Food Design

Hendrikje Kühne (*1962) und Beat Klein (*1956), Foto: Guido Nussbaum

Hendrikje Kühne (*1962) und Beat Klein (*1956), Foto: Guido Nussbaum

Food Design 1-93, 2004, dreidimensionale Collagen, Installationsdetail

Food Design 1-93, 2004, dreidimensionale Collagen, Installationsdetail

Fokus

Hendrikje Kühne und Beat Klein sammeln Bilder aus Werbeprospekten und montieren die Einzelteile zu auswuchernden Installationen. Dadurch entlarven sie die Ästhetik des Konsums, der Werbung und der Kunst.

Food Design

Hendrikje Kühne und Beat Kleins Baukasten-Paradiese

Anlässlich ihres Aufenthalts am Irish Museum of Modern Art in Dublin 1998 suchten sie aus Prospekten Abbildungen von zum Verkauf stehenden Gebäuden, klebten sie auf Karton, schnitten sie aus und steckten sie zu einer raumfüllenden Installation zusammen. Es entstand ein dichtes Geflecht von Häusern, Gassen und Plätzen. Von weitem erinnerte diese neu erbaute Stadt auch an die Fernsicht von Venedig, von der Lagune aus gesehen.

Seither entstehen viele Projekte mit den vor Ort vorhandenen Materialien. So arbeiten die beiden mit einer grossen Sammlung von Werbe-, Reise- und Immobilienprospekten und Postkarten aus verschiedenen Ländern - ein Fundus, der zu unterschiedlichen Installationen anregt. Und doch sind diese Objekte, ob es sich um Häuser, Landschaften oder Fressalien handelt, auch irritierend. Denn sie konstituieren scheinbar etwas - eine Stadt oder eine aus verschiedenen Landschaftselementen zusammengebaute Natur -, gleichzeitig dekonstruieren sie sich selbst. Indem wir uns die Installationen ansehen, sehen wir auch, wie sie aufgebaut wurden. Das erinnert an Mona Hatoums 1998 entstandene und in der Kunsthalle Basel gezeigte Arbeit «Map», die Installation einer Weltkarte bestehend aus Hunderten von Glasmurmeln. Vergleichbar wirken auch die Installationen von Kühne/Klein wie Modelle. Modelle von ungebauten Städten, von unbekannten Ländern, von gewünschten, gemiedenen oder verdrängten Vorstellungen. Besonders stark spürbar sind solche Situationen in der 2002 entstandenen «Map of Paradise» betitelten Collage, die jene kleinen schematischen Pläne aneinander reiht, die uns in einschlägigen Reiseprospekten die unbedingt sehenswerten Orte empfehlen. Das erinnert in seiner Komplexität an eine Weltkarte mit dem Unterschied, dass die Orientierungsmöglichkeiten verwischt werden, aber auch an jene kleinteiligen Kinderbücher mit Städten und Bauernhöfen, auf denen es ein verloren gegangenes Portemonnaie oder Schweinchen zu suchen gilt.

Expandierten die früheren Installationen vor allem horizontal, so wuchert «Food Design» auch vertikal. Lebensmittelabbildungen wurden aus entsprechendem Werbematerial ausgeschnitten und zu opulenten Ike-bana-Stillleben zusammengesteckt. Jedem Käufer eines Objekts wird eine Broschüre mit den Abbildungen aller 93 Objekte mitgegeben. Neben Grössenangaben und der Anzahl der Einzelteile ist auch der Prozentanteil der Produkte vermerkt. Die Objekte, bestehend aus Fotos von Käse, Schinken, Süssigkeiten und Salaten, können auch als Zeitdokument verstanden werden, die Auskunft über die stilistischen und die geschmacklichen Präferenzen einer bestimmten Epoche geben.

Auch eine weitere aktuelle Arbeit der beiden, die zurzeit bei Staub (g*fzk!) in Zürich gezeigt wird, arbeitet mit diesem historisierenden Aspekt. «Erzeugen Tomaten einen Hang zur Schwermut?» ist, wie auch die Steck-Gebilde, eine neue Art von Portrait und zwar von durchschnittlichen EinkäuferInnen. Kühne/Klein haben während geraumer Zeit liegen gelassene Einkaufszettel gesammelt und diese über das Internet grafologisch gedeutet, statistisch ausgewertet und in Zusammenhang mit den aufgelisteten Lebensmitteln gestellt. Dabei haben die «handicraft maniacs» ganz fett «Beute» gemacht und der Neugier an den achtlos liegen gebliebenen Kleinigkeiten nicht widerstehen können. Jedem Aspekt wurde eine bestimmte Farbe und eine Position zugeordnet. Diese Auswertungen werden auf einem Blatt ähnlich einem Strichcode präsentiert.

Die Materialien, deren sich Kühne/Klein bedienen, werden in der Regel nur kurze Zeit verwendet. Postkarten werden versandt, Reisekataloge durchgeblättert und entsorgt. Mit der von ihnen konstruierten «Unterhaltungsarchitektur» konservieren sie einen zeitlich geprägten Geschmack und animieren durch die Einwirkungen von Stimulation und Konstruktion zu einem kreativeren Umgang mit Materialien.

Ein Kurator hat uns mal als die «handicraft maniacs» bezeichnet. Tatsächlich ist eine gewisse, kontrollierte Obsession Teil unserer Arbeitsweise. Wir schneiden uns durch eine beständige Flut an Bildmaterial, ähnlich den Menschen, die sich durch den Griesbrei essen, um ins Schlaraffenland zu gelangen. (K/K)

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