Sehnsüchtig gleiten Ballone rund um die Welt

Caroline Eggel und Christiane Rekade vor dem Green Light Pavilion, Foto: Barbara Rüdiger, Wien

Caroline Eggel und Christiane Rekade vor dem Green Light Pavilion, Foto: Barbara Rüdiger, Wien

Riccardo Previdi · Green Light Pavilion, 2005; Lara Schnitger · Nein, 2005; Rainbow Satisfaction, 2005, Foto: Katja Eydel

Riccardo Previdi · Green Light Pavilion, 2005; Lara Schnitger · Nein, 2005; Rainbow Satisfaction, 2005, Foto: Katja Eydel

Fokus

Die beiden Schweizer Kuratorinnen Caroline Eggel und Christiane Rekade betreiben seit einigen Monaten einen Ausstellungspavillon in Berlin Mitte und bespielen diesen mit einer evolutionären Folge von Kunstinterventionen. Die beiden Kuratorinnen haben sich in Berlin bereits mit einem früheren Ausstellungsprojekt profiliert und dafür den Preis des Schweizerischen Bundesamtes für Kultur für Kunstvermittlung erhalten. Auch das aktuelle Projekt zeigt, dass mit begrenzten Mitteln längerfristige Projekte realisiert und Akzente von nachhaltiger Wirkung gesetzt werden können.

Sehnsüchtig gleiten Ballone rund um die Welt

Interview mit Caroline Eggel und Christiane Rekade

Patricia Grzonka: Der Green Light Pavilion ist ein sehr kleiner, allerdings auffälliger, temporärer Raum für eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Wofür steht dieser Pavillon?

Caroline Eggel/Christiane Rekade: Am Anfang stand die Idee und das Konzept zur Ausstellung «Sehnsüchtig gleiten Ballone rund um die Welt». Auf der Suche nach einem geeigneten Raum hatten wir gemeinsam mit dem italienischen Künstler Riccardo Previdi die Idee, dass wir uns den Raum für die Ausstellung selbst bauen könnten. So luden wir Previdi, der sich intensiv mit Architektur und Raum auseinander setzt und oft Displays für Produktionen schafft, ein, uns einen Ausstellungsraum zu gestalten. Für uns ist das Statement eines NEUEN Raumes sehr wichtig. In Berlin gibt es viele leer stehende Räume, die immer wieder von KünstlerInnen und KuratorInnen als Ausstellungsräume genutzt werden. Ausstellungen in alten Fabrikgebäuden, Wohnungen oder Ladenräumen haben Tradition. Nicht von ungefähr hat die 4.berlinbiennale eine ehemalige jüdische Mädchenschule als Ausstellungsort gewählt. Wir glauben auch nicht an die Neutralität des White Cube, jedoch war es uns wichtig, etwas Neues zu schaffen.

PG: Gibt es einen inhaltlichen Bogen, der die beteiligten KünstlerInnen zusammenfasst?

CE/CR: Die eingeladenen KünstlerInnen beziehen sich in ihrer Arbeit stark auf den Raum ? sowohl den architektonischen als auch den sozialen. Auch sind diese KünstlerInnen an der sich ständig verändernden Ausstellungssituation und der Möglichkeit, sie mitzugestalten und in sie einzugreifen, interessiert. Das zeigt sich darin, dass fast alle eine neue Arbeit für den Pavillon realisiert haben. Oft geht es dabei um den Moment, in dem die räumliche Situation in den mentalen Status der Betrachtenden übergeht, was Monika Sosnowskas Projekt deutlich macht. Die Künstlerin kehrte Müll unter einen unauffälligen grauen Büroteppich, so dass dieser Wellen wirft und beim Drauftreten Geräusche macht. Knut Henrik Henriksens «Fall» demaskiert den Ausstellungsraum gleichermassen als Industriecontainer, indem er die Skulptur förmlich aus der bestehenden Wand herauslöst. Lara Schnitger schuf ihre textilen Skulpturen zum ersten Mal für den Aussenraum. Die beiden riesigen Figuren auf dem Dach des Pavillons forderten die PassantInnen mit ihren Spruchbändern buchstäblich zu einem Dialog heraus. Und Jenny Rosemeyer wird ebenfalls noch einmal aus dem Pavillon herausgehen und die Umgebung in ihre Installation miteinbeziehen.

PG: Ist dieser Ort spezifisch auf Berlin ausgerichtet oder wäre ein ähnlicher Ausstellungsraum auch in Zürich vorstellbar?

CE/CR: Sicher hat der Ort etwas Berlin-Spezifisches. In anderen europäischen Städten wäre so ein Projekt wohl viel schwieriger zu realisieren. Schon deshalb, weil es in Zürich nicht so viele Baulücken gibt wie hier. In Berlin ist immer noch vieles unbestimmt und in ständiger Veränderung, was es - gerade für temporäre Projekte ? leichter macht, irgendwo unterzukommen.

PG: «Sehnsüchtig gleiten Ballone rund um die Welt» ist ein Ausstellungsprojekt im Berliner Stadtteil Mitte, wo sich in den letzten Jahren auch sehr viele Galerien niedergelassen haben. Wie positioniert es sich innerhalb dieses vorwiegend kommerziellen Stadtraums?

CE/CR: Es ist wie ein Ufo, das hier gelandet ist und eine Ausstellung in zwölf Schritten präsentiert. Sehnsüchtig gleiten Ballone rund um die Welt - der Titel kommt ja nicht von ungefähr: Der Ballon mag als Metapher für einen Traum oder eine Utopie stehen, als Verbindungsglied zwischen den verschiedensten realen und irrealen Orten. Wir sind ein unabhängiges Projekt und haben deshalb vielleicht mehr Freiheiten, Dinge auszuprobieren - mit den KünstlerInnen und in der Präsentationsform.

PG: Für welches Publikum arbeitet ihr?

CE/CR: In unserer Arbeit spielt die Vermittlung eine wichtige Rolle. Durch die Lage des Pavillons in einem Wohnquartier wird die Ausstellung nicht nur vom Kunstpublikum, das den Ort gezielt aufsucht, sondern auch von Nachbarn, Touristen und Passanten besucht, die durch die auffällige Konstruktion des «Green Light Pavilions» neugierig werden. Das Aufregende an diesem Projekt ist unter anderem, dass wir mit vielen verschiedenen Leuten ins Gespräch kommen. Viele BesucherInnen kommen inzwischen regelmässig vorbei, um zu sehen, wie sich die Ausstellung verändert.
PG: Begleitend dazu habt ihr auch ein Archiv aufgebaut, in dem mittlerweile über achtzig KünstlerInnen vertreten sind. Was geschieht damit, nachdem der Pavillon wieder abgebaut ist? Wird es die Grundlage für ein neues Projekt?

CE/CR: Das Archiv ist natürlich Grundlage für unsere Projekte, da sich darin all diese KünstlerInnen finden, deren Arbeit wir kennen und schätzen. Wir werden das Archiv weiterführen und in unser nächstes Projekt integrieren.

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