Entzauberung

Peter Fischli (*1952) und David Weiss (*1946), Roswitha Haftmann-Preis, 2006, © www.jpg-factory.com

Peter Fischli (*1952) und David Weiss (*1946), Roswitha Haftmann-Preis, 2006, © www.jpg-factory.com

Büsi, 2001, auf Grossbildschirm vorgeführt, im Rahmen von «The 59th Minute: Video Art on the Time Square Astrovision», Creative Time, New York, alle Werkaufnahmen © 2007 Peter Fischli/David Weiss

Büsi, 2001, auf Grossbildschirm vorgeführt, im Rahmen von «The 59th Minute: Video Art on the Time Square Astrovision», Creative Time, New York, alle Werkaufnahmen © 2007 Peter Fischli/David Weiss

Fokus

Blumen und Fragen - beide können sich entfalten, je länger, je schöner. Nach London und Paris zeigen Peter Fischli und David Weiss im Kunsthaus Zürich ihr Herbarium aus fast 30 Jahren Kooperation. In Paris traf ich die Künstler zum Gespräch über ein Werk, das bei allem Spiel mit den grossen Fragen das Individuum und dessen ganz singuläre Erfahrungswelt ins Zentrum stellt.

Entzauberung

Über Befreiung der Dinge, Langsamkeit, Erfahrung und Erkenntnis

«Schau mal, hier ist eine winzig kleine Katze!» Selbst das Aufsichtspersonal im Musée d'art moderne de la ville de Paris liess sich von den kleinen, in ungebranntem Ton modellierten Szenen ablenken, die «plötzlich diese Übersicht» versprechen. Für ihre Retrospektive, die nach London und Paris jetzt nach Zürich gekommen ist, haben sich die Künstler Zeit genommen. Für den Aufbau in vertrauter Umgebung und auch für die Vorbereitung: Einige der fragilen Originale der Miniatur-Objekte aus ungebranntem Ton von 1981 haben sie nachmodelliert. Und neue eingefügt. Dieses ?«theatro mundi» versammelt wie eine Ouverture Leitthemen aus dem Werk der Zürcher Künstler: die Rolle der Schrift, die Natur, den Witz, die Reproduktion. Freud wird zitiert, Max und Moritz sind dabei - und eben die Katze. Die Retrospektive geht wie immer mit Schalk der Ordnung der Dinge nach, auch der ganz persönlichen von Fischli&Weiss. Sie ist «auch ein Stück Psychoanalyse», wie Peter Fischli sagt: «Da wir unsere eigenen Analytiker sind, können wir auch die Fragen stellen, die uns passen.» Immer neu erarbeiten die Künstler Konstellationen, die den dünnen Film zwischen Wahrnehmung und Illusion in Vibration setzen, durch den wir die Welt erfahren.

Was ist Erfahrung?   Nach fast dreissig Jahren gemeinsamer Ausstellungsarbeit sind die Künstler mit den Museen vertraut. Und doch entdecken und definieren sie den Ort ihrer Kunst immer wieder neu. Ihre Erfahrung dient der Erkundung, nicht der Routine. «Wenn man vorher schon weiss, was herauskommen soll, wird Erfahrung leicht zu Manierismus. Dem kann man gewollten Dilettantismus entgegenhalten, durch Tappen und Tasten», erklärt Peter Fischli. Erfahrung mit dem Ort ist eine Vorbedingung. Doch sie entsteht auch erst mit der Zuwendung zu Raum, zu Bildern und Dingen, richtet eine Realität ein. Hier, an dieser Schwelle zwischen Präfiguration und Konfiguration, arbeiten die Künstler. «Die Retrospektive ist auch ein Wiedermachen von Erfahrungen», sagt Fischli, «und zugleich stellt sich mir die Frage, ob ich meine Unschuld wieder erlangen kann. Man ist als Künstler ja auch durchtrieben. Andererseits geht man auf künstlich eröffnetes, unerforschtes Gelände, begibt sich absichtlich in die Situation des Unerfahrenen.» Und David Weiss fügt hinzu: «Man muss eben eigene Kriterien erarbeiten, was Erfahrung ist, man holt sich Erfahrung und hat sie dann.» Wie mit dem «Philosophenstein» in «Plötzlich diese Übersicht»: ein Klumpen Ton, zerknetet, wie man sich die Haare rauft oder das Hirn zermartert.
Der «Stein der Weisen» als Erkenntnis durch Erfahrung ist in all seiner Erhabenheit auch ein Witz. Walter Benjamin schrieb 1933 in seinem Text «Erfahrung und Armut», dass die Menschen von Erfahrungen «freikommen» wollen, dass sie erst dann zu Erkenntnis führe, wenn, auch ästhetisch, eine «Armut» zur Geltung komme. Peter Fischli drückt es so aus: «Leben und Erfahrung sind wie Treppe und Geländer - es ist gut, wenn es ohne geht.»

An welchen Fäden werden wir gezogen?   Der «Lauf der Dinge», 1986/87, ist auch für die Künstler «ein Schlager, den man gern immer wieder hört» (Weiss). Grosse Gruppen von Besuchern folgen dem scheinbar genau berechneten Ablauf der Dinge. «Entzauberung» nannte der Soziologe Max Weber jenen Vorgang, der entsteht, wenn man «alle Dinge - im Prinzip - durch Berechnung beherrschen» könne. Fischli und Weiss entzaubern diese Entzauberung. Auf einer zweiten Projektionswand zeigen sie «Lauf der Dinge: in der Werkstatt»: Man sieht die sehr jungen Künstler bei endlosen Trial-and-Error-Ansätzen und Fischli kommentiert: «Die Dokumentation deckt auf, dass 'Der Lauf der Dinge' ein riesen Lügengebilde ist, das macht den Film ja so attraktiv. Das ?Making-of? ist eine Art Gegendarstellung». Dass die Beherrschung der Dinge durch den «industrialisiert-zivilisierten Menschen» (Weber) nur auf Glauben und Illusion beruht, zeigt die ganze Ausstellung. «Die Dinge sind uns über die Jahre ans Herz gewachsen, sind unsere Schlachtgefährten», sagt Peter Fischli. «Im Bild werden sie befreit oder auch missbraucht, sie dürfen etwas anderes machen. Die Stühle in den 'Equilibres' müssen keine Stühle mehr sein. Wie die 'Lampe', 1992, aus Polyurethan werden die Dinge ihrer ursprünglichen Funktion entnommen und leben ein Leben in Freiheit. Doch im Gegensatz zum Ready-made gibt es keinen Weg ins Leben zurück.» Befreite Dinge geraten auch unter eine Eigengesetzlichkeit, werden selbst zu Akteuren eines «Stillen Nachmittags». Und er fügt hinzu: «Bei dieser Serie haben wir auch gelernt, dass nicht nur wir die Dinge dressieren. Die Dinge dressieren auch uns und zwar nicht nur in den Geduldsübungen der 'Equilibres', sondern auch in der Langsamkeit des Schnitzens aus Polyurethan.»

Wie kann man langsam blicken?   Fett glänzt der Tau auf einem Pilz, vor dem sich eine Blume ausbreitet. Daneben reflektiert eine grosse Scheibe das Innere eines Wartesaals. Draussen, im Regen, ein trostloses Flugzeug. Oft, wenn Peter Fischli und David Weiss eine anstrengende Zeit der Arbeit mit Objekten, des Bastelns und Balancierens hinter sich haben, «müssen wir raus aus dem Atelier, um wieder zu sehen, was draussen los ist», so Weiss. Die Fotografie wurde für sie zur Arbeit am Blick. Die Welt, wie wir von der Phänomenologie gelernt haben, blickt uns an. In ihren Reflexionen zeichnet sie sich in unser Auge, beruhigt dieses so hungrige Organ. Glänzen, Glitzern und Blinken sind Leitmotive in der seit 1987 über sechs Jahre entstandenen Dia-Projektion «Eine unerledigte Arbeit». Die Fotos aus Innenstädten, von Feuerwehrleuten, Kühen, Weihnachtsdekoration, Autostrassen legen sich übereinander, formen ein Flimmern der Bilder. Immer wieder werden wir angesehen: von einem kleinen Jungen, einer Puppe, einer Katze. Der schnelle Fluss der Bilder verlangsamt den Blick wie einen sinkenden Stein in Gelée. Das Glitzern erinnert, schreibt Valentin Groebner in seinem Katalogbeitrag, an jene antike Vorstellung, nach der unsere Augen Lichtpartikel aufnehmen, die von den Dingen ausgehen. «Eidola», mit denen sich die Welt in unser Auge einträgt. Mit den Fotografien balancieren die Künstler das Bild der Welt, oder wie Weiss dies formuliert: «Dinge sind ein Realitätsgarant, die Fotografie ist eine Weise, darauf zurückzukommen.» Sie zeigt die Zeit. Und Fischli kontert: «Ich weiss nicht, was Verlangsamung sein kann, die Zeit geht ja immer gleich schnell. Ich denke eher im Begriff von Dauer.» Zum Beispiel die Dauer einer Doppelbelichtung desselben Films, wie bei den «Blumen».

Besteht unsere Welt aus Gesten?   Bei den Doppelbelichtungen tritt der Akt der «Aufnahme», die Geste des Fotografierens in den Vordergrund. Sie ist durch den Apparat bestimmt. Bei Fischli&Weiss´ Fotografien tritt die Fiktion hinzu, die sich bisweilen wie eine Aura um ihre Bilder legt. Die Blumen-Doppelbelichtungen entstanden, so wird berichtet, indem ein Künstler einen Film voll knipste, ihn dann zurückgedreht weiterreichte, damit der andere ihn noch einmal belichtet. «Das ist eine Anekdote die irgendjemand mal erfunden hat», so Peter Fischli, «die aber nicht stimmt.» Wieder eine Entzauberung - die Geste der Künstler führt immer aufs Singuläre zurück. Hier gibt es keine Welterklärungskonzepte, hier gibt es Individuum und Welt - beide müssen sich immer neu einrichten. «Für mich ist die Geste im Duktus der Schrift aufgehoben, in der Malerei ist sie das Kürzel einer Emotion», erläutert David Weiss. Die Geste des Malers endet im Bild. «Sie ist auch Ausdruck einer Haltung», schliesst Peter Fischli an, «aber immer eng mit der Sprache und der Schrift verbunden. Mit 'Stiller Nachmittag' tun wir so, als wäre das eine Mischung aus Langeweile, Ziellosigkeit, Ratlosigkeit, verbrauchte Zeit. Das ist das Gegenteil zum Bauen an einem Monument. Der Titel ist eine Geste und die Geste ist die visuelle Äusserung einer Haltung. Die Installationen von 'Stiller Nachmittag' bekunden eine Haltung, die in Versuchen besteht, im Leben durchzukommen.» Das schliesst auch Scheitern mit ein, ein fragiles Gleichgewicht.

Was sollen wir mit all den Bildern?   In Fischli&Weiss´ Bildern und szenischen Tableaux, in den detailgenau reproduzierten Räumen des Alltags «unter der Treppe» oder «im Atelier» greifen Erfahrung und Erkenntnis ineinander. «Son et lumière - Le rayon vert» heisst eine kleine Installation. Neben dem «Lauf der Dinge» aufgestellt, bleibt sie fast unbeachtet. Eine Taschenlampe leuchtet in einen Plastikbecher, projiziert grünes Licht an die Wand. Der Becher liegt auf einer sich drehenden Scheibe und erzeugt ein eigentümlich scharrendes Geräusch. Der Titel legt nahe, dass wir hier eine vereinfachte Nachbildung des Naturschauspiels des «grünen Lichtstrahls» sehen, den die Sonne kurz vorm Untergang am Horizont aussendet. Tacita Dean hat ihm, nach Jules Verne und Eric Rohmer, eine Arbeit gleichen Titels gewidmet. Im Katalog erinnert sie daran, dass «son et lumière» jene sommerlichen Kultur-Events bezeichnet, die auf spektakuläre Weise während «eleganten Abenden» Musik und Lichtspiel kombinieren. Die kleine Assemblage bricht das Grandiose aufs Banale herunter. «Die Kunst soll ja zwischen der Vorstellung von Wahrnehmung und der tatsächlichen Wahrnehmung einen Bruch erzeugen, absichtlich gegen Erfahrungen verstossen und so Wahrnehmung wieder zugänglich machen», sagt Peter Fischli.

Die Retrospektive entzaubert, indem sie einen künstlerischen Weg offen legt. Den Weg, den der Bär geht. Oder jenen, den die Dinge nehmen, um zum Film werden zu können. Oder den Weg in und durch eine Röhre im «Kanalvideo», 1992. Man glaubt zu wissen, dass es ein Licht am Ende des Tunnels geben wird - doch das reicht, um vorwärts zu kommen. Am Ende der Ausstellung kann man einem Büsi» zusehen, das Milch schleckt. 2001 war die kleine Katze am Times Square zu sehen, wo sie auf einem Riesenschirm in den tosenden New Yorker Verkehr blickte - das eine Mal, wenn sie den Kopf vom Milchteller hebt. Innehalten, in vollem Lauf, in vollem Genuss, im Moment der Befriedigung, das heisst: die Zeit anhalten. Das Video ist sechs Minuten lang, in der Ausstellung kann man leicht sechs Stunden verbringen.

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