Daniela Keiser - Wie kann Aleppo heute noch abgebildet werden?

Frühstücksgasse (Fotoarchitekturen), 2010, C-Prints, 140-teilige Werkgruppe, Installation 3,8×20 m
(140 C-Prints à je 30,5×20,4 cm / 20,4×30,5 cm), Ausstellung: 2014, This Infinite World - Set 10 aus der
Sammlung des Fotomuseums Winterthur

Set, 11-teilig, Fotoserie aus ‹Die Stadt›, 150-teilige Installation

Fokus

Was ist die Übersetzung von Fotografie? Kommt drauf an, in welche Sprache. Die Zürcher Künstlerin Daniela Keiser nutzt gleich mehrere Sprachen - von Rätoromanisch bis Arabisch - um da weiter zu übersetzen, wo Fotografie und Film nicht hinkommen. Für ihre vielschichtigen Projekte wird Keiser im Juni im Rahmen der ‹Swiss Art Awards› parallel zur Art Basel mit dem renommierten ‹Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim 2017› ausgezeichnet.

Daniela Keiser - Wie kann Aleppo heute noch abgebildet werden?

Über die Frühstücksgasse in Kairo schaut sie hinweg, auf fast 600 Buchseiten. Ins Hotel Pyramid schaut sie hingegen intensiv hinein, gleich in drei Sprachen. Daniela Keiser bleibt gerade in ihrer fotografischen Arbeit oft bewusst an Oberflächen hängen. Ganz frappant etwa in der gerade in der Ausstellung ‹Cinéma Mon Amour› im Aargauer Kunsthaus Aarau ausgestellten ausgiebigen Werkgruppe ‹Die Stadt›, für die sie Kulissen verschiedener bekannter Orte abgebildet hat, die speziell für Filmdrehs konzipiert wurden. Sie taucht aber auch immer wieder tief in Bedeutung ein, mit Hilfe verschiedener Sprachen. Zum Beispiel mit dem Werkkomplex ‹Die Rede›, einer Audio­installation von 2015, für die Daniela Keiser eine Ansprache zur Eröffnung einer Brücke in die fünf unterschiedlichen Idiome des Rätoromanischen übersetzen liess. «Ich suche immer wieder den Moment, wo Sprache an ihre Grenzen stösst», so die in Zürich lebende Künstlerin. Ich könnte ergänzen: Und den Ort, wo die Fotografie nicht mehr weiterweiss.

Travelling while Muslim
Zumal sie in der Fotografie eben oft von Weitem schaut: Als neueste Publikation im Zürcher Verlag Edition Fink sind ihre versammelten Fotografien aus Kairo in drei Bänden erschienen - sekundiert von einer Projektwebsite für Audiogespräche über den ägyptischen Alltag. Keiser hat ihren von Pro Helvetia unterstützten Aufenthalt in einem Atelier in der ägyptischen Hauptstadt 2008/2009 einerseits dafür genutzt, aus den Fenstern des Ateliers heraus zu fotografieren. Die nur scheinbar immer wieder gleichen Bilder konstatieren minimale Veränderungen - in einer Stadt, die bald danach, seit dem arabischen Frühling 2010, in permanenten Brachialumbruch übergehen würde.
Andererseits tauchte Daniela Keiser aber eben auch tief in ein momentan ebenfalls permanent dramatisches Gebiet ein: in die leidende ägyptische Tourismusbranche. Vor allem über einen Kanal, den die Künstlerin seit einigen Jahren immer wieder anzapft - die Sprache. Für ‹Hotel Pyramid› hat Keiser den Text eines Ratgebers (in einer deutschen Übersetzung) für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ägyptischen Tourismusbranche aus dem Jahr 2005, also vor der ägyptischen Revolution, aus dem Deutschen ins Arabische und Französische übersetzen lassen. Kamen bei ‹Die Rede› die verschiedenen Idiome des Rätoromanischen - und ihre leichten Unterschiede - zum Tragen, sind es hier drei Sprachen, zwischen deren Sätzen mittlerweile nichts Geringeres als ein Kulturclash heraufbeschworen wird. Beziehungsweise sich tatsächlich auftut, wenn wir weiterhin keine Alternativen zu Le Pen, Trump und seiner Dämonisierung von «Travelling while Muslim» aufzeigen können.
In der aktuellen Ausformulierung des Werkkomplexes im Kunstmuseum Thun - in der Ausstellung ‹Aller-Retour. Schweizer Fotografie im Wechselspiel zwischen Fernweh und Heimat› - sehen wir den Widerschein von Projektionen, bevor wir die entsprechenden Fotografien sehen. Aber wir hören bereits die Ratschläge für die Angestellten, die abhängig sind von Touristinnen und Touristen, die allerdings Ägypten immer seltener frequentieren. «In den Mustersätzen im Buch - ich habe es in einem der wenigen Buchläden Kairos gekauft - hallt eindeutig eine afrikanische Sichtweise wider», so Daniela Keiser. Während die Audiospur im Kunstmuseum Thun - selbst ein ehemaliges Hotel - stellenweise schon fast abstrakt wird: Wenn die drei Sprecher die Anzahl der Sterne verschiedener Hotels nacheinander in ihren jeweils eigenen Sprachen aufzählen, ist dies buchstäblich eine Sternstunde des Übersetzens.
Die Fotografien, von denen wir erst die reine Lichtinformation - Stichwort ­Sterne - mitbekommen haben, zeigen dann einerseits eben das titelgebende Hotel Pyramid in einer Satellitenstadt Kairos, andererseits aber auch Abbildungen einer neueren französischen Feriensiedlung in der Nähe von Perpignan. Daneben, nach der touristischen Perspektive irritierend intim, Szenen, in denen ein Mädchen in einem dieser Hotels für einen Kindergeburtstag geschminkt wird. «Es geht mir natürlich immer auch darum, über Bilder nachzudenken. Wie kann Aleppo heute noch abgebildet werden? Wir leben mit unzähligen Fotografien von Kriegskindern, die in den Internet-Suchsystemen jederzeit öffentlich zugänglich sind. Meine Weltsicht gibt es immer noch - sie ist nur medial und politisch zugeschüttet», fasst Keiser zusammen.

Neuverkettung der Welt
Kann Sprache die Verschüttungen zumindest teilweise abtragen? Die Arbeit «In and Out of Translation», ein Treffen zum Thema des Übersetzens, wie es bereits zum dritten Mal im Atelier der Künstlerin stattgefunden hat, suggeriert im Titel wohl nicht zufällig einen Zu- und einen Ausgang. Teilnehmende am letzten Gespräch im April 2017 waren verschiedene Übersetzer/innen  - darunter Catherine Schelbert, die bereits 1997 in einer von Keisers ersten Übersetzungsarbeiten ‹Südöstlich über dir› mitgewirkt hat, oder Husseni El Hefni, der vor allem im medizinischen Bereich zwischen Arabisch und Deutsch übersetzt. In einer Transkription - eine Publikation entsteht gerade in der Taschenbuchreihe in der Edition Fink - wird das Treffen öffentlich zugänglich gemacht. Gerade Simultanübersetzer/innen sind manchmal unglaublich allein bei der Arbeit - ich erinnere mich beispielsweise an die fast gefängnisartigen Übersetzerboxen der Künstlerin Ceal Floyer im Helmhaus Zürich im Rahmen der Zürcher Manifesta 11. Ausserdem sind sie nicht selten die Einzigen, die in einem bestimmten Kontext beide relevanten Sprachen beherrschen. Vielleicht ist gerade deshalb das Zusammenbringen von Übersetzenden eine effiziente Neuverkettung unserer von immer tieferen Gräben durchsetzten Welt. Damit es - um mit dem Titel der Thuner Ausstellung zu sprechen - mit dieser Welt nicht immer nur retour geht.Was ist die Übersetzung von Kunst? Kommt nicht drauf an, in welche Sprache!
Daniel Morgenthaler (*1978), freier Autor und Kurator am Helmhaus Zürich. dani_moergi@hotmail.com

Bis 
13.08.2017

‹Swiss Art Awards› und ‹Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim 2017›, 13.-18.6., 10-19 Uhr, Halle 3, Messe Basel; Preisverleihung 12.6., 17-18.30 Uhr www.swissartawards.ch
Villa Bleuler Gespräch, Zollikerstr. 32, mit Daniela Keiser und Florian Dombois, 20.6., 18-19.30 Uhr
Daniela Keiser, ‹Kairo - Frühstücksgasse, Nachtkaffee, Cinéma Odeon›, Bildband/Audio: Edition Fink

Daniela Keiser (*1963, Neuhausen am Rheinfall), lebt in Zürich
1989-1991 Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel
1988-1989 Zürcher Hochschule der Künste, Zürich

Einzelausstellungen
2015 ‹Clugén, Magùn, Promigiur›, Galerie Stampa, Basel
20007/08 ‹Land Logo Löwe›, Kunstmuseum Solothurn, Villa Merkel, Esslingen, Deutschland
1999 ‹Schlafendes Grün›, Museum für Gegenwartskunst, Basel

Gruppenausstellungen
2017 ‹Cinéma mon amour›, Kino in der Kunst», eine Kooperation zwischen dem Aargauer Kunsthaus und den Solothurner Filmtagen, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2015 ‹bergen›, Verein zur Förderung von Kunst und Kultur, Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
2014 ‹This Infinite World - Set 10›, Fotomuseum Winterthur, Winterthur
2010 ‹Die Kairo-Übersetzung›, Les Complices, Zürich
2009 ‹Where are you?›, Townhouse-Gallery of contemporary art, Kairo, Ägypten
2005 ‹Welt-Bilder› Helmhaus Zürich
2001/02 ‹Der Larsen Effekt/L'effet Larsen›, Casino Luxembourg, Luxemburg und OK Centrum für Gegenwartskunst, Linz, Österreich

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