Bettina Pousttchi — Protection

Bettina Pousttchi · Protection, 2018, Installationsansicht Lokremise St. Gallen. Foto: Sebastian Stadler
 

Bettina Pousttchi · Protection, 2018, Installationsansicht Lokremise St. Gallen. Foto: Sebastian Stadler

 

Besprechung

Die Perspektive, die man einnimmt, kann extrem einflussreich sein. In der Lokremise St. Gallen zeigt Bettina Pousttchi Objekte und Zeichen, die ein Pingpong zwischen Zärtlichkeit und Gewalt spielen. Dabei schafft sie eine Bühne für das Nachdenken über das Thema Sicherheit.

Bettina Pousttchi — Protection

St. Gallen — Die Transparente sind riesengross, man fühlt sich klein im Vergleich dazu. Für ‹World Trade›, 2018, sind die Twin Towers schwarzweiss auf zwei 21 Meter lange Stoffbahnen gedruckt, die von der Decke am entferntesten Ende des breiten Ausstellungssaals herabhängen. Sie werden über den Boden geführt bis zur Stelle, wo man steht. Mit diesem klaren Statement rückt uns Bettina Pousttchi nochmals ganz nah an die unermessliche Gewalt des Anschlags von 9/11. Die Bahnen sind eine historische Aufnahme eines Gebäudes, das aus schrecklichen Gründen in die Geschichte eingegangen ist. Aber man bleibt dort nicht stehen. Wenn man den Saal betritt, erscheinen die Transparente eher als Hintergrund, die Grautöne sind nicht so anziehend wie die merkwürdige Gruppe von bunten Skulpturen, die in der Ausstellung zerstreut herumstehen – zwölf in diesem Saal. Im Vorraum stossen wir auf zwei Gruppierungen, geschaffen aus Pfosten aus Edelstahl, ‹Nora› und ‹Simion›, 2017; jedes Stück ist am Boden befestigt, scheint sich jedoch zu biegen und umherzuschwanken. Im Hauptsaal stossen wir auf Arrangements aus Baumschutz- und Fahrradbügeln. Merkwürdigerweise ist auch hier jedes Element mit einem Vornamen betitelt: ‹Felix›, 2018, präsentiert sich als polierter Klumpen aus drei Fahrradbügeln, ‹Pauline›, 2018, besteht aus drei hellgrün pulverbeschichteten Baumschutzbügeln. Jede Skulptur stellt ein Zusammentreffen dar, ein Duett, ein Trio oder Quartett, die Farben muten industriell an. Die Rohre wurden ursprünglich für urbane Schutzmassnahmen produziert, doch so, wie sie Bettina Pousttchi (*1971) verformt hat, erscheinen sie wie flexible, mitfühlende Wesen. Sie stützen sich, unterstützen einander, heben und klammern sich aneinander. Und wir? Haben wir lieber starren Schutz oder bewegliche Empathie? Pousttchi macht die Ausstellung auch zur Bühne für ein gutes Dutzend Schauspieler und Tänzer. In Zusammenarbeit mit dem Theater wird ein neues Theaterstück, ‹Lugano Paradiso›, von Andreas Sauter vor Ort aufgeführt. Es thematisiert die Fichen-Affäre der Achtzigerjahre und die damalige Überwachung der Schweizer Bevölkerung aus einem zeitgenössischen Blickpunkt. Und lässt uns darüber nachdenken, unter welchen Umständen wir im turbulenten Alltag auf Menschlichkeit wohl verzichten würden, um ein Gefühl von Sicherheit zu haben.

Bis 
17.06.2018

‹Lugano Paradiso›, Schauspiel von Andreas Sauter, letzte Termine, 5.6 und 8.6.,  www.theatersg.ch

 
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Bettina Pousttchi 17.02.201817.06.2018 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Bettina Pousttchi
Autor/innen
Aoife Rosenmeyer

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