Marco Schuler in der Galerie zum Tor

Marco Schuler : Eintauchbild, 2002

Marco Schuler : Eintauchbild, 2002

Besprechung

Das Setting ist kurios und banal zugleich: Eine dieser kleinen, handelsüblichen Unterwasserkameras wird mit einem Stativ auf dem Boden des Schwimmbeckens platziert. Der Selbstauslöser blinkt und am Beckenrand wartet der Wassersportler auf den passenden Moment. Es gilt, den Sprung derart auszuführen, dass sein Kopf exakt in dem Moment die Wasseroberfläche durchstösst, in dem der Selbstauslöser den Verschluss der Kamera öffnet.

Marco Schuler in der Galerie zum Tor

Eine scheinbar absurde Verrichtung, die gleichwohl erstaunliche, ungesehene Bilder zutage fördert. Die Mehrzahl der Versuche schlägt natürlich fehl, was vor allem an den Rahmenbedingungen der Unternehmung liegt: Der Künstler als Wassersportler ist hier zugleich sein eigener Kameramann und die Fotosession wird zum performativen Wettlauf mit der Zeit. Also, rein ins Wasser zum justieren und auslösen der Kamera, raus aus dem Wasser und dann im richtigen Moment wieder zurück. Die gesamte Verrichtung wiederholt sich dann – einer Duchampschen Schokoladenreibe nicht unähnlich – mehrere Dutzend mal in einer Stunde. Ein narzisstisches Spiel mit dem eigene Körper und seinem Bild, dessen Ergebnisse mehr als nur ungewöhnlich Selbstportraits sind.

So schwebt Schuler impressionistisch sich auflösend nur wenige Millisekunden über der Wasseroberfläche oder schiesst gen Himmel und hinterlässt im Bild nur noch seine ausgestreckten, Wassertrichter hinter sich herziehenden Beine. Die Absurdität und Situationskomik der «fehlgeschlagenen» Versuche schlägt – wenn das «Timing» stimmt – allerdings umgehend um in eine spannende Befragung des eigenen Körpers als Medium der Kunst. Brutal und schmerzhaft durchstösst der deformierte Künstlerkopf dann den Wasserspiegel: Haut wird gedehnt und verzerrt, Wasser explosionsartig verdrängt, Kopf, Schultern und Arme schieben voluminös ausbuchtende Bugwellen vor sich her. Im Inneren dieser irisierenden, brodelnden Taucherglocke wird der menschliche Torpedo wieder zum filigranen, verletzlichen und peinsam peinlich sich selbst entblössenden Individuum.
Die Grenzen Pein und Peinlichkeit, Reflexion und Absurdität konvergierten in den Arbeiten Schulers mit erheblichem ästhetischem Mehrwert, wenn sich der Künstler in einem Windkanal – Windstärke 110 km/h – komplett ankleidet («Schuler zieht sich an», 2000) oder sich so lange in den Boden gräbt, bis er aus dem Bild verschwunden ist – «Schuler gräbt», 2000. Unter der Oberfläche schlichter Versuchsanordnungen, in denen kleine Streichholzmännchen auf beweglichen Bühnen zu Platzhaltern archaischer Rituale werden oder der eigene Körper zum Erkenntnisinstrument mutiert, entfaltet Schuler ein vielfältiges ästhetisches Vokabular zwischen Körper und Gesellschaft, zwischen Intimität und Entäusserung.

Bis 21.7.

Autor/innen
Martin Engler
Künstler/innen
Marco Schuler

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