Agnès Wyler — Auftauchen aus dunklen Wassern

Agnès Wyler · ‹A l’ombre de l’eau›, Bleistift auf halbtransparenter Zeichenfolie auf Papier aufgezogen, 30 x 30 cm, 2017/2018
 

Agnès Wyler · ‹A l’ombre de l’eau›, Bleistift auf halbtransparenter Zeichenfolie auf Papier aufgezogen, 30 x 30 cm, 2017/2018

 

Besprechung

Die Malerin und Plastikerin Agnès Wyler zeigt im KunstRaum R57 eine Auswahl von 24 Zeichnungen, auf denen sich Graphitpigmente auf Transparenzpapier in einem beharrlichen Werkprozess zu einer janusköpfigen Membran zwischen dem Sichtbaren und dessen Nachschwingungen im Nervensystem verdichten.

Agnès Wyler — Auftauchen aus dunklen Wassern

Zürich — Alle Formen, an die sich das Auge bei den Zeichnungen von Agnes Wyler (*1961, Safi/Marokko; Zürich) zuerst hängt, werden auf den zweiten Blick mehrdeutig. Die mal forsch mit dem Lineal gezogenen, mal in immer wieder neuen Anläufen entworfenen Umrisse leben von räumlicher und zeitlicher Simultanität, ungewöhnlichen Perspektiven und Segmenten – etwa ein abgehalftertes Pferd von ganz nah unten – und unwahrschein-lichen Übergängen von einer Bildwelt in die andere. Die Setzungen sind darüber hinaus stets in ein Fluidum von Arbeitsspuren eingebettet, das eine Fülle weiterer Möglichkeiten zum aktiven Sehen eröffnet. Manche Blätter sind palimpsestiert. Hier schiebt sich ein Kopf über einen in langen Beinen endenden Po, dort ein in Zehen und Finger auswachsendes Auge über ein Gesicht. Auf anderen haben sich Flecken oder auch zum Ausmalen von Binnenfeldern gesetzte Strichel und Kringel zu Orten lustvoller Experimente entwickelt. Angesichts der Technik denkt man auch an Tuschemalerei und Aquatinta. Wyler verbindet in diesen Blättern jedoch HB-Bleistifte, mit denen sie ihre ersten Reisen in die indexikalische Welt unternahm, und Transparenzpapier, das sie an der School of The Museum of Fine Arts in Boston als Gefäss dafür entdeckte. Ihre Zeichnungen haben alle etwas Ungekanntes. Man fühlt erschüttert, dass hier eine Persönlichkeit mit wachem Kopf, pochendem Herzen, hüpfendem Unterleib und tanzenden Gliedern am Werk ist, die nicht lockerlässt, bis alles Offenkundige am Hervorgebrachten getilgt ist und so das Dringende zum Vorschein kommen kann, das immer wieder anders, bizarr und erotisch, ja pervers sein muss. Geschichte ist nicht wiederholbar! Wyler ist bestürzt, dass in den klassischen Medien unter dem Eindruck des allgegenwärtigen Kamerabildes wieder so etwas wie Akademiekunst dominierend geworden ist, ehe sich die Frauen als mehr denn als «Badende» in projizierte Landschaften  in die Moderne einschreiben konnten. Im Rückgriff auf Medien wie Video und Foto, mit denen sie ihr Frauenbild meist untersucht haben, unterwarfen sie sich letztlich wieder der Zentralperspektive. Wyler gehört zu den Frauen, die in Bezug auf die Moderne nicht ‹A l’ombre de l’eau› bleiben wollen, so der Titel ihrer Zeichenserie in leiser Anspielung an Manets ‹Déjeuner sur l’herbe›und Picassos ‹Demoiselles d’Avignon›. Sie kommt zwar auf die Ansätze dieser Künstler zurück, doch erneuert und ergänzt sie aus ihrem Erleben. 

Bis 
14.06.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Agnès Wyler 30.05.201814.06.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Katharina Holderegger Rossier
Künstler/innen
Agnès Wyler

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