Simone Aaberg Kærn

Simone Aaberg Kærn, Micro-global performance #2 (Simone & Farial & Rip), 2002, C-Print, 120 x 173 cm. Foto: Laura Beldiman

Simone Aaberg Kærn, Micro-global performance #2 (Simone & Farial & Rip), 2002, C-Print, 120 x 173 cm. Foto: Laura Beldiman

Installationsaufnahme Kunstmuseum Thun, 2008. Courtesy Kunstmuseum Thun. Foto: David Aebi

Installationsaufnahme Kunstmuseum Thun, 2008. Courtesy Kunstmuseum Thun. Foto: David Aebi

Fokus

Simone Aaberg Kærn macht das Abenteuer zur Kunst und umgekehrt. Mit einem Kleinflugzeug ist sie von Dänemark nach Afghanistan, mitten ins Kriegsgebiet, geflogen, um dort einem Mädchen das Fliegen beizubringen. In ihrer retrospektiv angelegten Ausstellung «Open Sky» im Kunstmuseum Thun thematisiert die Künstlerin die Rolle der Frau in der Fliegerei, vor allem aber ist die Luft für sie ein Raum zum Träumen, ein symbolischer Freiraum, den es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt.

Simone Aaberg Kærn

«Eine Art von Verrücktheit, die uns jedoch beschützt»

Nein, verrückt ist die Künstlerin nicht. Jedenfalls scheint sie, wie sie da mitten in ihrer Ausstellung steht und erzählt, ganz bei Sinnen. Reflektiert und eloquent berichtet Simone Aaberg Kærn von ihrer Reise mit einem kleinen Propellerflugzeug von Dänemark nach Afghanistan - eine Reise indessen, die genau betrachtet, waghalsig, hirnrissig, unglaublich, ja unmöglich erscheint.
Über 6000 Kilometer hat die Künstlerin im Herbst 2002 in ihrer Piper Colt, Jahrgang 1961, zurückgelegt, zusammen mit ihrem Lebenspartner Magnus Bejmar, der die Reise dokumentierte. Unzählige Male sind sie zum Tanken zwischengelandet, aber auch, um jeweils die Flug- und Landegenehmigung für die nächste Teilstrecke einzuholen. Die letzten beiden Etappen allerdings, von der iranischen Stadt Maschad nach Herat im Westirak und dann weiter über das bis 6000 Meter hohe Hindukusch-Gebirge nach Kabul flog sie illegal, weil die Amerikaner, die den afghanischen Luftraum kontrollierten, ihr die Bewilligung verweigerten. «Tut mir leid, Ma'm, doch wenn Sie diese Linie überfliegen, sind Sie ein Ziel. Ich wiederhole, ein Ziel», hatte sie ein US-Major gewarnt. Doch Simone Aaberg Kærn war, so kurz vor ihrem Ziel, nicht mehr aufzuhalten. Am 6. Dezember 2002, drei Monate und zwei Tage nach dem Start ihrer Reise in Dänemark, setzten Simone Aaberg Kærn und Magnus Bejmar mit ihrer Piper auf dem Flughafen von Kabul, Afghanistan, auf.
Erste Flugversuche
Bereits als kleines Mädchen wollte Simone Aaberg Kærn Kampfpilotin werden - und stiess damit, wie nicht anders zu erwarten, auf Unverständnis und Abwehr. Viele Jahre später fiel ihr zufällig ein Buch mit einem Porträt von der russischen Militärpilotin Lilya Litvyak in die Hände, die für ihre Leistungen während des Zweiten Weltkrieges ausgezeichnet wurde und den Übernamen «die weisse Rose von Stalingrad» trug. Von da an liess Aaberg Kærns Begeisterung für die Fliegerei, insbesondere für Kampfpilotinnen, nicht mehr nach - es wurde zum zentralen Thema ihrer künstlerischen Arbeit. In «Wanna fly» (Ich will fliegen), so der Titel ihrer ersten Filme von 1994-95, sehen wir die Künstlerin bei ihren ersten Flugversuchen: In Flughaltung, ein Bein und beide Arme ausgestreckt, versucht sie, sich ihrem Idealzustand anzunähern. Ein anderer Film zeigt sie, in Meditationshaltung am Boden sitzend, beim inbrünstigen Versuch, die Schwerkraft physisch und psychisch zu überwinden. Zwei Jahre später führen ihre Recherchen im Feld der weiblichen Fliegerei schliesslich zu 45 gemalten Porträts von Militärpilotinnen des Zweiten Weltkriegs, begleitet vom Sound der Kampfflugzeuge jener Zeit. «Sisters in the Sky» (Schwestern im Himmel) nennt sie diese Hommage, die gleichzeitig den Anfang ihres «Aero-Feminismus» bildet. Eine der Pilotinnen, die Amerikanerin Anne Noggle, stellt allerdings eine Bedingung: Sie ist erst zum Gespräch bereit, wenn Simone Aaberg Kærn selber fliegen lernt, denn sonst wisse sie gar nicht, worum es eigentlich gehe. Der Künstlerin bleibt also nichts anderes übrig, als eine Ausbildung als Privatpilotin in Angriff zu nehmen. In «Breaking Grounds», 2000, einer DVD-Installation mit drei wandfüllenden Projektionen, hebt Simone Aaberg Kærn in der Wüste von Arizona ein erstes Mal ab: Eingebettet in grandiose Sonnenauf- und -untergänge wird hier ihr Traum vom Fliegen endlich wahr!
Das ist es, das muss ich tun!
An einem Januarmorgen des Jahres 2002 sitzt Simone Aaberg Kærn wie gewohnt in ihrem Café und liest die Zeitung. Plötzlich wird ihre Aufmerksamkeit von einem Artikel gefesselt, der von einem afghanischen Mädchen namens Farial berichtet, die unbedingt Kampfpilotin werden will. Für die Künstlerin ist augenblicklich klar: Das ist es, das muss ich tun! Ich will ihr helfen, ihren Traum zu realisieren. Die zunehmenden Einschränkungen und Kontrollen des Luftraums und des Flugverkehrs im Nachhall von 9/11 bestärken sie in ihrem Entschluss. Gleichzeitig fühlt sie sich in ihrer Mission in Übereinstimmung mit den Zielen der USA, Afghanistan von den Taliban und die Frauen von ihren Burkas zu befreien. Ohne zu zögern beginnt Aaberg Kærn mit den Vorbereitungen ihrer langen Reise. Und auch jetzt rät ihr jeder, dem sie von ihrem Vorhaben erzählt, dringend ab. Zu gefährlich sei dieses Unternehmen, einfach verrückt! Doch allen Schwierigkeiten und Gefahren zum Trotz - die Künstlerin selbst sagt, dass die Chance des Gelingens ihres Projektes höchstens bei fünfzig Prozent gelegen habe - steht sie im Januar 2004 vor dem Mädchen und steigt wenig später mit ihr in die Luft. Zwar ist aus Farial schliesslich keine Kampfpilotin geworden, doch bis heute hat sie sich gegen eine Heirat gewehrt und ist daran, ein Studium in einer der Fliegerei verwandten Disziplin abzuschliessen. Gut möglich, dass das Beispiel von Simone Aaberg Kærn ihr die Kraft gegeben hat, sich gegen innere und äussere Schranken durchzusetzen. Ganz nebenbei ist das Projekt auch zu einer Reflexion über kulturelle Differenzen und Gemeinsamkeiten geworden.
Leidenschaftliche Mission
Mit Haut und Haaren hat sich Aaberg Kærn für ihr Projekt «Micro Global Performance», 2002-03, wie sie ihren Flug nach Afghanistan nennt, engagiert. Eine Differenzierung zwischen privater Person und Künstlerin ist dabei kaum mehr auszumachen. Zweifellos kann man deshalb, wie es die Kuratorin der Thuner Ausstellung, Helen Hirsch, in ihrem Katalogtext tut, von einem «Lebenskunstwerk», einer existenziellen Erfahrung in der Kunst, sprechen. Erst die nachträgliche, zusammen mit Magnus Bejmar durchgeführte Realisierung des Films «Smiling in the War Zone», 2005, als eine Art «Docutale», als «reality told as fairytale», sowie der verschiedenen Ausstellungen, die dem Afghanistan-Abenteuer gewidmet sind, erlauben Aaberg Kærn eine Distanzierung und vertiefte Reflexion ihrer leidenschaftlichen «Mission» - ein Begriff, den sie im Zusammenhang mit ihrem Afghanistan-Flug selber verwendet. Sie ist sich bewusst, dass man das Pathos, das diesem Ansatz innewohnt, als naiv bezeichnen könnte. Doch ist Naivität für Simone keineswegs negativ besetzt, sondern im Gegenteil ein unerlässliches Werkzeug, um ein solches Vorhaben überhaupt angehen und umsetzen zu können. Sie habe gelernt, sich in diesen Zustand zu versetzen, der stark dem Gefühl des Verliebtseins ähnelt: «It's the same glow we have when we fall in love, a kind of madness, but it protects us.» Was sie als Künstlerin interessiere, fährt Aaberg Kærn fort, sei, eine Idee ernst zu nehmen und sie mit der Realität zu konfrontieren, eine Art «extrem expressionism». In diesem gefühlsgeladenen Zwischenraum können sich unvorhersehbare, unglaubliche Dinge ereignen, ist sie überzeugt.
Aero-Feminismus
Auch mit den Widersprüchen und politischen Ambivalenzen, der in ihrem Konzept eines «Aero-Feminismus» steckt, kann sie gut leben. Es war der Feminismus der sechziger Jahre, der die Frau als friedliebendes Wesen entwarf. Die Suffragetten am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hingegen seien keineswegs pazifistisch orientiert gewesen, Kriege hätten für die Gleichberechtigung eine wichtige Rolle gespielt, argumentiert Aaberg Kærn - und ist manchmal nicht weit davon entfernt, den Krieg zu verherrlichen. Doch sie ist überzeugt, dass immer dann, wenn in Kriegszeiten die bürgerlichen Rechte ausser Kraft gesetzt worden seien, sich für Frauen neue Chancen und Möglichkeiten ergeben hätten, die später nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Wenn Aaberg Kærn auf dieses umstrittene Thema zu sprechen kommt, setzt sie - ganz Performerin - ihren ganzen Körper ein, um das Gegenüber von ihren Ansichten zu überzeugen: Breitbeinig stellt sie sich hin, die Machopose von Soldaten imitierend, kickt mit ihren Beinen gegen die unsichtbaren Grenzen, die den Bewegungs- und Denkraum von Frauen einzuschränken drohen. Bei aller Verve, verbissen wirkt die Künstlerin nie. Immer wieder blitzt in ihren Arbeiten Humor und Ironie auf, so zum Beispiel auf dem Plakat zu ihrer aktuellen Ausstellung, das sie vor einem wüstenartigen Hintergrund in voller Fliegermontur zeigt, mit einer aufblasbaren Weltkugel unter dem Arm und einem Lächeln im Gesicht.
Tatsächlich liegt die unvergleichliche Kraft von Simone Aaberg Kærns Kunst in ihrer spielerischen Entschlossenheit, sich dem Gegebenen, der Realität, wie wir sie nennen, zu widersetzen und die Grenzen des Möglichen unentwegt auszuweiten. In ihrer Arbeit geht es um Macht und Politik, vor allem aber ganz elementar um Freiheit und Selbstbehauptung. Verrückt ist das nicht, aber unglaublich mutig. Und mitunter auch lebensgefährlich.

Bis 
14.06.2008

«Open Sky - Simone Aaberg Kærn», Kunstmuseum Thun, 19.4.-15.6., erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz. Katalog, Christian Merian Verlag, Basel.
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«Abheben - Erfolg im Kunstbetrieb», Vortrag von Rachel Mader, Universität Bern und Zürich, 11.6., 19.15 Uhr
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Simone Aaberg Kærn (*1969 in Kopenhagen) lebt in Kopenhagen.
1993-98 Studium an der Royal Academy of Fine Arts in Kopenhagen
1995-97 Ausbildung am Goldsmith's College in London
1997 Flugschein als Privatpilotin
1999-2000 Kunstflug-Training-Kurse
2007 Kampfflugtraining der Swedish Royal Air Force School in Linköping
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Einzelausstellungen (Auswahl)
2007 Art Brussels, Martin Asbaek Projects, Brüssel
2006 Open Sky, Malmö Konsthall , Malmö (Katalog)
2003 «Crossing Line, Fragments from a micro global performance», Galerie Asbaek, Kopenhagen
2001 «Up in the Air», Schnitt Ausstellungsraum, Köln (Katalog)
«Second to none», Skive Kunstmuseum, Dänemark (Katalog)
1995 «Wanna fly», Saga basement, Colbjornsensgade, Kopenhagen

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