Gebändigte Wildheit, gezähmte Natur

Tamara Grcic

Tamara Grcic

Bonn 1997, Bonner Kunstverein, 30.4.–25.5. 1997, 30-teilige Serie, C-prints, je 20,3 x 25,4 cm; Foto: Peter Osvald

Bonn 1997, Bonner Kunstverein, 30.4.–25.5. 1997, 30-teilige Serie, C-prints, je 20,3 x 25,4 cm; Foto: Peter Osvald

Fokus

Tamara Grcic ist eine Malerin mit den Materialien des Alltags: Früchte, Gemüse, Kleidungsstücke und Behältnisse, wie sie in jedem Haushalt zuhanden sind, bilden die Palette, mit denen die in Frankfurt und New York lebende Künstlerin ebenso präzise wie komplexe Bildsituationen schafft.

Gebändigte Wildheit, gezähmte Natur

Zu den Zeit-Bildern von Tamara Grcic

In einem ihrer frühen Filme beobachtet Tamara Grcic´s Kamera Stände auf dem Wochenmarkt: Zu Bergen aufgehäuftes Obst in obszönen Mengen, Hände, die begehrlich nach den sauber aufgereihten Früchten greifen, einzelne von ihnen flüchtig streifen, andere wiederum prüfend drücken und betasten, sie ergreifen und einander reichen oder wieder von ihnen ablassen, um an anderer Stelle das Spiel von neuem zu beginnen.

Die stumme Sinnlichkeit und das voluminöse Angebot des Obstes, kadriert und gezähmt für den Verkauf, wie auch das Begehren in der Bewegung der Hände, das von den Schnitten der Kamera in einen Rhythmus gefasst und damit seinerseits zur Ordnung gerufen wird, beschreiben beide ein Spannungsfeld, das bis heute charakteristisch für die Arbeit der Künstlerin geblieben ist: Kunst nicht als Zähmung der Natur, sondern als Medium, in dem diese Zähmung zum Thema wird und reflektiert werden kann, ohne dass die Dinge selbst ihr Sein als solches preisgeben müssten.

So stellte Tamara Grcic´ 1994 in der Galerie Voges & Deisen in die Mitte des Ausstellungsraums, dessen Fenster mit Holzplatten verschlossen worden waren, einen Tisch, auf dem sich hunderte von Orangen häuften. Durch ein kreisrundes Loch in der Decke fiel ein einziger Lichtstrahl auf den Tisch. Er erleuchtete, von den goldenen Schalen der Früchte reflektiert, eine seltsam berührende Szenerie: Als seien sie vom warmen Lichtstrahl zum Leben erweckt worden, schienen sich die Orangen zu bewegen und über die künstlich erhöhte Tischkante drängen zu wollen – aufgehalten allein von einer Plexiglasplatte, die sie auf immer im Moment des Fallens verharren liess.

Mit der körperlichen Präsenz von Früchten, die doch auch dann noch Träger von Lebensenergie sind, da sie der Mensch vor allem als Produkt einer auf Verbrauch ausgerichteten Züchtung und als eine zum Verzehr vorgesehene Ware begreift, arbeitete im selben Jahr auch Grcic´s «Zwölf Stunden Ausstellung» im Frankfurter Portikus. Hier hatte die Künstlerin auf siebzig in Höhe und Grösse leicht variierenden Tischen, die den Containerbau in seiner gesamten Tiefe und Breite verstellten, strahlendweisse Nesseldecken plaziert, auf und zwischen denen sich siebenhundert Honigmelonen aus der nahegelegenen Grossmarkthalle drängten. Für die bemessene Zeit eines Tages durften die goldgelben Früchte im weissen Kubus der Ausstellungshalle ihr warmes Licht und ihren süssen Duft verströmen, als Lebens-Mittel ihre Energie im Kunst-Raum entfalten. Danach wurden sie wieder zurückgestossen in die Welt des Alltags und – da ihre Weiterverwendung als Handelsware aus lebensmittelrechtlichen Gründen nicht mehr möglich war – als Spende für die Sozialküche in den Nahrungskreislauf reintegriert.

Zeitschnitte aus dem Kreislauf der Natur   Dabei ist es sicherlich kein Zufall, dass in diesen während der und in unmittelbarem Anschluss an die Studienzeit an der Frankfurter Städelschule entstandenen Arbeiten immer wieder Zeit zum Thema wird. So auch in einer 1995 für das Lindenau-Museum in Altenburg entstandenen Installation, für die Tamara Grcic´ den Boden des im Parterre gelegenen Raumes mit einem Teppich aus Erde aufschüttete, auf dem sie leuchtendrote, ungarische Paprikaund versprengte Reste des Verpackungsmaterials der Früchte verteilte. Beide Zeitschnitte aus dem Kreislauf der Natur korrespondierten mit Fenster-Bild und Raum-Bild über den Kontrast, der sich über die Dauer der Ausstellung hinweg zwischen der kontinuierlichen Regeneration aussen und der langsamen Auflösung der Lebensspuren innen bildete – von denen letztlich nur das Anorganische der Plastiktüten und -schnüre geblieben wäre, abgelegten Larven gleich. Für eine andere Arbeit sammelte die Künstlerin über drei Jahre hinweg die von ihr gelesene Tageszeitung, indem sie auf jedem gelesenen Exemplar eine Birne plazierte und den ungleichzeitigen Alterungsprozess beider Medien in Fotografien festhielt.

Fraglos wird in Bildern wie diesen Vergänglichkeit präsent. Sie allein auf das Thema des Memento mori zu reduzieren, wäre allerdings falsch. Eher schon lässt sich an Tamara Grcþic´s Anfänge im Film erinnern. Der französische Philosoph Gille Deleuze hat im Zusammenhang, mit dem Medium Film den Begriff des Zeit-Bildes formuliert, das – in Ablösung des Bewegungs-Bildes, das Zeit nur indirekt, aus der Suggestion von Sukzession entstehen lässt – die Zeit aus ihrer Abhängigkeit von der Bewegung befreit. «Das Intervall selbst übernimmt jetzt die Rolle des Zentrums», wie Deleuze schreibt, das allwissende Auge eines Erzählers tritt zurück, sodass sich die Gegenstände und ihre Ausstrahlung für jenen entscheidenden Moment einer Präsenz, die nicht mehr auf ein Aussen und nicht mehr auf Vergangenheit oder Zukunft referiert, verselbständigen und zu Denkbildern werden können.

Auch im Fall von Grcþic´s Arbeiten ist diese Autonomie des Zeit-Bildes keinesfalls als Anspruch auf eine Auratisierung des Kunstwerks selbst zu verstehen, sondern lebt vielmehr von einer aussergewöhnlichen Sensibilität der Künstlerin für die Strahlkraft des Randständigen, die vor allem auch das Spezifische des situativen Kontexts zu erspüren weiss. So war Tamara Grcþic´ 1996 zusammen mit sechs anderen Künstlern von der Projektgruppe Kunst und Kirche Hessen dazu eingeladen worden, für die Dauer des Buss- und Bettages einen Platz im Stadtraum Frankfurts zu bespielen, um dort einen Ort der Vergegenwärtigung zu schaffen. Grcþic´ wählte eine aufgelassene Verkehrsinsel am Rande des Zentrums, im «armen» Osten des Stadt – einer Gegend, in der sich billige Hotels und zwielichtige Bars mit öden Wohnblöcken abwechseln. In den tristen, müllübersäten Rasenzwickel vis à vis eines Tag und Nacht von den Trinkern des Viertels umlagerten Kiosks liess die Künstlerin halsüber Weinflaschen ein, deren Boden herausgebrochen worden war. Ein Beet dunkler Glasblüten, tödlich und schön. Wo andernorts städtisch gepflegte Rabatten gedeihen, waren hier wehrhafte Blumen des Bösen aufgewachsen, deren stummes Gewaltversprechen dem Genius loci jäh mit schmerzlicher Präzision entsprach.

Im selben Jahr hat Grcþic´ mit einer Installation in der Frankfurter Galerie Monika Reitz ein neues Arbeitskapitel begonnen, das sich gleichwohl als konsequente Weiterentwicklung in die Werkgeschichte fügt: Der vordere Teil der Galerie war mit Fotografien bestückt, die Nahaufnahmen aus dem Laden eines Gemüsehändlers in Chinatown zeigten.Anders als in den frühen Filmen hatte die Kamera der Künstlerin nun nicht mehr die Auslagen selbst, die appetitlichen An-Ordnungen der Früchte und ihren vorgezeichneten Verfall fokussiert, sondern den Blick am Evidenten vorübergleiten lassen, um sich ganz auf die Ränder des Geschehens zu konzentrieren. Entstanden sind Bilder, die in gezielter Beiläufigkeit Aufmerksamkeit zu fordern wagen für das Pretiose jener Seinsrückstände, die uns nur deshalb wertlos erscheinen, weil sie sich – einmal ge- und damit verbraucht – jeglichem Anspruch auf Funktion entzogen haben. In diesem Sinne abgelegt waren ursprünglich auch die Kleider gewesen, die Grcþic´ für ihre Installation im hinteren Teil der Galerie zusammengetragen und auf einfachen Feldbetten aufgehäuft hatte, die dicht an dicht den Raum verstellten und für das Publikum unzugänglich machten. In unendlich vielen Schattierungen und Nuancen leuchtender Rottöne und von mannigfaltigem Material, schienen die Körperhüllen nicht nur von ihren Trägern, sondern auch von ihrer ursprünglichen Funktion befreit im Raum zu schweben wie das farbige Licht, das von ihnen reflektierte und die Atmosphäre mit seinem stillen Glimmen zart, aber dennoch intensiv durchstrahlte.

Dieses Potential der Kleidung, einerseits als schützende Hülle auf die Anwesenheit oder Abwesenheit eines menschlichen Körpers zu referieren, andererseits aber auch ganz in jener Materialpräsenz aufgehen zu können, die sich aus der Sinnlichkeit des Stofflichen selbst ergibt, hat die Künstlerin seither immer wieder beschäftigt. Vom Bonner Kunstverein eingeladen, einen Beitrag für die Reihe «Duchamps Erben« zu formulieren, liess Grcþic´ ein Display ungetragener Konfektionsware in Dialog treten mit einer Reihe von Fotografien, die sie bei ihren New Yorker Stadtspaziergängen aufgenommen hatte: Hinterköpfe von Passantinnen, deren einst gebändigtes Haar sich im Gehen gelöst hatte und Spuren einer ehemaligen Wildheit durchblitzen liess – derselben Wildheit, deren künstlich erzeugtes Substitut in den Pelzkragen der präsentierten Wintermäntel widerschien.Wie eine weitere Verdichtung dieses Themas wirken die unmittelbar darauf entstandenen Fotografien, die Grcþic´ im vergangenen Herbst in ihrer Förderkoje auf der Art Cologne zeigte. Hier sind es nicht mehr Häupter, sondern Rücken, die in den Focus geraten sind: Kleider, die sich über kräftigen Schultern spannen, Falten schlagen wie eine schlaff gewordene Haut, die warm und schützend wirken oder deren Leichtigkeit die Konturen des Körpers um so sichtbarer macht; Stoffe, die Flecken oder Flusen zeigen können – immer aber einen ordnenden und geordneten Gegenpol bilden zu den Leibern, die sie formen und zu dem Haar, das mehr aus den Kragen zu wuchern, als sie allein zu bedecken scheint. In den jüngsten Filmarbeiten schliesslich sind Torsi von Männern und Frauen zu sehen, die sich in unendlicher Folge und endloser Wiederholung an- und wieder ausziehen, Hülle auf Hülle und Stoff auf Stoff schichten und wieder abstreifen, ein atemloser Rhythmus, mit dem – lassen wir uns einmal auf ihn ein – die Alltagshandlung zunehmend an Abstraktion gewinnt.Was in diesen Bildern erneut zum Ausdruck kommt, ist nicht zuletzt eine minutiöse Beobachtungsgabe für die Korrespondenzen zwischen der Natur der Dinge und ihrer Zurichtung durch den Menschen, der selbst nichts anderes ist als zugerichtete Natur, doch diese Natur noch am ehesten dann erfahren kann, wenn er Momente ihrer ursprünglichen Wildheit auch in sich selbst erkennt – eben jenes Spannungsfeld also, das Tamara Grcþic´ bereits in ihren frühen Filmen beschäftigt hat: Weniger eine Verklärung des Gewöhnlichen, als vielmehr eine Klärung dessen, was als Essenz des Seienden besteht, wenn sich die Existenz von ihren Sachzwängen zu befreien vermag. Eben indem Grcþic´ sich in ihren Gegenständen auf Wesentliches beschränkt und mit minimalen Eingriffen arbeitet, erlangen ihre Zeit-Bilder höchste Komplexität. Ihre Kunst besitzt eine solide Basis im Realen – und lässt gerade dadurch das Wunderbare als Sinn- und Denkbild bestehen.


Die Kunsthalle St.Gallen zeigt vom 7.6.–19.7. eine neue Filminstallation und Fotografien von Tamara Grcic. Gleichzeitigist sie mit einigen Arbeiten in der Präsentation «Das Mass der Dinge» in der Ursula Blickle Stiftung in Kraichtal vom 6.6.–5.7. präsent. Eine weitere Einzelausstellung folgt im Kunstverein Freiburg/B vom 24.7.–6.9.

Künstler/innen
Tamara Grcic
Autor/innen
Verena Kuni

Werbung