo

Der Auftakt scheint wenig spektakulär: Ein Blumentopf mit kläglichem Gewächs auf einem Gestell vor einer Wand. Allerdings führt kein Weg an dieser Videoprojektion vorbei: Man muss gar durch diese Lichtschranke hindurchgehen, um in die Ausstellung von Alexander Hahn (*1954) in der Kunsthalle Palazzo in Liestal zu gelangen. Dann steht man im Dunkeln, blickt auf eine Projektion im Kinoformat. Tonlos fährt die Kamera durch ein zerfallenes Treppenhaus, schwingt nach links in einen Raum, tastet die Wände ab, den Boden – unter dem Fischauge gerät das Statische in Bewegung. Im nächsten Zimmer wölbt sich ein zerknautschtes Bett, als suche es nach den Körpern der Liebenden, und plötzlich sind wir im Vatikan, beobachten einen Priester, der mit einer Lupe eine alte Handschrift entziffert. Zurück im Treppenhaus, nach rechts, und nun haben wir eine Wasserschleuse vor uns, ein Handschuh fällt durchs Bild, und alles beginnt von vor. «Memory of Light – Light of Memory» ist gebaut wie unsere Erinnerung, die beim imaginären Gang durch ein zerfallenes Haus an die Charakteristika der einzelnen Räume auch ganz andere Bilder knüpft – Querschläger, die alle Kohärenz von Raum und Zeit durchbrechen. Das eigene Licht, die eigene Realität der Erinnerung, die Ungleichzeitiges verbindet und räumliche Distanzen verschwinden lässt, wird hier mit dem Medium Video sozusagen von Aussen erlebbar gemacht.

In einer entfernten Ecke des Raumes sehen wir jetzt die weit kleinere Projektion von zwei honigfarbenen Skulpturen, die am Rande eines nächtlichen Flusses stehen – aus der Nähe bemerken wir, dass ihre Gesichter auf geheimnisvolle Weise bewegt sind. «Sisters» gehört zu einer dreiteiligen Installation mit dem Titel «The invisible never happens». Zwei Schritte weiter nagt ein «Rodent» verbissen am Fensterkitt seines gläsernen Käfigs, und daneben zucken Blitze durch das Blau einer Gewitternacht über einer idyllischen Wiese mit kleinem Haus – «The very day». Gemeinsam ist allen drei Videos, dass sie auf paraffinbeschichtete Leinwände projiziert werden: Dadurch wirken sie leicht unscharf, die Farben leuchten und die Unregelmässigkeiten im Wachs wirken wie Pinselstriche. So wirkt etwa «The very day» wie eine Landschaftsimpression. Nach einiger Zeit jedoch sehen wir plötzlich, dass Haus und Wiese eigentlich im prallen Sonnenlicht stehen – vor nachtblauem Himmel. Vordergrund und Hintergrund entstammen offenbar verschiedenen Zeiten, vielleicht auch verschiedenen Orten – wie selbstverständlich haben wir sie zu einem Bild zusammengefügt. Auch wenn wir jetzt um die kunstvolle Montage wissen: «The very day» bleibt uns in Erinnerung als der Tag, an dem das Unsichtbare doch geschah.

Beim Verlassen der Ausstellung schieben wir uns wieder durch den Lichtstrahl, vorbei am Blumentopf. Doch was ist passiert: Die Mauer hat wüste Risse bekommen, die Pflanze ist kräftig gewachsen. Waren wir wirklich so lange da drin? Wo waren wir denn?


Bis 
27.06.1998
Künstler/innen
Alexander Hahn
Autor/innen
Samuel Herzog

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