Anne Golaz, Tom Licht, Stéphane Winter - Home Stories

Stéphane Winter, aus dem Projekt ‹die Winter›

Stéphane Winter, aus dem Projekt ‹die Winter›

Besprechung

Daheim – Inbegriff für ein grosses Feld persönlicher und oft widerstreitender Emotionen. Die Ausstellung in der Coalmine verbindet Arbeiten von drei Fotoschaffenden, Anne Golaz, Tom Licht und Stéphane Winter, die den ambivalenten Ort des privaten Rückzugs und der Herkunft genauer untersucht haben.

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Daheim meint einen privaten Ort der Zuflucht, dem inhaltlich und formal einiges abverlangt wird. Er impliziert das Bewusstsein, irgendwo hinzugehören. Auch Wohnindustrie und Lifestyle-Ratgeber strapazieren den Begriff. Der Blick zurück auf das Ur-Heim, das Elternhaus, beschwört aber oft sehr gegensätzliche Gefühle; besonders Fotos bringen erlebtes Glück und Verlust wieder ins Bewusstsein. Die in Winterthur gezeigten Arbeiten fokussieren auf Aspekte wie Familiengeschichte, Kindheit und Zugehörigkeit. Sie spiegeln gleichzeitig die zeitgenössischen Medien und die Tendenz der permanenten Selbstdokumentation. Und sie testen dabei auch, welche Substanz die Fotografie als Bewahrerin von Erinnerungen hat.
Bei Tom Licht (*1972, Sonnenberg) fallen kleine und grosse Geschichte zusammen. Für seine Arbeit ‹Daheim› kehrte er nach über zwei Jahrzehnten in sein Elternhaus in der ehemaligen DDR zurück. Gründlich überprüfte er es auf Stillstand und Veränderung und bezog dazu auch nachbarschaftliche Spitzelberichte aus Regime-Zeiten mit ein. Bei Licht ist es vor allem eine gegenständliche, installative Welt, die Erinnerungen wachruft: Möbel, Nippes und allerlei Detailansichten, die sehr persönlich und doch mit vielen anderen Elternhäusern der Siebzigerjahre vergleichbar sind. Anne Golaz (*1983) stellt mit ‹Corbeau› ihre über zwölf Jahre (2004-2016) gewachsene Auseinandersetzung mit dem elterlichen Bauernhof im Waadtland vor. Mit unterschiedlichen Formaten und Methoden geht sie der wechselhaften Geschichte des Ortes nach. Sie kombiniert Fotos, Texte und Zeichnungen zu Installationen, die narrative Andeutungen an ein Leben auf dem Bauernhof bieten, aber kaum Rückschlüsse auf Zeit, Ort oder Personal zulassen. Die langfristigste Dokumentation präsentiert Stéphane Winter (*1974, Busan); sein autobiografisches Projekt ‹die Winter› umfasst einen Zeitraum von 25 Jahren. Winter wurde als einjähriger Südkoreaner von einem Schweizer Paar adoptiert. Seine Jugend in einer Dreizimmerwohnung bei Lausanne zeigt er personell orientiert. Eine Mischung aus alltäglichen Situationen, Posen und Schnappschüssen, die bis zum Tod des Vaters 2011 unter Mitwirkung aller drei Familienmitglieder entstanden, bilden ein buntes Zeugnis der Familiengeschichte.
Was die Ausstellung bietet, ist kein umfassende Bild oder gar eine Analyse des Zustands «Daheim», aber die Anregung für einen Tauchgang in die eigene Emotionswelt hinsichtlich Herkunft und Erinnerungen.

Bis 
10.06.2017

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