Hans Stalder - Malerei im Chor

Hans Stalder · Pensée, 2016, Öl auf Baumwolle, 120x90 cm

Hans Stalder · Pensée, 2016, Öl auf Baumwolle, 120x90 cm

Besprechung

«Soundtrack» nennt Hans Stalder seine Ausstellung neuer ­Malereien. Eine lautlose, je eigene Tonspur durchzieht die fünf Bildergruppen, um sich schnell, sanft, schrill und leise zu einem vielstimmigen Chor zu versammeln. Ein «Freewheelin'», wie ihn nur ein Maler mit Dylan-Songs im Ohr dirigieren kann.

Hans Stalder - Malerei im Chor

Einen Chor zu malen, ist mehr als ein Gruppenporträt. ‹RU Ready› hallt es aus den Kompositionen, die nicht allein durch Körper und Gesichter mit grossen Augen rhythmisiert sind, sondern stark auch durch geöffnete rosa Lippen, markant weisse Zähne und geometrische Münder. Die variationsreiche Anordnung singender Körper in Hoch- und Querformaten lässt aus Rundungen und harten Schnitten ­einen je eigenen Groove entstehen, ein Dickicht von Kontrasten zwischen Schärfe und Verläufen, Brüchen und Reprisen. Hans Stalder (*1957, Bern) orientiert sich dabei vielfach am Blues mit seinen assoziationsreichen Improvisationen über bekannte Phrasen und einzelne Textteile, die wiederholt, wieder aufgenommen, ausgetauscht und bei der Übernahme umgearbeitet werden. Anspielungen auf Motive aus der Werbung, dem TV, Mode oder Graffiti mischen sich mit eigenen Findungen. Immer wieder überrascht sich Stalder beim Malen selber durch kleine und grössere Gewagtheiten. Seine Samples aus verschiedensten Ornamenten, Malweisen und erzählerischen Momenten pointieren sich oft in den Details, wenn plötzlich ein Farbpunkt aufleuchtet, eine Handstellung am Klavier den Blick auf sich zieht, ein Tattoo das rote Backsteinmuster eines Rocks bricht oder der Titel ‹Countrymusic in the World of Islam› die Malerei provoziert. Als Bob Dylan 1966 zum zweiten Teil seines Royal-Albert-Hall-Konzerts in Manchester mit Band und elektrischer Gitarre auftritt, ruft jemand aus dem Publikum «Judas», und Dylan zurück: «I don't believe you.» Kopie und Verrat kann es auch für Stalder nicht geben, weil er ohne programmatische Gewissheiten in einem Empire Burlesque unterwegs ist.
Das Intermezzo gehört der ‹Amsel›, die sich in Stalders Familie der bunteren Singvögel mischt. Auch die Reihe der ‹Pensées› wird weitergeführt: Eine vierblättrige Konstellation aus farbstarken Bildern eröffnet den Klang im Raum, während zwei ins Weisse fallende Formate mit sich überlagernden Kreisen nahezu gegenstandslos den stillen Rhythmus auf der Stirnwand spielen, bis lautstark in Grün wieder ein Gospelchor einsetzt. Der Chor sind die Stimmen der Vielen. Hier geht es um das Soziale jenseits der Unterhaltung durch Headlines, um Dignity, Chimes of Freedom...
‹TX Selfie› zeigt schliesslich den Maler selbst mit kariertem Hemd, strenger Brille und Cowboyhut, vom Handy halb verdeckt, während er sich im Spiegel ablichtet. Oder zielt sein Objektiv direkt aus der Malerei auf uns? Komplex, wie ein Selfie heute sozial wird: The Old Black Magic, Love and Theft.

Bis 
03.06.2017
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Martin Mele, Hans Stalder 22.04.201703.06.2017 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Hans Rudolf Reust
Künstler/innen
Hans Stalder

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