Bruce Nauman — Körper, Schwindel, Schönheit, Schmerz

Green Horses, 1988 (Still), 2-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton), 1 Projektion, 2 Monitore und Stuhl,59’40’’, Masse variabel © ProLitteris. Foto: Ron Amstutz
 

Green Horses, 1988 (Still), 2-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton), 1 Projektion, 2 Monitore und Stuhl,
59’40’’, Masse variabel © ProLitteris. Foto: Ron Amstutz

 

Venice Fountains, 2007, Wachs, Gips, Draht, Spülbecken, Wasserhähne, transparente Schläuche, Pumpen und Wasser, 2-teilig, je 196 x 58 x 65 cm, Astrup Fearnley Collection, Oslo, Norway, Courtesy Sperone Westwater, New York © ProLitteris
 

Venice Fountains, 2007, Wachs, Gips, Draht, Spülbecken, Wasserhähne, transparente Schläuche, Pumpen und Wasser, 2-teilig, je 196 x 58 x 65 cm, Astrup Fearnley Collection, Oslo, Norway, Courtesy Sperone Westwater, New York © ProLitteris

 

Model for Trench and Four Buried Passages, 1977, Gips, Fiberglas und Draht, Glenstone Museum,Potomac, Maryland, Ausstellungsansicht Disappearing Acts, Schaulager Münchenstein/Basel© ProLitteris. Foto: Tom Bisig
 

Model for Trench and Four Buried Passages, 1977, Gips, Fiberglas und Draht, Glenstone Museum,
Potomac, Maryland, Ausstellungsansicht Disappearing Acts, Schaulager Münchenstein/Basel
© ProLitteris. Foto: Tom Bisig

 

Bruce Nauman, Courtesy Schaulager Basel, 2018 © ProLitteris
 

Bruce Nauman, Courtesy Schaulager Basel, 2018 © ProLitteris

 

Make Me Think Me, 1993, Bleistift und Klebeband auf Papier, 142 x 97,2 cm, Sammlung Froehlich, Stuttgart © ProLitteris. Foto: Dorothy Zeidman
 

Make Me Think Me, 1993, Bleistift und Klebeband auf Papier, 142 x 97,2 cm, Sammlung Froehlich, Stuttgart © ProLitteris. Foto: Dorothy Zeidman

 

Wall-Floor Positions, 1968, Still aus Video, schwarz-weiss, Ton, 60’, The Museum of Modern Art,New York, Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York © ProLitteris
 

Wall-Floor Positions, 1968, Still aus Video, schwarz-weiss, Ton, 60’, The Museum of Modern Art,
New York, Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York © ProLitteris

 

Setting a Good Corner, Still (Allegory & Metaphor), 1999, Video (Farbe, Ton), 59’30’’, The Museum of Contemporary Art, Los Angeles. Still: Courtesy Sperone Westwater, New York © ProL
 

Setting a Good Corner, Still (Allegory & Metaphor), 1999, Video (Farbe, Ton), 59’30’’, The Museum of Contemporary Art, Los Angeles. Still: Courtesy Sperone Westwater, New York © ProL

 

Fokus

Die Fakten liegen offen: Bruce Nauman, 1941 geboren, hat unter anderem das Tun des Künstlers in den Status des Werks gehoben. Mit der anhaltenden Deklination elementarer Gesten fand er früh Anschluss an die amerikanische wie an die europäische Avantgarde. Heute ist er – sofern es das gibt – einer der Grössten. Was heisst das eigentlich?

Bruce Nauman — Körper, Schwindel, Schönheit, Schmerz

Einer Freundin, selbst Künstlerin, habe ich mein Erleben der grossen Bruce-Nauman-Ausstellung im Schaulager ungefähr so beschrieben: Es ist, wie wenn du mit dem Handteller über eine polierte Tischfläche fährst. Du weisst und du siehst, sie ist bearbeitet, gepflegt, verlässlich in ihrer Beschaffenheit. Und dann merkst du, dass sich entgegen deiner Erwartung kleine Splitter in deine Haut bohren. Die Glätte ist weg und du misstraust ein bisschen der Beschaffenheit der Dinge und deinem selbstverständlichen Zugriff. 

Wir sassen in einer komfortablen Lounge, und was diese Freundin bei Nauman als umfassende Schönheit anerkennt, zirkulierte in meinem Kopf als Entzauberung, Befragung und Irritation. Denn gerade wenn man dem so erfolgreichen Weg des Amerikaners auch im eigenen Schreiben gefolgt ist; gerade wenn Training, Abdruck und Aufzeichnung seines Körpers markante Wege bahnt durch ein halbes Jahrhundert insistierender Selbstbeobachtung und experimentellen Forschungsdrangs; und auch wenn die eigene, bisherige Nauman-Lektüre an Biennalen, in Einzel- und Gruppenausstellungen mit Wiederbegegnungen rechnen darf: Das vielfach beglaubigte Wissen über Naumans Schaffen mildert nicht die Konfrontation. Wir haben das Vokabular, um sein Tun kritisch zu buchstabieren, und die zeitliche Distanz, es kunsthistorisch zu verorten. Gegenüber seiner radikalen Aufrichtigkeit, den einsichtigen Materialien, dem rhythmischen Nebeneinander und Übereinander von Wörtern und Körpern bleiben wir dennoch irgendwie immer allein.

Radikale Aufrichtigkeit
Vor der Passage in den ersten Ausstellungssaal sind die ‹Venice Fountains›, 2007, installiert: Die Maske, die uns üblicherweise das Wasser durch ein Rohr aus dem Mund offeriert, ist umgedreht. Das Relief des Gesichts nimmt unsere eigene Blickrichtung auf, die Fontäne mimt unsere Speiseröhre. Atemloses Schlucken, unablässige Inhalation entlassen den Strahl trommelnd in den Trog. Und während der Titel an steinerne Brunnen in der Adriastadt erinnert, kommen wir nicht los von den zwei Spülbecken und ihren Atelierverweisen, wir denken an ein Urinoir und ein bisschen auch zurück an Robert Gober: Er hatte vor elf Jahren unter anderem Sanitär-Attrappen in die Wände des Schaulagers eingelassen. Der Verdacht, der seine hyperrealistischen Körperimitate damals umschmeichelte, war unheimlich, lag aber ausserhalb von uns. Bei Nauman hingegen gibts kein Entrinnen, man schluckt selbst und verharrt im Nachvollzug eigener körperlicher wie mentaler Konditionen. Das Volumen, das der Künstler – wenig weiter in der locker chronologischen Ordnung – unter einem Schemel entdeckte, ist erstickt im schönen, rohen Beton. Vor dem Fall in den Schacht schützt im ‹Model for Room with My Soul Left Out›, 1984, nur ein dünnes Gitter aus Blech: ‹Room That Does Not Care›. 

Mechanik der Kontrolle
Witzig ist Bruce Nauman nicht. Seine Kunst handelt von Ohnmacht, lädt zur Grenz-erfahrung, ruft den Tod auf. Der Körper ist ebenso Mitte der Macht wie Versuchs-material, Akteur und Exponat. Das Ich verschwindet auf dem Monitor da, wo man es erwarten möchte, es kehrt uns den Rücken oder hält Abstand. Nauman bittet über -einen Monitor in den Zeugenstand der Leere. Dann wieder dringt die Überwachung bis ins eigene Sprachzentrum vor. Unnachgiebig und leise drängt die Stimme des Künstlers unter einer schwach glimmenden Glühbirne dazu, diesen Raum und seine (oder: meine?) Gedanken zu verlassen. ‹Get Out of My Mind, Get Out of This Room›. Hatte die junge Moderne die Gleichgewichte noch in lautlosem Schweben inszeniert, mutiert das Mobile bei Nauman in eine Mechanik der Kontrolle oder Züchtigung. Kreis, Loop und Wiederholung heissen Grundstrukturen seines Erzählens, und was auf den ersten Blick eine Komik in Aussicht stellt, kristallisiert im längeren Hinsehen Abhängigkeit, Verstrickung, Unterwerfung aus den räumlichen Dispositiven. «Naumans Genialität liegt zum Teil in seinem kalkulierten Umgang mit dem Närrischen, Clownesken, das nicht zum Lachen, sondern zum Denken anregen soll», formuliert Heather Diack im handlichen Nauman-Lesebuch, das parallel zum eigentlichen Ausstellungskatalog erschien. Ernst ist die Komik, die da aufscheint, Entlastung ist nicht vorgesehen: Für das Individuum, das in der physischen Labilität wie in der Abstraktion von Sprache nach Balance und Bedeutung sucht, ist Katharsis ausgeschlossen. Die Zeit läuft weiter, das Rad dreht sich, das Buchstabieren läuft ins Leere.  

Ein Pionier roher Gleichgewichte
Im Paarlauf des New Yorker MoMa und des Schaulagers legt der 77-jährige Nauman eine Übersicht über sein gesamtes Schaffen aus. Da sieht man immer wieder auch ihn: Wie er als junger Künstler in den Sechzigerjahren mit einer T-förmigen Stange Prinzipien der Minimal Art unterwandert. Wie er das Tun ins Zentrum seines Werkbegriffs rückt und das Dokumentieren einen neuen Stellenwert gewinnt. Wie er sich die noch junge Videotechnik aneignet, um wie im Wiederholungszwang Spielformen des Versagens, der Sprachlosigkeit oder Überforderung aufzuzeichnen. Und wenn er später eine Führanlage für Pferde zum Modell seiner Karussells erhebt oder selbst hoch zu Ross durch die Prärie in New Mexico reitet, hinterlässt der Künstler auch das Bild eines Pioniers: Nauman schlägt Pflöcke ein, macht Land urbar und zeigt sich in der Nähe zu Jagd, Zucht und Zähmung – auch im fortgeschrittenen Alter fern vom Kunstbetrieb, als Mann der Tat. Da scheint einer gar nicht so sehr mit Kunst beschäftigt. Da schaut man eher einem zu, der mit den Mitteln und Materialien, die ihm seine Zeit angeboten hat und anbietet, über das Leben, über Beziehungen, vor allem und immer wieder über die Grenzen des Subjekts nachdenkt. Und wenn -eine so grosse Schau nicht einfach zur Bemusterung eines Weltbilds wird, in dem der Mensch taumelt zwischen Ohnmacht und Selbstbestimmung, dann ist das der Rohheit zu danken, mit der uns der Künstler an seiner insistierenden Nachdenklichkeit, an schwerelosen Einfällen, an grossen Wörtern oder am fulminanten Charme bunter Leuchtröhren teilhaben lässt. Der Weg vom ersten bis zum letzten Saal im Schau-lager ist lang und das Nachdenken anspruchsvoll. Nauman selbst hält das aus und hört nicht auf, seinen Körper, sein Schaffen, sein Werk an dem zu messen, was Klassizität ausmacht: am Gleichgewicht.

Isabel Zürcher arbeitet als Kunstwissenschaftlerin und freie Autorin und in Basel. mail@isabel-zuercher.ch

Bis 
26.08.2018

Bruce Nauman (*1941, Fort Wayne, Indiana) lebt seit Ende der Siebzigerjahre in New Mexico. 
Studien in Mathematik, Musik und Physik an der University of Wisconsin-Madison, dann Wechsel zur bildenden Kunst.

1966 Master of Fine Arts in Sculpture an der University of California, Davis
1968 Teilnahme an der documenta in Kassel; seither wird sein Schaffen international gezeigt.
2009 Einzelpräsentation US-Pavillon, Biennale Venedig; wird dort nach 1999 zum zweiten Mal mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

‹Bruce Nauman: Disappearing Acts›. Schaulager, Münchenstein bei Basel (mit zwei Installationen im Kunstmuseum Basel), bis 26.8.2018.; MoMa New York, 21.10.2018–17.3. 2019; Tagung mit Fachleuten und Kenner/innen von Naumans nicht leicht zu fassendem Werk, am 1./2.6.2018
Publikationen zur Ausstellung im Schaulager: ‹Bruce Nauman: Disappearing Acts›, hg. von Kathy Halbreich mit Isabel Friedli, Heidi Naef, Magnus Schaefer und Taylor Walsh, Schaulager und MoMa, 2018;
‹Bruce Nauman Contemporary›, hg. Laurenz-Stiftung, Schaulager Basel, mit Eva Ehninger und Essays von Eric C. H. de Bruyn, Heather Diack, Eva Ehninger, Sebastian Egenhofer, Stefan Neuner/Wolfram Pichler und Gloria Sutton

 
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Moma PS 1 Vereinigte Staaten Long Island City
Schaulager Schweiz Basel/Münchenstein
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Bruce Nauman: Disappearing Acts 21.10.201817.03.2019 Ausstellung Long Island City
Vereinigte Staaten
US
Bruce Nauman: Disappearing Acts 17.03.201826.08.2018 Ausstellung Basel/Münchenstein
Schweiz
CH
Künstler/innen
Bruce Nauman
Autor/innen
Isabel Zürcher

Werbung