Sigmar Polke im Kunsthaus

Sigmar Polke · Paris, 1971, ein Foto von 38 aus einer 41-teiligen Serie, je 18 x 24 cm, Privatsammlung, © Sigmar Polke

Sigmar Polke · Paris, 1971, ein Foto von 38 aus einer 41-teiligen Serie, je 18 x 24 cm, Privatsammlung, © Sigmar Polke

Besprechung

Mit rund siebzig Gemälden und Fotoarbeiten gewährt die Ausstellung im Kunsthaus Zürich Einblick in den experimentell angelegten Bilderkosmos von Sigmar Polke.

Sigmar Polke im Kunsthaus

Eine rauschhafte Farbensinfonie erwartet das Publikum im Bührlesaal des Kunsthauses. Riesige abstrakte Bilder aus reinem Zinnober, Farbtafeln mit den kostbaren Mineralfarben Azurit, Malachit und Auripigment, violette Pigmente auf Polyestergeweben, die mit Kunststoffsiegel getränkt sind. Sie oszillieren zwischen reiner Abstraktion, gestischer Malerei und Figuration. Die Hälfte der Werke hat Polke gerade noch rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung vollenden können. Neben seinen charakteristischen Raster- und Schüttbildern trifft man auf neue Stoffbilder aus bedruckten Textilien und industriell gefertigten Dekorationsstoffen.

In dem vierteiligen Bilderzyklus «Zinnober», 2005, führt uns Sigmar Polke vor, wie das Zinnoberpigment in chemisch reiner Form aussieht. Polke (*1941 in Oels, Niederschlesien) hatte ursprünglich eine Glasmalerlehre absolviert und liebt das Experimentieren. Zum Beispiel mit Stoffen, deren Wandlungsfähigkeit ihn faszinieren, Prozesse, die er malend und fotografierend festhält. Daher versteht er sich nicht nur als Maler, sondern auch als Alchemist. Nicht von ungefähr hat er 1995 dem Urahn der Alchemisten, dem Hermes Trismegistos, einen vierteiligen Zyklus gewidmet. Polkes Experimentierlust kommen beispielsweise die mittels radioaktiver Strahlen gewonnenen Fotogramme entgegen. In «Urangestein (Rosa)», 1992, zeichnen sich Steine mit geringem Radiumanteil auf Fotopapier ab, auf welchem sie während Wochen gelegen hatten. Das Ergebnis sind diffuse Bilder, welche nebulöse Irrlichter in einem rosafarbenen Raum erkennen lassen. Schon 1971 untersuchte Polke mit der 41-teiligen Fotoarbeit «Paris» alle nur denkbaren Manipulationen, die der fototechnische Entwicklungsprozess möglich macht. Dieses prozesshafte Erkunden der Materialien hat Polke in der Folge auf die Malerei übertragen, besonders seit den achtziger Jahren, als sein Interesse an der Motivwahl nachliess. Zunehmend arbeitet er mit unerprobten Farbstoffen, Mineralien und Chemikalien, indem er zum Beispiel Hydro- und Thermofarben auf dem Bildträger reagieren lässt. Die Tönung der hydrosensiblen Farben wird von der Raumfeuchte mitbestimmt. So entstehen Bildflächen, die wegen des Lacks spiegeln und vom sich wandelnden Umfeld leben.

Dass solche Prozesse eine ungeheure Aufmerksamkeit erfordern, eine erhöhte Wahrnehmungsbereitschaft, welche die kleinste Veränderung registriert, versteht sich von selbst. Damit bewegt sich Polke in scheinbarem Widerspruch zu seinen Rasterbildern, in denen er mit der Imitation von Zeitungsfotos auf die Tagesaktualität reagiert und diese ironisch kommentiert. Doch die Rasterpunkte sind ausnahmslos von Hand gemalt, was den Malakt ungeheuer verlangsamt und umgekehrt auch das Anschauen vom oberflächlichen Bildkonsum wegbringt und den Betrachter zu konzentriertem Schauen zwingt.

Der grosse Ausstellungssaal ist durch eine geschickt inszenierte Ausstellungsarchitektur facettiert und gewährt den Werken durchaus spannende Aus- und Durchblicke. Somit wird der äusserst eigenständige, komplexe Bilderkosmos von Polke sinnlich und geistig erlebbar gemacht. Mit Katalog.

Bis 
18.06.2005
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Sigmar Polke

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