Christian Marclay in der Cité de la musique

Christian Marclay · Fast Music, 1982, Auszug aus «Commercial Eruption», Film von Yoshiko Chuma, Video, Ton, 21 Sekunden Loop

Christian Marclay · Fast Music, 1982, Auszug aus «Commercial Eruption», Film von Yoshiko Chuma, Video, Ton, 21 Sekunden Loop

Besprechung

Spätestens seit John Cage ist Musik auch plastisches Material, greif- und formbar durch die Apparate, die sie erzeugen. Christian Marclay hat Ende der Achtziger mit dem Material Musik die Grenzen ihrer Berührbarkeit neu abgesteckt. Jetzt werden erstmals neun seiner Video-Installationen in einer Ausstellung versammelt.

Christian Marclay in der Cité de la musique

Die Mündung ist direkt auf meine Augen gerichtet. Der Finger krümmt sich um den Abzug, dann die Explosion der Treibladung. Dann noch eine Explosion, noch eine - eine Kakophonie von Schüssen hüllt mich ein.
Ich bin nicht tot. Das Kreuzfeuer ist Musik. Christian Marclay, heute 52, hat mit dem auf vier gegenüber liegenden Wänden projizierten Video-Sampling «Crossfire», 2007, eine perfekte Komposition filmischen Mündungsfeuers geschaffen. Sichtbar wird eine Choreographie cineastischer Revolverhelden, hörbar ein punkiger Rhythmus, der mit vereinzelten Schüssen endet. Wie das Geräusch, das Popcorn macht, wenn es fast fertig ist. 1982, drei Jahre nach seiner ersten Disc-Performance, verleibte sich Marclay unter dem Titel «Fast Music» eine Vinyl-Scheibe ein. Musik, so Marclays zentrale Entdeckung unter dem Einfluss von Fluxus und Punk, ist Material. Heute ist sie gängiges Medium zeitgenössischer bildender Künstler. Sie treten wie Carsten Nicolai als DJ auf, inszenieren wie Saâdane Afif E-Gitarren oder laden wie Christoph Büchel Musiker in Installationen ein. Marclay, den man auch für seine dadaesken Foto- und Objekt-Collagen kennt, war einer der Pioniere. Für «Ghost (I don´t live today)» von 1982 machte er aus einem Plattenspieler eine Art E-Gitarre und das Scratchen zur bildnerischen Geste. «Der Rhythmus ist ein Zwang», schrieb Friedrich Nietzsche, «er erzeugt eine unüberwindliche Lust, nachzugeben, mit einzustimmen; nicht nur der Schritt der Füsse, auch die Seele selber geht dem Takte nach.» Dass auch die Apparate, die den Rhythmus erzeugen, eine Seele erhalten, zeigt am eindrücklichsten «Guitar Drag», 2000. Eine plugged E-Gitarre wird auf Zehn gedreht und mit einem Lastwagen durch die texanische Wüste geschleift. Im Heulen und Jaulen des geschundenen Instruments klingt 14 lange Minuten eine Parodie auf Jimi Hendrix und auf Nam June Paiks «Violin to be Dragged on the Street» an. Und die Erinnerung an den Afro-Amerikaner James Byrd, der auf dieselbe Weise in demselben Staat umgebracht wurde. Die Geschichte, die Marclays Video-Musik erzählt, ist eine Geschichte apollinischer Gewalt: grausam, aber schön. Katalog F/E 160 S.

Bis 
23.06.2007

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