Umzug ins Bild

Christine Rusche (*1971 in Kühlungsborn/D) lebt und arbeitet
in Rotterdam und Stuttgart.

Christine Rusche (*1971 in Kühlungsborn/D) lebt und arbeitet
in Rotterdam und Stuttgart.

Deuce, Room-Drawing, 2005, Acrylfarbe, 10 x 9 x 6 m, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart

Deuce, Room-Drawing, 2005, Acrylfarbe, 10 x 9 x 6 m, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart

Fokus

Die deutsche Künstlerin Christine Rusche zeichnet Räume und verräumlicht Zeichnungen. Ihre grossen, schwarz-weissen Wand-Arbeiten changieren zwischen Drei- und Zwei-Dimensionalität. Raum wird als Phänomen
zwischen Erfahrung und Einbildung erlebbar.

Umzug ins Bild

Christine Rusche inszeniert den Raum der Zeichnung

Was ist Raum? Er erscheint uns bisweilen wie ein zentralperspektivisches Bild. Und doch ist er mehr als glatte Geometrie im einäugigen Sehstrahl, ist mit körperlicher Erfahrung verbunden. Wenn wir einen Raum betreten, ist er da, umgibt uns, verändert sich, wenn wir uns in ihm bewegen. Er existiert in unserem von Sehgewohnheiten vorbestimmten Blick.

«Der Raum blickt uns an» - so könnte das zentrale Motto der Arbeiten von Christine Rusche lauten. Ihre Raum-Zeichnungen eröffnen ein Bild, das wir betreten können. Zugleich werden die Wände, welche die Zeichnung tragen, perspektivisch verschoben. So wird erkennbar, in welchem Umfang unsere Raum-Erfahrung von Imaginationen gelenkt ist. «Framed spaces» nennt die 35-jährige Malerin Zeichnungen, die sie mit glänzender Tinte auf beschichtetem Papier (Mylar) realisiert. Hier entwickelt sie die Formsprache, die dann auf die Wände des Ausstellungsraumes als «fiktionale Landschaft» übertragen wird.

Spitzwinklige Dreiecke, gestaffelte geometrische Formen, sich verjüngende Linien laden ein, in Rusches Wand-Gemälden Raum-Abbildungen zu finden. Doch immer, wenn man sie nach den herrschenden Wahrnehmungsmustern einzurichten versucht, geht die Perspektive nicht auf. In der Ausstellung «Flatland» im Pariser «Le Plateau» kippte Rusche mit ihrer Raum-Zeichnung die bestehende Architektur in ein verzerrtes Bild. Sie stellt den Betrachter auf schwankenden Boden.

Freilich bleiben die architektonisch fest gefügten Wände bestehen. Fast wird ihre tragende Funktion, ihre Stabilität durch Rusches Verschiebungen unterstrichen. Doch löst sie das Raum-Bild und dessen Verstauchungen - «Sprain» hiess ihre Arbeit im Württembergischen Kunstverein - nicht in einem neuen, intakten Raum-Bild auf. Vielmehr erzeugen sie ein Wegdriften, eine «Drift», wie sie ihre Ausstellung in De Nederlandsche Cacaofabriek, betitelt hat. Hier sind architektonische Elemente Bild-Träger, welche die Eigenheiten der bestehenden Räume hervorheben.

Ähnlich im Kasseler Kunstverein: «Die Ausstellungsarchitektur» beobachtet sie im Fridericianum, «ist nicht als eigener Raum wahrnehmbar, sondern eher als einzelne Wände, die zum Teil freistehend aneinandergereiht und ohne Anschlüsse an Decke und Wände den ursprünglichen Raum mehr verdecken als einen neuen Raum schaffen.» Rusche reagiert auf diese Umgebung mit einer spitz zulaufenden Wand, die sie quer in den 200 qm grossen Ausstellungssaal stellt. Als Bild-Träger, skulpturales und architektonisches Element in die Raum-Zeichnung integriert, korrespondiert diese Wand mit der Umgebung und macht einen Raumbildungsprozess erkennbar.

Für Rusche ist Malerei das adäquate künstlerisch Ausdrucksmittel in ihrer analytischen Auseinandersetzung mit Architektur. Sie nutzt die Suggestivität des gemalten Schwarz-Weiss-Kontrastes, um auf Illusionen hinzuweisen, die unsere Raum-Erfahrung mit gestalten. Für den kurzen Zeitraum einer Ausstellung können wir diese auf die Probe stellen. Ist die Ausstellung vorbei, verschwinden Rusches Bilder unter einer Schicht Wandfarbe und mit makellosem Weiss gewinnen die scheinbar so sicheren vier Wände wieder die Oberhand.

Christine Rusches Vorgehen lässt sich nicht in philosophischen Kategorien auflösen. Sie zerlegt durch Bilder vorgefertigte Räume, spiesst sie auf die spitzen Winkel ihrer Zeichnungen. Beim Betreten wird erfahrbar, dass sich immer neu entzieht, was scheinbar so sicher ist: die vier Wände unseres Welt-Bildes. «Unglücklicherweise ist der Raum jedoch ein Gauner geblieben», schrieb Georges Bataille, «und es fällt schwer aufzulisten, was er so alles in die Welt setzt. Er ist sprunghaft wie alle Betrüger ? zur grossen Verzweiflung von Papa Philosoph.»

Die Raum-Zeichnungen «fictional landscapes» sind auf die spezifischen Gegebenheiten eines Raumes und seiner Architektur hin erarbeitete raumgreifende Zeichnungen. Raum und Zeichnung verbinden sich auf eine Weise, die zu einer Durchdringung des architektonischen Raumes und des Bildraumes führt. Einerseits erscheint die Malerei mit ihren flachen monochromen Formen innerhalb des architektonischen Raumes auf eigenen Bildebenen, welche die verschiedenen Oberflächen des Ausstellungsraumes als Träger gebraucht. Andererseits wird der Ausstellungsraum durch die zeichnerischen Eingriffe «markiert» und auf diese Weise die Architektur selbst präsentiert. Trotz ihrer Flächigkeit erscheinen die Raum-Zeichnungen mit physischer Präsenz. (CR)

Künstler/innen
Christine Rusche
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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