Arno Hassler im Rahmen von «échanges» im Museo Cantonale d&acuteArte

Arno Hassler · Schluchten (Via Mala), 1999, Schwarzweissfoto, 38x214 cm

Arno Hassler · Schluchten (Via Mala), 1999, Schwarzweissfoto, 38x214 cm

Besprechung

In der Regel wissen wir, wo oben und wo unten ist. Und sollten wir einmal in der misslichen Situation sein, dass uns der Kugelschreiber aus dem Brusttäschchen über das Gesicht nach oben rutscht oder der Speichel in die falsche Richtung läuft, ist dies ein alarmierendes Zeichen einer existenzieller Notlage. Nicht so zurzeit in Lugano, wo die BesucherInnen mit quergestellten Köpfen verzogene Fluchtlinien und verschliffene Helldunkel-Zonen nach Haltepunkten absuchen, um sich in den verwirrenden Fotopanoramen des Künstlers Arno Hassler zurechtzufinden.

Arno Hassler im Rahmen von «échanges» im Museo Cantonale d&acuteArte

Eigentlich sieht das Gebotene aus der Ferne ganz vertraut aus: Panoramen, wie wir sie von Swissair-Kalendern zu kennen vermeinen. Doch was der Schweizer Panorama-Pionier Emil Schulthess mit seiner selbstkonstruierten Kamera vom Helikopter oder von markanten Aussichtspunkten aus während vierzig Jahren fotografierte, ist eine andere Welt, als diejenige, die wir in den Aufnahmen von Arno Hassler (*1954 in Donat) antreffen. Wie Schulthess gehört zwar auch Hassler zu den Tüftlern und hat seine Kamera selbst entwickelt. Doch anders als seinem Vorgänger geht es ihm nicht um den pathetischen Mehrwert eines an sich schon atemberaubenden Rundumblicks. Hasslers Aufnahmen kommen viel zurückhaltender daher, sind nicht auf das monumentale Einzelbild ausgerichtet, sondern meist als thematische Reihen angelegt. «Oluborlu» beispielsweise dokumentiert eine Reise durch die Türkei: Auf den kleinen Formaten dehnen sich karge, anatolische Landschaften, blendend weisse Kalktreppen, armselige Dörfer und Strassen, die von Nirgendwo nach Nirgendwo zu führen scheinen. Doch je mehr man sich in die Bilder vertieft, desto stärker wird einem bewusst, dass man die Szenen nur additiv wahrnimmt. Gelegentlich bleibt der Blick hängen, beispielsweise an einem Hügel mit zahlreichen Höhlen, die auf menschliche Behausungen schliessen lassen. Dahinter öffnet sich eine Ebene, welche den Blick im Strassengeviert eines elenden Vorstadtviertels wegsausen lässt. So oft man auch versucht, die Bildstreifen vor dem inneren Auge zu einem 360°-Panorama zusammenzusetzen, die räumliche Logik des Bildmotivs und die flächige Realität des Fotos lassen sich nur selten zur Deckung bringen.

Noch ärger wird es bei den Schluchten, 1998-2003, der Roflaschlucht, den Gorges de Moutier, der Via Mala, der Taubenlochschlucht, der Aareschlucht... Hier verliert man endgültig die Bodenhaftung. Der Blick gleitet hinunter in das tief in den Felsen geschnittene Flussbett, durchs Wasser hindurch bis zu den Kieselsteinen. Oder man versucht es vertikal, verfolgt die glitzernden Lichtreflexe auf der Wasserfläche, schweift weiter durch eine steile Wiese in die gleissenden Baumwipfel, dann direkt in den Himmel - und wieder ins Wasser zurück.

Mit dem optischen Salto geht eine wahrnehmungsmässige Verunsicherung einher, welche uns radikal auf die eigene leibliche Mitte zurückwirft - eine Rückbesinnung, die uns laut Maurice Merleau-Ponty erst erlaubt «eine Welt zu haben». Dass damit das Bewusstsein der Welt auf ein elementares körperliches Selbstbewusstsein zurückdividiert wird, ist bemerkenswert, gerade in einer Alltagsrealität die täglich virtueller zu werden scheint. Zur Ausstellung, initiiert vom Schweizerischen Kunstverein im Rahmen der Reihe «échanges», erscheint ein Katalog.

Bis 
04.06.2005
Künstler/innen
Arno Hassler
Autor/innen
Claudia Jolles

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