I don’t know what to sing. I do sing anything

Artistfilm, 1996

Artistfilm, 1996

The New Lovesongs, 1999

The New Lovesongs, 1999

Fokus

Die eingängigen Rhythmen der kleinen Elektroorgel, verwackelte Videosequenzen und die charmant vor sich hin trällernde Stimme vermögen zu verzaubern. Annika Ströms ‹Artist Songs› eignen sich Strategien des Popsystems an, um jenseits von Glanz und Glamour Affekt und Nähe hervorzubringen und gleichzeitig auf äusserst spielerische Art Institutionskritik zu üben.

I don’t know what to sing. I do sing anything

Zu den Videoarbeiten von Annika Ström

Philipp Kaiser · Die eingängigen Rhythmen der kleinen Elektroorgel, verwackelte Videosequenzen und die charmant vor sich hin trällernde Stimme vermögen zu verzaubern. Annika Ströms ‹Artist Songs› eignen sich Strategien des Popsystems an, um jenseits von Glanz und Glamour Affekt und Nähe hervorzubringen und gleichzeitig auf äusserst spielerische Art Institutionskritik zu üben.
I don’t know what to sing. I do sing anything.

Zu den Videoarbeiten von Annika Ström In Annika Ströms Videoarbeit ‹Artistfilm›, 1996, ist gleich zu Beginn ein mit zittriger Hand gefilmter, asiatisch aussehender junger Mann am Strand zu sehen, der die Künstlerin neugierig über ihre Tätigkeit befragt. Es scheint, als hätten sich die beiden eben erst kennen gelernt und als würde ihn ihre künstlerische Arbeit nicht besonders interessieren. Dennoch fragt er immer wieder erstaunt: ‹What it is about your art? All about yourself?› Zu einem späteren Zeitpunkt erklärt dann Annika Ström mit Sonnenhut und dunkler Brille vor laufender Kamera einem fiktiven Gegenüber aus einer aussereuropäischen Kultur das hiesige Kunstsystem und bezeichnet ihre eigene Arbeit als Performance. Eine performative Dimension durchdringt tatsächlich alle Videoarbeiten der Künstlerin, da sie meist selbst auftritt und tänzelnd Liebeslieder zum Besten gibt. Zuerst in deutscher, dann in englischer Sprache bestehen ihre Songs zumeist aus kurz gefassten Hauptsätzen. Formelhaft werden die Phrasen in einer Refrainschlaufe mehrfach aneinandergereiht und variiert, so dass der jeweilige Höhepunkt, die Kernbotschaft, bereits den ganzen Song ausmacht. Die selbstgeschriebenen Lieder mögen dabei reichlich naiv und unverfroren daherkommen, sind jedoch trotz ihrem subtilen Witz durchaus ernst gemeint.

HomeClip   Die Songs bilden den Ausgangspunkt für die Bildcollagen, die anders als in einem Videoclip weder rhythmisch noch atmosphärisch aufeinander abgestimmt sind. Streckenweise erinnern die ‹Ten New Lovesongs›, 1999, oder die ‹Six Songs for a Time Like This›, 2001, viel mehr an Homevideos, wie sie seit der Verfügbarkeit elektronischer Aufnahmegeräte in jedem Haushalt in irgendeinem Schrank zu finden sind. Wie ein Tagebuch, ohne klar eruierbare erzählerischen Stränge, sind in ‹Ten New Lovesongs› etwa die Mutter der Künstlerin zu sehen, die ein schwedisches Liebeslied singt, oder der Onkel, der erklärt, auf welchem Stuhl er sich wann und warum gerne aufhält. Gerade weil die authentisch anmutenden Wackelbilder kaum mit den Melodien und den Rhythmen korrespondieren, legen sich die Lovesongs wie ein Teppich über die Bildwelten und selbst eine unspektakuläre und unterkühlte Schneelandschaft inklusive Zelt wird zu einem herzerwärmenden Spektakel. Der vorschnelle Vergleich der Lovesongs mit kommerziellen Videoclips der Musikindustrie ist aber insofern irreführend, als Annika Ström klar im Kunstkontext operiert und daher die Frage nach dem Adressaten virulent werden lässt. Die Betrachter der Videos werden zum begehrten Publikum, das wiederum konstitutiv für die Künstlerin ist: Begehren und Begehrtwerden schliessen sich hier zu einem wundervollen Kreislauf. Annika Ström nutzt in ihren Videoarbeiten die Mechanismen des Popsystems, auch jene der Selbstdarstellung, ohne aber allzu offensichtliche Analogien herzustellen. Allgemeingültige Formeln schaffen es, eine emotionale Nähe zu erzeugen, die durch die eingeblendeten, an Karaoke erinnernden Textzeilen sogar die Verschmelzung mit der Künstlerin anbietet.

Affirmative Institutionskritik   Ström inszeniert sich nicht als Popstar und schon gar nicht als Diva. Vielmehr versucht sie mittels des Popsongs ein Instrument affirmativer Institutionskritik zu entwickeln. Alles, was sie singt, dreht sich letztlich ganz alleine um ihre Kunst und ihre Rolle als Künstlerin. Dass dies kein narzisstisches Unterfangen bleibt, liegt daran, dass ausschliesslich institutionsspezifische Aussagen formuliert werden, wie dies noch deutlicher und pointierter in Annika Ströms Zeichnungen angelegt ist. Die parallel zu den Videos entstandenen Arbeiten auf Papier besagen denn auch nicht mehr als ‹This piece is made to support me› und aktivieren sich durch den Käufer gleich selber. Andere Arbeiten auf Papier wiederum zeigen die Künstlerin mit Videokamera und erinnern stark an die mehrmals auftauchende Videoszene, in der Annika Ström mit der Kamera ihren Schatten auf dem Boden filmt, sich einerseits ihrer selbst vergewissernd, andererseits die Autorschaft preisgebend.

Das Reden über Kunst und institutionelle Zwänge hat bei Annika Ström mit grosser Lust den künstlerischen Kontext verlassen, um über den Umweg der Musik eine angemessene Erweiterung und Bereicherung der Mittel zu finden. Ströms Fanartikel wie die Songs auf CD und T-Shirts mit Aufdrucken von Videostills sind dann nur noch die konsequente Rückführung der Arbeit in die echte Populärkultur.

Autor/innen
Philipp Kaiser
Künstler/innen
Annika Ström

Werbung