Backcovers — Summer Fall Winter Spring

Artforum-Rückseite, Oktober 2009, Schweine der Familie Kempf, Urnerboden UR. Foto: Keystone / Christof Schürpf
 

Artforum-Rückseite, Oktober 2009, Schweine der Familie Kempf, Urnerboden UR. Foto: Keystone / Christof Schürpf

 

Besprechung

Keine Frage: Den Abonnenten und Leserinnen des Kunstbulletins dürften die aussergewöhnlichen Anzeigen der Galerie Bischofberger ins Auge gestochen sein, die seit den Neunzigerjahren die Rückseite des Magazins zieren – hier trifft «High Art» auf Schweizer Brauchtum, globale Vernetzung auf regionale Verwurzelung.

Backcovers — Summer Fall Winter Spring

Kriens — Das Publikum der Vernissage ‹Backcovers› kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Rund 130 Ausgaben des Kunstbulletins und des Artforum sind wie Objekte an die Museumswände montiert. Zu sehen sind jeweils die Rückseiten der Magazine mit Werbung der Galerie Bischofberger: Seit über dreissig Jahren generiert Bruno Bischofberger Aufmerksamkeit für seine Künstler – darunter Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Jean-Michel Basquiat – indem er auf Fotografien zurückgreift, die Szenen aus dem Schweizer Brauchtum zeigen. Die Bilder wählt er selbst aus, wobei die Idee zu den pointierten Kontrastmontagen aus einer gewissen Not heraus geboren wurde: Da er angeblich nicht auf das oft verspätete Material seiner Künstler warten wollte, nutzte er statt Abbildungen von Kunstwerken Fotografien von Schweinen, -Kühen, Würsten oder Volksfesten – inzwischen geniessen die Anzeigen Kultstatus. Obwohl die Sujets gelegentlich ans Stereotype grenzen, wäre es ein Trugschluss, sie nur auf eine ironische Haltung zurückzuführen. Zwar erzielen die Anzeigen ihre Wirkung durch den Kontrast von internationaler Kunstwelt und ländlichem Brauchtum. Wer schaut nicht zweimal hin, wenn die Ausstellung ‹Enzo Cucchi – New Works› mit der Fotografie von Schweinen beworben wird, die auf einer Wiese herumtollen? Im Gespräch zwischen Bischofberger, Hilar Stadler, Kurator, und Peter Fischli, Co-Kurator, wird jedoch ein tieferes Interesse deutlich. Denn Bischofberger studierte neben Kunstgeschichte und Archäologie auch Volkskunde. Zudem hat er eine Sammlung an Volkskunst aufgebaut, für die in Männedorf ein Museum in Planung ist. Angesprochen auf die Gegensätze, die in seinen Anzeigen zusammenlaufen, antwortet -Bischofberger, er habe nie einen Unterschied zwischen Volkskunst und «hoher» Kunst gemacht. «Es gibt nur eine gute, echte Kunst und eine falsche, also nachgemachte.» Daran entzündete sich wiederum die Frage nach dem Traditionell-Echten und Künstlich-Nachgeahmten. Dass diese Grenzen selten trennscharf verlaufen, zeigt auch ein Blick zurück auf die Weltausstellungen. Schon die Great Exhibition von 1850 stellte die Schweiz mit ebenjenen «echten» Qualitäten vor, die heute zum Klischee gehören: Kühe, Käse und Uhren. Die Pariser Weltausstellung um 1900 wartete gar mit einem ‹Village suisse› auf. Mit «täuschend naturwahren» Bergen, die «doch nur gipsgetränkte und bemalte Leinwände» waren, sowie mit Gebäuden «aus altem, von wirklichen Schweizerdörfern hergeholtem Holz». – Auf den zweiten Blick lässt sich gar nicht mehr so leicht eruieren, welche «echten» und «künstlichen» Welten in den Anzeigen der Galerie Bischofberger aufeinandertreffen.

Bis 
08.07.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Backcovers. Summer Fall Winter Spring 21.04.201808.07.2018 Ausstellung Kriens
Schweiz
CH
Autor/innen
Jana Bruggmann

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