Vittorio Santoro, «Dependent Participation»

Vittorio Santoro, F. Dostoyevsky · Crime and Punishment (Penguin Popular Classics), 2007, zwei gerahmte Werke, Bleistift auf Papier, teilweise angebrannt, 22.5 x 7.5 cm, Courtesy Galerie Cortex Athletico, Bordeaux

Vittorio Santoro, F. Dostoyevsky · Crime and Punishment (Penguin Popular Classics), 2007, zwei gerahmte Werke, Bleistift auf Papier, teilweise angebrannt, 22.5 x 7.5 cm, Courtesy Galerie Cortex Athletico, Bordeaux

Besprechung

Spuren und Stimmungen sind Leitthemen des früh um die Welt gekommenen Zürchers Vittorio Santoro. Konzept und Analyse sind seine Methoden. Die Arbeiten machen das Flimmern erfahrbar, in dem die Welt hervortritt. In wechselnden Konstellationen befragt Santoro Bild und Erfahrung, Sehen und Glauben.

Vittorio Santoro, «Dependent Participation»

«Wer bin ich für diese Welt - und was ist diese Welt für mich; das ist meine Grundfrage », sagt Vittorio Santoro (*1962) in seinem Atelier in der Pariser Cité des arts. Und lächelt. Draussen rauscht der Verkehr am Seine-Ufer, drinnen sorgt leiser Jazz für Stimmung. Ich sehe angefangene Papiere mit tief eingegrabenen Schriften. Sätze wie «Dependent Participation» in Helvetica-Type auf das Papier gezeichnet. Wiederholt wurde die Kontur nachgefahren, das Papier stellt sich hoch, wie Ackerfurchen. «Es geht mir nicht um Wiederholung, sondern ums Insistieren auf einem Satz. Den schreibe ich täglich, sechs Monate lang.» Schrift bedeutet Einritzen, Eingraben. Es gibt eine ganze Mythologie um Schrift und Ackerbau. Santoro nimmt Schrift beim Wort, nicht Metaphern, die «Retinalität» der Schrift interessiert ihn: «Für mich sind Texte wie eine Skulptur». Santoros Zeichnungen, seine Objekte, Videos und Installationen bearbeiten die Spuren und Stimmungen, die sie tragen. «Ich will den Betrachter leise, mit einfachen Mitteln schütteln, will, dass er eine starke Erfahrung macht durch etwas Kleines», sagt er. Ich denke an Kafkas Plädoyer für eine kleine Literatur. Er war es, der das Schreiben zur Axtmachen wollte «für das gefrorene Meer in uns». Santoro zerteilt, zerschlägt Ikonen. Wie jene Beatles- Apple-Platte, die er aufwändig aufstöberte, um sie dann in Stücke zu treten - und wieder zusammenzupuzzeln. Eine von drei Platten, die «Une certaine idée de...», 2006, bilden. Santoro zerschneidet, analysiert im wörtlichen Sinn. Und geht so dem Wort auf den Grund. «Ich sammle Sätze, dann rufe ich Leute an, bitte sie, sie für mich aufzuschreiben», erklärt er zu «Untitled», ab 2003. «Wer schreibt, antwortet», fällt mir ein Satz von Jean-Luc Nancy ein. Aufwändig abgepaust hat Santoro eine Seite aus einer Taschenbuchausgabe von Dostojewski - dann: «divided vertically», 2007. Eine Hälfte der Buchseite ist verbrannt. Die Schrift auf dieser Seite erzählt den Wendepunkt von «Schuld und Sühne»: der Mörder auf der einen, sein möglicher Richter auf der anderen Seite der Tür. Ein Sinnbild transzendentaler Erfahrung. «'We all want to believe/in impossible things' - diese Sätze begleiten mich überall hin», sagt Santoro mit Blick auf zwei schwarze Texttafeln. «Sie geben mir irgendwie Kraft, ermutigen mich», schliesst er. Und lächelt.

Bis 
04.07.2008

Les Complices, Zürich, 6.6.-5.7. www.lescomplices.ch
«Shifting identities - Schweizer Kunst heute», Kunsthaus Zürich, Kunsthaus Zürich, 6.6.-31.8
«You are still here (solo)», Galerie 5213, Berlin, 31.5.-12.7
«A listening room», Anne+, Paris, 21.5.-19.7.

Künstler/innen
Vittorio Santoro
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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