Gerard Byrne im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen

Gerard Byrne · 1984 and Beyond, 2005-6, Filmstill

Gerard Byrne · 1984 and Beyond, 2005-6, Filmstill

Besprechung

Gerard Byrne blickt zurück mit Neugier. Seine Filme, die als aufwendige Animation gedruckter Interviews entstehen, verlangen vom Besucher Geduld, genaue Beobachtung und ein wenig Vorwissen. In Düsseldorf stellt er drei seiner jüngsten Halbdokumentationen vor, in denen sich die Grenzen von Film, Kunst und Theater auflösen.

Gerard Byrne im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen

Die Arbeit des irischen Künstlers Gerard Byrne (*1969) nähert sich der eines Amateur-Kulturhistorikers und Regisseurs. Seine Reinszenierungen historischer Gespräche sind offensichtlich durch Kino und Fernsehen geprägt, gleichen in Perfektion und Anmutung etwa den Doku-Dramen, mit denen Heinrich Breloer berühmt geworden ist. Tatsächlich spielt Byrne mit diesen Seherfahrungen, nennt als Impulsgeber aber auch Brechts Theorie des epischen Theaters, die Gesehenes durch Verfremdung reflektierbar macht. Ein 1973 im Playboy veröffentlichtes Gespräch, «New Sexual Lifestyles», inszeniert er 2003, deutlich angelehnt an die entspannten Talk-shows, die in jenen Jahren populär wurden. In hypermodernster Glas-Architektur diskutiert die Runde Treue, Gruppensex und Sodomie. Natürlich spiegeln die Fragen den Höhepunkt der «sexuellen Revolution»: Man gibt sich gerne aufgeklärt, progressiv und plaudert blasiert über die Sadomaso-Party in Frankreich mit einem Mitglied der Nationalversammlung. Doch zuweilen überraschen Ernst und Zwischentöne. Auf die neugierige Frage nach dem Coming out, berichtet ein Teilnehmer von seiner heterosexuellen Heirat, obwohl er seit Kindesbeinen seine Neigung gekannt hatte. Ob ein Mann, der in einer Nacht zwei bis dreimal mit einer Frau ins Bett gehe, glücklicher sei als mit zwei bis drei Frauen? Die Gäste zeigen sich erstaunlich souverän: «The numbers, by themselves, guarantee very little.» Spätestens Michel Houellebecq rückte die nicht nur positiven Folgen der sexuellen Befreiung ins Licht. Neben den Details regen die ausgewählten Settings zum Weiterdenken an: Autoren und Wissenschaftler spekulierten 1963 im Playboy über Mondlandung, Überbevölkerung und die Utopie chemischer Empfängnisverhütung. «1984 and beyond», 2006, versetzt sie in einen konstruktiven Pavillon von Gerriet Rietveld. Vor abstrakte Plastiken von Barbara Hepworth doziert einer der Diskutanten in Trenchcoat und mit Pfeife. Wohl nicht umsonst denkt man an Jacques Tati. Umbruchzeiten markiert auch das Interview «Hommes à Femmes» zwischen Jean-Paul Sartre und einer jungen, feministischen Journalistin von 1977. Ein Schauspieler in der Rolle des über 70-jährigen Intellektuellen deklamiert über seine ersten erotischen Erfahrungen, seine Hässlichkeit und die Anziehung von Frauen - beschreibt schliesslich die legendäre offene Zweierbeziehung mit Simone de Beauvoir. Absolute Ehrlichkeit beanspruchend, habe er seine Liebschaften stets offenbart, sei ihr aber tief verbunden gewesen. Man ahnt, welche Verletzungen der souveräne Freigeist zufügen konnte. Byrnes betreibt so ein intelligentes Spiel mit der Spannung zwischen Behauptung und dem Wissen der Nachgeborenen. Katalog in Vorbereitung.

Bis 
07.07.2007

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