Berlin Biennale

Gabriel Kuri, Items in Care of Items, 2008, 4 Skulpturen, bemaltes Metall,Nummernsystem, beliebige Gegenstände der Besucher, Masse variabel, Courtesy Kurimanzutto,Mexico City/Esther Schipper, Berlin. Installationsansicht Neue Nationalgalerie. Foto: bb5/Uwe Walter

Gabriel Kuri, Items in Care of Items, 2008, 4 Skulpturen, bemaltes Metall,Nummernsystem, beliebige Gegenstände der Besucher, Masse variabel, Courtesy Kurimanzutto,Mexico City/Esther Schipper, Berlin. Installationsansicht Neue Nationalgalerie. Foto: bb5/Uwe Walter

Melvin Moti. E.S.P. (In the face of forever,we're just getting started), 2007/2008, Seifenblase, Glas, Masse variabel, Installationsansicht Neue Nationalgalerie. Foto:WEG

Melvin Moti. E.S.P. (In the face of forever,we're just getting started), 2007/2008, Seifenblase, Glas, Masse variabel, Installationsansicht Neue Nationalgalerie. Foto:WEG

Fokus

Der sperrig-poetische Titel der von Adam Szymczyk und Elena Filipovic kuratierten 5.Berlin Biennale übersetzt sich erst in der Rückschau zu einem programmatischen Ansatz der Ausstellung: Er gerät gewissermassen zum Plädoyer für die Autonomie des einzelnen Werkes, das sich der kuratorischen Vereinnahmung verweigert

Berlin Biennale

«When things cast no shadow»

Für das Format einer Grossausstellung, die nach zugespitzten Thesen, übergreifenden Themen und eingängigen Statements verlangt, ist Zurückhaltung ein Wagnis. Die Ausstellung begleitet eine fast unnatürliche Ruhe, und eine zuweilen melancholisch- verkümmerte Grundstimmung liegt über den Räumen in den «Kunstwerken» und im Glaskubus des Mies van der Rohe-Baus, Hauptspielstätten der diesjährigen Berlin Biennale.
Im Gegensatz zu der 2004 von UtaMeta Bauer kuratierten Ausstellung, die von einem ehrenhaft-vielschichtigen Konzept der Re-Politisierung getragen war, aber auch in Abgrenzung zum narrativ-düsteren Ansatz Maurizio Cattelans, der sich durch die Biennale 2006 zog, erscheinen die durchweg sehr präzise und mit viel Raum für sich gesetzten Exponate der diesjährigen Biennale vom verbindenden Schatten vordergründiger Bezüge und plakativer Thesen geradezu befreit. Die Ausstellung von Adam Szymczyk und Elena Filipovic arbeitet gegen Konzepte des direkten Konsums, eine Oberflächenrezeption prallt an den ausgestellten Werken weitgehend ab. Es ist eine Ausstellung, die keine direkte Adressierung zu haben scheint, die jegliche Kategorisierungen verweigert, dafür aber die Arbeiten der zu grossen Teilen noch unbekannten Künstler und Künstlerinnen selbst zum Klingen bringen will. Die Ausstellung verlangt nach Entschleunigung in der Betrachtung, fordert die Auseinandersetzung mit jeder einzelnen Position und fügt sich am Ende dennoch zu einem Ensemble richtig gut platzierter Werke.
Biennale der leisen Töne
Spürbar wird dies nicht nur in den Räumen der «Kunstwerke», dem traditionellen Austragungsort der Biennale, dessen Hauptraum - stets auftaktbildend für alle Biennalen - von Ahmet Ögüt in einer minimalistischen Geste bearbeitet wurde, indem er die 400 m2 grosse Bodenfläche asphaltierte. Die Ratlosigkeit angesichts einer solchen (vordergründigen) Verschwendung von Möglichkeiten, mit denen die Kuratoren starke Setzungen hätten versuchen können, löst sich erst auf, wenn wir aus dem vierten Stock von der ebenfalls raumgreifenden Installation Tris Vonna-Michells - eine Arbeit über das «negative symbolische Kapital» der schrumpfenden Stadt Detroit - zurückkehren und verstehen lernen, dass dies eine Biennale der leisen Töne ist, die für die Geschlossenheit des einzelnen Werkes plädiert, und hier Künstler vorgestellt werden, die für sich die Bearbeitung von kleinen Feldern reklamieren. In diesem Zusammenhang nimmt sich das Video «Die Fregatte» von Jos de Gruyter und Harald Thys speziell-absurd aus: Laiendarsteller in einem dramatisch-surrealen Set, in dem ein Schiffsmodell die Szene dominiert, entwickeln eine Gruppendynamik, die von einer verhindert-misslungenen Kommunikation getragen zu sein scheint. Die Situation ist kaum zu entflechten, dennoch werden in der Arbeit «grundlegende Gefühle und Verhalten» angesprochen und obwohl diese Arbeit so abgeschlossen-abseitig im Keller präsentiert ist,beschreibt sie sehr gut den Sound,welcher der gesamten Ausstellung unterlegt ist.
Zwischen Unter- und Obergeschoss finden sich nicht nur Klassiker wie der unglaublich gut präsentierte Bilderroman «Soft City» von Pushwagner «über einen Tag im Leben einer Familie, die ein mechanisches Leben in einer entmenschlichten dystopischen Stadt» führt, sondern auch etliche Werke weitgehend unbekannter KünstlerInnen. Ania Molska zum Beispiel zeigt zwei ihrer Filmarbeiten, von denen mich eine besonders fasziniert hat: Ein Film, in dem in einer trostlosen Landschaft eine riesige Skulptur offenbar aus Elementen eines Baugerüsts von Bauern errichtet wird (in Realgrösse zu sehen im Skulpturenpark der Biennale), auf der die Landwirte sich abschliessend wie traurige Artisten formieren: «ein Porträt der Macher, realisiert im Entstehen des Objekts und vollendet mit dessen Fertigstellung». Oder die Arbeit von David Maljkovi ´c, der in seinen Fotocollagen die Avantgarde-Architektur Kroatiens - heute zu Nutzlosigkeit und Leerstand verdammt - zum Ausgangspunkt nimmt für eine Arbeit über in «Ungnade gefallene Zeiträume und Orte», die ein seltsames Phlegma erzeugen. Liegen bei Molska die Bezüge zur russischen Avantgarde (mit ihren kollektiven, nicht-individuellen Aspekten) offen, die sie in die polnische Gegenwart transferiert, so bezieht sich Maljkovi ´c in einer kritischen Neuinszenierung auf die vergessenen Ideale der Moderne.
Die gläserne Moderne
Die Moderne bzw.Modernismuskritik taucht als ein Bezugspunkt auch in den Inszenierungen in der Neuen Nationalgalerie - selbst Berliner Vorzeigeobjekt der Moderne - immer wieder auf. Einige Arbeiten nehmen direkt Bezug auf die Architektur, so die Standspiegel von Nairy Baghramian, mit der sie einerseits der «vergessenen» französischen Objektdesignerin Janette Laverrière Respekt zollt, andererseits mit ihrer Intervention, mit der «die nur scheinbare Durchlässigkeit von Mies van der Rohes Museum (thematisiert wird), welches das moderne Ideal der Transparenz in der Monumentalität des Baus versiegelt». Aleana Egans fragiles blaues Band, «Ended Casually In The Water» entwickelt sich als feiner Kontrast zum metallenen Deckenraster. Dominierender ist hier die ortsspezifische Arbeit von Gabriel Kuri, «Items in Care of Items», eine sichwährend der Dauer der Ausstellung fortwährend verändernde Skulptur: Die BesucherInnen können sie als Ablagefläche für Mäntel, Taschen etc. benutzen. Die Arbeit zitiert deutlich das Formenvokabular derModerne, eine «Entweihung» der modernen, reinen Formensprache bzw. ihre Transformation in die Alltagskultur bzw. Gebrauchsarchitektur der Gegenwart erfährt sie durch die Benutzung:Mich hat sie an eine Skateboardbahn erinnert. Aber es gibt auch Arbeiten, die sich völlig unbe eindruckt von der massiven Architektur, in der sie ausgestellt sind, entfalten: Susan Hillers fesselnde und schöne Audioinstallation «The Last Silent Movie» ist eine Arbeit über aussterbende Sprachen: Aus dem Off des schwarzen Filmscreens ertönen Stimmen - Laute, die zuweilen an Singen,Pfeifen oder Schnalzen erinnern -, derweil ein durchlaufendes Textband diese Nachrichten aus verschwindenden Kulturen aufschlüsselt. Hiller ist eine der wenigen KünstlerInnen, mit denen AdamSzymczyk und Elena Filipovic auch schon in anderen prominenteren Projektzusammenhängen gearbeitet haben. Für beide Kuratoren wäre es ein Leichtes gewesen, aus ihren bestehenden Programmen heraus eine Biennale zu entwickeln, die mindestens genauso überzeugend gewesen wäre. Sie haben sich dagegen entschieden und stattdessen die Biennale als Plattform vielen jungen, weitgehend unbekannten KünstlerInnen zur Verfügung gestellt. Dies muss man deutlich anerkennen, zumal diese Biennale nicht als Behältnis funktioniert, aus dem heraus sich Galeristen und Kuratoren ohne tiefergehende Auseinandersetzung bedienen können. Gerade in der Stadt Berlin, in der die Kultur der Wiederbelebung der Achtzigerjahre so dominiert und nicht selten dekadente Ironie und karnevaleskes Durcheinander in fröhlicher Eintracht aufeinandertreffen, überzeugt dieses offene Ausstellungsprojekt, das ausnahmsweise nicht für sich reklamiert, Trends zu setzen.

Bis 
14.06.2008

«When things cast no shadow», Katalog und zwei Kurzführer, Adam Szymczyk und Elena Filipovic (Hg), JRP/Ringier, Zürich 2008

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