Harald F. Müller in der Galerie Mai 36

Harald F. Müller · Rohbau Illford MG IV. Pearl auf Alucobond

Harald F. Müller · Rohbau Illford MG IV. Pearl auf Alucobond

Besprechung

Was zeigt ein Bild, eine Schrift oder eine Skulptur im Raum, unabhängig davon, dass es sich um ein Bild, eine Schrift oder eine Skulptur handelt? Diese Frage und die entsprechenden Antwortmöglichkeiten verfolgt Harald F. Müller mit stoischer Gelassenheit seit Beginn der achziger Jahre.

Harald F. Müller in der Galerie Mai 36

Harald F. Müller war einer der ersten, der seine grossen, auf Aluminiumplatten aufgezogenen, Cibachrome-Fotografien mit einem gehörigen Abstand vor der Wand schweben liess. Die Gegenstände auf den Bildern, sei es die musterhafte Fassade einer Innenarchitektur, ein Lastwagen oder das Riesenrad im Wiener Prater, bewegten sich in den Raum hinein. Sie waren zwar Bilder, aber sie wirkten wie Skulpturen. Andererseits plazierte Müller riesige, in vielen Schichten in dunklem preussisch-blau bemalte kastenartige Körper in den Raum, die ihrerseits wieder wie ein monochromes Tafelbild erschienen.

Müller fotografiert selten selber, sondern sucht und findet seine Motive hauptsächlich in Firmenarchiven. Nur wenige Aufnahmen bestehen den kritischen Prozess seiner Auswahl. Doch wenn er sich einmal für ein Bild entschieden hat, bleibt er ihm treu. Über Jahre hinweg taucht es immer wieder in verschiedenen Grössen auf, oftmals speziell auf die Verhältnisse bestimmter Ausstellungssituationen hin produziert. Dies reicht bis zu mit modernen Grossformatdruckern gefertigten riesigen Planen, die aufgespannt in einem Schlosshof oder auf Dächern erscheinen.

In den letzten Jahren tendiert die Bildauswahl zu architektonischen Motiven und gleichzeitig tauchen statt farbiger nun vermehrt schwarzweisse Bilder auf. Die Architekturen erscheinen dabei entweder im unvollendeten Rohbauzustand oder im Prozess der Zerstörung, zum Beispiel durch ein Feuer.

Dadurch erhalten sie etwas Archaisches, sie sehen aus, als ob sie nur noch ihre skulpturale Grundstruktur zeigen wollen, die kaum zu zerstören ist. Es spielt keine Rolle, wie das Gebäude vorher aussah oder hinterher aussehen wird, wenn die Architekten bis an die Schmerzgrenze ihre Kompromisse mit den Nutzern schliessen mussten.

So wie Müller den Skulpturcharakter der Bilder und den Bildcharakter der Skulpturen untersucht, beschäftigt er sich neuerdings mit Schrift. In mächtigen Holzbuchstaben schwebt der Schriftzug «Fleurs du mal» in zwei Zeilen aufgehängt vor der grüngestrichenen Wand. Man spürt die Schwere des Materials, man schaut sich die Strukturen des Holzes genau an, tritt wieder ein wenig zurück, um noch einmal zu lesen. Jeder Buchstabe ist gebaut, seine Proportionen genau abgewogen, es scheint eine Schrift für die Ewigkeit zu sein. Bis 20.6.

Harald F. Müller ist auch in einer Gruppenausstellung im Büro Sophia Ungers, Köln, bis zum 6.6. präsent.


Bis 
19.06.1998
Autor/innen
Christoph Blase
Künstler/innen
Harald F. Müller

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