Bruce Nauman — Maskieren, fragmentieren und verschwinden

First Hologram Series: Making Faces B, 1968, Holographisches Bild auf Glas, 20,3 x 25,4 cm, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Geschenk der Präsidentin 2013, Depositum in der Öffentlichen KunstsammlungBasel © ProLitteris. Foto: Bisig & Bayer
 

First Hologram Series: Making Faces B, 1968, Holographisches Bild auf Glas, 20,3 x 25,4 cm, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Geschenk der Präsidentin 2013, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung
Basel © ProLitteris. Foto: Bisig & Bayer

 

The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths, Window or Wall Sign, 1967, Neonröhren auf Klarglasröhren-Aufhängerahmen, Sammlung des Künstlers, Ausstellungskopie, © ProLitteris. Foto: Tom Bisig
 

The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths, Window or Wall Sign, 1967, Neonröhren auf Klarglasröhren-Aufhängerahmen, Sammlung des Künstlers, Ausstellungskopie, © ProLitteris. Foto: Tom Bisig

 

Contrapposto Studies, i through vii, 2015/2016, 7-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton), 7 Projektionen, kontinuierliche Wiedergabe, Disappearing Acts, Schaulager Münchenstein/Basel, Besitz der EmanuelHoffmann-Stiftung, Geschenk der Präsidentin 2017, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel; und The Museum of Modern Art, New York © ProLitteris. Foto: Tom Bisig
 

Contrapposto Studies, i through vii, 2015/2016, 7-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton), 7 Projektionen, kontinuierliche Wiedergabe, Disappearing Acts, Schaulager Münchenstein/Basel, Besitz der Emanuel
Hoffmann-Stiftung, Geschenk der Präsidentin 2017, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel; und The Museum of Modern Art, New York © ProLitteris. Foto: Tom Bisig

 

Myself as a Marble Fountain, 1967, Feder mit Tusche, laviert, auf Papier, 48,3 x 60,8 cm, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel © ProLitteris. Foto: Martin P. Bühler

Myself as a Marble Fountain, 1967, Feder mit Tusche, laviert, auf Papier, 48,3 x 60,8 cm, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel © ProLitteris. 
Foto: Martin P. Bühler

Fokus

Bruce Nauman hat viele Gesichter. Im Schaulager führt er uns die Erforschung und Hinterfragung des genialen Künstlersubjekts als Mythos, Möglichkeit und Bedingung künstlerischen und menschlichen Schaffens und Scheiterns nicht ohne Strapazen vor Augen. Mit dem Mittel der Maske und des Entzugs bleiben Projektionen und Erfahrungen zentral.

Bruce Nauman — Maskieren, fragmentieren und verschwinden

Die retrospektiv angelegte Ausstellung ‹Disappearing Acts› im Schaulager Basel versammelt Werke aus allen Schaffensperioden von Bruce Nauman und umfasst sein gesamtes mediales Spektrum. An der Pressekonferenz spricht Maja Oeri, die Gründerin der Trägerstiftung des Schaulagers, zu Recht von einem ganz grossen Künstler. Trotz seines 50-jährigen Schaffens erfindet er sich selbst und seine Kunst immer wieder neu. Seinen Fragestellungen bleibt er dennoch treu. Dann tritt der Star unerwartet selbst aufs Podest; der 76-jährige, scheu wirkende Nauman, dem wir in der Videoarbeit ‹Green Horses›, 1988, als Cowboy hoch zu Ross auf seiner Ranch in New Mexico begegnen, fernab der Kunstwelt in Kalifornien. An der Pressekonferenz posiert er dann kurz für Fotos, verweigert aber Interviews. Bereits der Ausstellungstitel bezieht sich auf Rückzugsstrategien in Naumans Werk. Ein Hinweis also auf einen Künstler, der sich konsequent entzieht und doch bei vielen Werken von sich ausgeht? Themen wie Identität und Körper, bezogen auf das eigene Künstler-Ich, das Schlüpfen in eine Rolle als Maskerade, das Scheitern, ja die Conditio humana sind zentral variierende Leitmotive in Naumans Werk. Zu Beginn der Schau erwarten uns die auf der 52. Venedig Biennale gezeigten ‹Venice Fountains› mit zwei Industriebecken und zwei nach dem Kopf von Nauman geformten Gipsköpfen, mal in negativer, mal in positiver Form. Die Grundidee für -diese Brunnen lässt sich bis zu Frühwerken aus den Sechzigerjahren verfolgen, wie etwa ‹Selfportrait as a Fountain›, 1966/67, der berühmt gewordenen Fotografie, die Bruce Nauman dabei zeigt, wie er Wasser ausspuckt und selbst zum Brunnen als Symbol der erwarteten Kunstproduktion wird, sogar zum Heilsbringer, der die Aussage ‹The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths› in der Neonarbeit, 1967, in Leuchtschrift auf der Wand kreisen lässt. 

Der fragmentierte Körper
Wenn der Künstler sich selbst modelliert, dann nur als Negativabdruck oder in abgewandelter Form. Er sagt dazu: «Ich habe mich selbst als Objekt verwendet, ich glaube, die eigentliche Absicht dabei ist, vom Spezifischen zum Allgemeinen zu kommen.» Dieses Allgemeine macht Nauman in Bezug auf das klassische Konzept der idealen menschlichen Proportionen sichtbar. Demgemäss ist ein Erwachsener durchschnittlich sieben Köpfe hoch. Diese Relation taucht in Naumans Arbeiten der Siebzigerjahre immer wieder auf. So in der grün leuchtenden Neonarbeit ‹Neon Templates of the Left Half of My Body Taken at Ten-Inch Intervals›. Angelegt ist sie schon in der Zeichnung ‹The Body is About Seven Heads›. Immer wieder verlängert Nauman die natürlichen Proportionen seiner Körperteile in Schablonen oder Modellen um ein Vielfaches. So verzerrt er sein Knie im Fiberglasobjekt ‹Six Inches of My Knee -Extended to Six Feet› und präsentiert es als exzentrisch in die Länge gezogene Form. Andernorts teilt er den Körper auf wie im Aquarell ‹Seven Wax Templates of the Left Half of my Body Spread over 12 Feet›. Zuweilen bezieht er sich auf Samuel Beckett und knüpft an dessen radikale Reduktion der künstlerischen Mittel, an sein Prinzip der Wiederholung und die Fokussierung auf den Akt des Gehens an. 

Die Maskerade
Nauman beschäftigt sich wiederholt mit dem Thema Maske. Dabei stellt er den Akt der Maskierung bewusst in den Vordergrund: «Durch die eigene Arbeit in Erscheinung zu treten, ist zweifellos Teil des Künstlerseins. Wenn man nicht will, dass die Leute dieses Selbst sehen, legt man ein Make-up auf. Man verbringt seine ganze Zeit im Atelier, und wenn dann die Arbeit gezeigt wird, geschieht eine Art Selbstentblös-sung, die beängstigend ist.» Die Form der Selbstmaskierung ist denn auch Thema des vierteiligen Films ‹Art Make-up: No. 1-4; White, Pink, Green, Black›. In der Kunstfigur des Clowns führt Nauman in den Achtzigerjahren das Maskenrepertoire weiter aus. Er untersucht soziale Rollen und die Conditio humana. Inspirieren liess er sich von Albert Camus’ existenzieller Erfahrung des Scheiterns, die im philosophischen Essay ‹Der Mythos des Sisyphos› beschrieben ist. In ‹Clown with Video Surveillance›, 1986, zeigt er aus der Perspektive einer Überwachungskamera einen auf einer öffentlichen Toilette sitzenden Clown. Dieselbe Szene wird auch in der komplexen Videoinstallation ‹Clown Torture› dargestellt, wo die Clowns in missliche Situationen geraten. Sie sind Zwängen ausgesetzt und widerspiegeln die in der bildenden Kunst weit verbreitete Allegorie des Künstlers als einsamer, unverstandener, aber geliebter Hofnarr.

Contrapposto Studies
In seinen neuesten Arbeiten exponiert sich Nauman erneut, indem er nochmals den Fokus auf den eigenen Körper richtet. Zum einen greift er auf seine früheste Performance ‹Walk with Contrapposto› von 1968 zurück, zum anderen auf das klassische Stilmittel Kontrapost. Die Gangart nimmt er nun, fünfzig Jahre später, auf neue Art und Weise auf. Untersuchte er damals seinen eigenen, gewichtsverlagernden Gang, scheint sich jetzt in ‹Contrapposto Split›, 2015/2016, der Körper an Ort und Stelle zu bewegen. Dessen Auflösung und Fragmentierung steht auch hier im Vordergrund. In seiner neuesten, filmtechnisch ausgeklügelten und mehrteiligen -Videoarbeit ‹Con-trapposto Split›, 2017, variert er dann das Thema. Der Contrapposto-Spaziergang im Atelier umfasst mehrere Videosegmente, die in horizontalen Bändern organisiert sind. Die Sequenzen werden digital nur unvollständig zusammengefügt, sodass benachbarte Körperteile in Facettiert und Abstrakt bis hin zur Verselbständigung erscheinen. «Ein Bewusstsein für dich selbst von einer bestimmten Menge an Aktivität zu bekommen, und nicht davon, nur an dich selbst zu denken», erläutert Nauman diese Erfahrung. Damit sind wir am Ende auf uns selbst zurückgeworfen, sind doch die Täuschung und Verunsicherung unserer eigenen Wahrnehmung wiederkehrende Aspekte in Naumans konzeptuellem Schaffen.

Ursula Meier ist Kunsthistorikerin und Kulturvermittlerin, lebt und arbeitet in Zürich, ursulamei@sunrise.ch

Bis 
26.08.2018
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Schaulager Schweiz Basel/Münchenstein
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Bruce Nauman: Disappearing Acts 17.03.201826.08.2018 Ausstellung Basel/Münchenstein
Schweiz
CH
Autor/innen
Ursula Meier
Künstler/innen
Bruce Nauman

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