‹Le syndrôme de Bonnard›

Francis Baudevin · Sans titre, 2009-2014 (Makulaturen), 3 Offsetdrucke, gerahmt, je 30x36 cm; Sans titre, 2006-2014, Acryl auf Leinwand, 126x126 cm; hinten: Jean-Luc Blanc · Sans titre, 2014, Bleistift und Terebinthenölaquarell auf Papier, Ausstellungsansicht. Foto: Aurélien Mole

Francis Baudevin · Sans titre, 2009-2014 (Makulaturen), 3 Offsetdrucke, gerahmt, je 30x36 cm; Sans titre, 2006-2014, Acryl auf Leinwand, 126x126 cm; hinten: Jean-Luc Blanc · Sans titre, 2014, Bleistift und Terebinthenölaquarell auf Papier, Ausstellungsansicht. Foto: Aurélien Mole

Vincent Kohler · Mèches, 2010, Öl auf Leinwand, 155x220 cm; Charlotte, Kunstharz auf Polyesterschale, 250x150 x 200 cm, Ausstellungsansicht. Foto: Aurélien Mole

Vincent Kohler · Mèches, 2010, Öl auf Leinwand, 155x220 cm; Charlotte, Kunstharz auf Polyesterschale, 250x150 x 200 cm, Ausstellungsansicht. Foto: Aurélien Mole

Hinweis

‹Le syndrôme de Bonnard›

Das kuratorische Kollektiv Le Bureau leistet zurzeit in der Villa du Parc in Annemasse Prävention gegen eine bildkünstlerische Zwangsneurose, an der namentlich Pierre Bonnard litt. Le Bureau hat das Mamco überzeugt, sieben Kunstschaffende davor zu bewahren, sich in das heuer zwanzigjährige Museum schleichen zu müssen, um ihre bereits in dessen Sammlung eingegangenen Werke überarbeiten zu können. Im Hinblick auf die Ausstellung ‹hors murs› mit ausgewählten Beständen der Genfer Institution wurden sie nämlich aufgefordert, sich dieser temporär zu reappropriieren.
Wie ernsthaft der damit behandelte Konflikt zwischen dem musealen und akademischen Diskurs und der «autorisierten Narration» (J.-M. Poinsot) der Kunstschaffenden selbst ist, hat ohne Zweifel Francis Baudevin mit seiner Reaktion bewiesen. So unterlief er die Vorgabe von Christian Bernard, die Werke nicht anzutasten - also des Direktors der seit der Planungsphase als «musée en mouvement» verteidigten Institution. Baudevin fand jedoch, dass er in der von ihm seit 1992 praktizierten Rückübersetzung konkreter Motive aus dem Bereich der kommerziellen Grafik in die Kunst gewisse Fortschritte gemacht habe. Er übertünchte deshalb das Gemälde ‹Sans titre›, 2006, grau, so dass durch die darauf einzig übrig gebliebene Stegstruktur vor allem die damalige Malweise mit Hilfe von Scotch in die Augen springt, und fertigte das gleiche Bild nochmals neu an - flacher. Das Mamco wurde also gut entschädigt!
Auch die sachteren Erweiterungen und Neuanordnungen von Jean-Luc Blanc, Nina Childress, Renée Levi, Didier Rittener und Claude Rutault zeigen eindringlich, wie stark jedes Werk auch aus dem Bereich der konzeptuellen Kunst letztlich an der formalen Umsetzung hängt. Vincent Kohler hat den Ball kurzerhand an die Kuratierenden zurückgespielt. So stellte er seinem legendären, vom Mamco angekauften Examensstück ‹Charlotte›, 2001, schlicht und einfach zwei neuere Werke zur Seite und forderte die Mitglieder von Le Bureau sowie eine Reihe weiterer Autor/innen dazu auf, sich über die Evolution seines formal ungewohnt auseinander driftenden Werks zu äussern. Die entstandenen Texte sind bereits auf der Webpage der Villa du Parc gepostet, im Herbst werden sie gedruckt erscheinen. Als wohl eher unerwartetes und entlarvendes Resultat wirkt die etwas gesuchte Originalität der Texte. Sie verweist auf den literarischen Wettbewerb, zu dem sich heute mehr denn je die Reflexionen von zeitgenössischer Kunst entwickeln.

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