Adèle d'Affry alias Marcello

Marcello · La Pythie, Bronze, 1 (reduziertes Modell, gegen 1880), Musée d'art et d'histoire Fribourg. Foto: Francesca Ragusa

Marcello · La Pythie, Bronze, 1 (reduziertes Modell, gegen 1880), Musée d'art et d'histoire Fribourg. Foto: Francesca Ragusa

Hinweis

Adèle d'Affry alias Marcello

Trotz ihrer Erfolge an den Salons, in die sie sich unter männlichem Pseudonym stahl, und der Anerkennung durch die Avantgarde ihrer Zeit, ist die Schweizer Künstlerin und Literatin nur Fachkreisen ein Begriff. Eine Wanderausstellung und mehrere Publikationen treiben nun aber ihre Rehabilitation voran.
Die einer Freiburger Patrizierfamilie entsprossene Adèle d'Affry (1836-1879), die 1856 Carlo Colonna, Herzog von Castiglione-Alberganti, heiratete, zeigt fast lehrstückartig, was das patriarchalische Kunstsystem der frühen Moderne selbst einer enorm begabten und relativ vermögenden Frau anzutun vermochte: Behinderung, Misstrauen, Vergessen.
So drängte es die von ihrer Mutter umsichtig geförderte Halbwaise just nach dem jähen Typhustod ihres Mannes im ersten Ehejahr wieder zurück in die Modellierkurse beim Schweizer Thorvald-Schüler Imhof in Rom. Obschon von der EBA in Paris 1859 aus «bienséance», ­also aus Regeln des Anstandes (!) abgelehnt, tat sie alles, um sich dort privat zur profes­sionellen Bildhauerin auszubilden. In Männer­kleidern nahm sie sogar an Anatomielektionen teil. Als indes auskam, dass sich hinter der Signatur ‹Marcello› des am Salon 1863 gefeierten Porträts der Femme fatale ‹Bianca Capello› eine Herzogin verbarg, zweifelte die Presse an deren Autorschaft. Die Episode sicherte ihr aber eine Freundschaft mit Napoléon III und dessen Frau Eugénie sowie bis zu deren Sturz 1870 mehrere öffentliche Aufträge, in denen sie ihr Interesse für starke Frauenfiguren weiter pflegte.
Erst nach einer Reise nach Spanien 1867, bei der sie in einen Aufstand geriet, brach ihr von Michelangelo und Delacroix inspiriertes, aber trotz des Zuspruchs von Courbet und Manet nur intim verfolgtes Begehren plötzlich durch, radikale Kunst zu schaffen. Ihr 1870 erstandenes Meisterwerk ‹Pythie›, die weissagende Hüterin des Orakels in Delphi, ist in seiner antiklassischen Überspannung ebenso Sinnbild wie Ausdruck des künstlerischen Furors, der sie in dieser Zeit umso mehr ergriff, als sie ihr eigenes frühes Tuberkuloseende zu ahnen begann. Sich mehr und mehr auf die physisch einfachere Malerei verlagernd, suchte sie zugleich ihr Nachleben zu sichern, indem sie ihr nicht weniger faszinierendes literarisches Werk durch Memoiren krönte und in Freiburg das später in das MAH eingegangene Musée Marcello schuf.
Nach ersten Bearbeitungen 1963 und zu ihrem 100. Todestag 1979 führte jedoch erst die 2005 vorgelegte Doktorarbeit der heute in New York lehrenden Caterina Y. Pierre zu einem umfassenden Forschungs- und Ausstellungsprojekt. Zurzeit ist davon noch die letzte aus Kosten- und Platzgründen nur wenige Skulpturen und Gemälde, dafür auch viele Schriftstücke vereinende Station im Musée des Suisses dans le Monde zu sehen. Vermag die Schau zwar nachhaltig das Doppeltalent der Künstlerin zu fassen, harrt die Plastikerin und Malerin nach wie vor einer definitiven Retrospektive in einem zentralen Kunstmuseum.

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Adèle d'Affry (1836-1879) - Marcello 09.03.201604.06.2016 Ausstellung Genève/Pregny
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