Silke Wagner in der Galerie Wilma Tolksdorf

Silke Wagner · Chioptera II, 2002/2007, Fensterarbeit, Folie, Grösse variabel, Galerie Wilma Tolksdorf Frankfurt/M

Silke Wagner · Chioptera II, 2002/2007, Fensterarbeit, Folie, Grösse variabel, Galerie Wilma Tolksdorf Frankfurt/M

Besprechung

Mitten im Flug sind die Fledermäuse zu schwarzen Silhouetten erstarrt. Ein elegantes graphisches Muster, aus Folie geschnitten, auf der Fensterfront der Galerie. Schön sieht das aus. Gleichwohl mag sich mancher fragen: Wie passt das zu einer Künstlerin wie Silke Wagner, die vor allem mit politisch und sozial engagierten Projekten im öffentlichen Raum bekannt geworden ist?

Silke Wagner in der Galerie Wilma Tolksdorf

Tatsächlich gehen auch die Fledermäuse auf ein solches Projekt zurück: «Pipistrellus», eine Niststelle für die bedrohten Flugsäuger, die Wagner vor sieben Jahren auf dem Dachboden eines Frankfurter Hinterhof-Ausstellungsraums eingerichtet hat - als Dauerinstallation. Denkbar gross also die Distanz zwischen beiden Ansätzen? Nur auf den ersten Blick. Denn bei Wagner geht es um die Präzision, mit der künstlerische Konzepte für den jeweiligen Kontext entwickelt werden; den Rahmen ihrer Präsentation und den Radius ihrer Rezeption.
Gerade deshalb käme es ihr kaum in den Sinn, ihre Workshops für Jugendliche oder eine auf die Nischenökologie urbaner Brachen bezogene Arbeit wie «Pipistrellus» eins zu eins in den White Cube zu transferieren. Die Fensterfront mit den Fledermäusen etwa entstand ursprünglich 2002 für den Kunstverein Heilbronn, in dem Wagner unter dem Titel «New Old Works (Theme)» eine kleine Retrospektive bestritt. Mit den nächtens von innen grell beleuchteten Silhouetten war an die Stelle des Nistplatzes ein Abschreckungsmechanismus für die Tiere getreten; drinnen zeigte Wagner ihre Aktionsobjekte als frei nach dem Vorbild von Duchamps «Boîte en Valise» aufgesockelte Miniaturen.
Ähnlich funktioniert ihre aktuelle Ausstellung bei Tolksdorf mit einer Auswahl von Arbeiten, die als Objekte für den Kunstmarkt geeignet sind, zugleich aber auf soziale Handlungsfelder verweisen sollen. Bruchlos im Metier bleibt «Roland», 1998, als Anleitung für einen Bausatz aus Steckelementen, die es dem Käufer überlässt, ob er diese herstellt, zum Nutzmöbel zusammensetzt - oder eben zur Skulptur, wie sie nun im Zentrum der Galerieschau steht. Die kunstvoll besägten Skateboard-Ruinen, 2004 im Zuge eines Szene-Projekts entstanden, bieten als dekorative Reliefs gezähmte Wildheit für die Sammlerwand. Hinter dem in fröhlichen Regenbogenfarben leuchtenden Neonbaum «Justin», 2007, schliesslich verbirgt sich das Logo jenes britischen Fussballklubs, dessen gleichnamiger Spieler durch sein Bekenntnis zur Homosexualität in die Schlagzeilen kam - und sich dann aufgrund anhaltender Feindseligkeiten erhängte.
Zum Thema wird Reibungsverlust durch Rahmenwechsel bei den Postern, die nach der Art von Filmplakaten die an den jeweiligen Projekten beteiligten KünstlerInnen und Kuratoren werbewirksam auflisten. Der Kunstbetrieb bekommt die hübsche Oberfläche, die Namen - Aktion aber ist nur im baren Leben zu haben. So arbeitet auch Wagner selbst derzeit wieder vor Ort: Im Rahmen der «skulptur.projekte» reaktiviert sie mit einem Denkmal für den Antifaschisten Paul Wolff, das zugleich als Litfass-Säule für aktuelle Initiativen dient, Münsters «Geschichte von unten».

Bis 
22.06.2007
Autor/innen
Verena Kuni
Künstler/innen
Silke Wagner

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