Das Mirakel von Kriens — With a Little Help From My Friends

Pop, Juli 1968, mit «Sensationsmittelbild» zum Rausnehmen, Berichten über Beatles und Aretha Franklin sowie Anzeigen für Teisco-Gitarren, Pixor Bibeli-Stift, disco-seins (zum Auflegen für Brust-verschönerung), Pront-Ovo und vielem mehr …
 

Pop, Juli 1968, mit «Sensationsmittelbild» zum Rausnehmen, Berichten über Beatles und Aretha Franklin sowie Anzeigen für Teisco-Gitarren, Pixor Bibeli-Stift, disco-seins (zum Auflegen für Brust-verschönerung), Pront-Ovo und vielem mehr …

 

Fokus

«Neunzehnhundertachtundsechzig», ausgeschrieben nimmt sich das schon anders aus als die Chiffre 1968: langfädig, altbacken und vielleicht in Schnüerlischrift als Übung in das Schulheft geschrieben. Das nämlich war auch das Jahr 1968: in der Luzerner Gemeinde Kriens, am Fuss des Pilatus.

Das Mirakel von Kriens — With a Little Help From My Friends

Die Gondelbahn schwebte über den ersten Flachdach-Wohnblöcken, aus den Lautsprechern des Skilifts Fräkmünt plärrte munter Vico Torrianis ‹Alles fährt Ski›, und mittags – pünktlich um halb eins – fiepten die Signale des Senders Beromünster aus allen Fenstern; die Familie lauschte den Nachrichten, während die Suppe im rau-fasertapezierten Esszimmer dampfte. Kurz darauf trötete allerorten das vielstimmige «Üben! Üben! Üben!»-Spiel zwangsverpflichteter Blockflötenschüler/innen. Und da gab es ein Mirakel: das meist regelmässig ausgehändigte, informelle Gratis-Abonnement der Zeitschrift ‹Pop› mit dem verschwörerischen Untertitel ‹Die Zeitschrift für uns›. Das war sie, die grosse Welt; «… für uns»! Im ‹Pop› (nicht mehr der ‹Bravo›) waren die Hippies in San Francisco den «Summer of Love» zelebrierend abgebildet. Noch nichts also ahnend von den Aktionen und «situations» der Bay Area eines Terry Fox, Bruce Nauman oder Chris Burden. An die ‹Pop› kam ich über Martin. Martin Schneebeli. Sein Vater war der Leiter der Druckerei Winterthur. Und Mitbegründer des Kunstbulletins: Hans Rudolf Schneebeli. Mit Hans Rudolf und Ruth Schneebeli-Graf verband uns, Klara Schilliger und mich, erst sehr viel später – es mag ab Mitte der Achtzigerjahre gewesen sein, wir lebten mittlerweile in Köln – eine regelmässig gepflegte Freundschaft. Hans Rudolf lud uns zu Kunstbulletin-Empfängen in Wiesbaden ein, später schrieb er einen Text zu unserer Arbeit ‹skeri› im Museum Bellpark Kriens. Und mit der Botanikerin und jahrzehntelangen Agenda-Verantwortlichen Ruth verbinden uns Chamissos Herbarium und der schattenlose ‹Schlemihl›. 1968 also wurde das Kunstbulletin gegründet. Erst viel später stiess ich auf das Beuys’sche «Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee», das bald darauf in der Kunsthalle Bern anlässlich ‹When Attitudes Become Form› zu vernehmen war. Oder auf das von Robert Filliou herausgegebene legendäre ‹Multibuch, Teaching and Learning as Performing Arts›. Ein Schachbrett mit Fotozellen diente Cage in seiner ‹Réunion› 1968 dazu, elektronische Klänge aus dem Spielverlauf gegen Marcel Duchamp zu generieren. Und Steve Reich führte mit Künstlerkollegen wie Bruce Nauman, Richard Serra und Michael Snow die prozessorientierte ‹Pendulum Music› für rückkoppelnde Mikrofone im Whitney Museum New York auf. In Hamburg fuhr Boris Nieslony derweil mit seiner Vespa im Schritttempo in Gegenrichtung durch einen Pulk «Ho-Ho- Ho-Chi-Minh!» schreiender Demonstranten, während er selbst «U-DO-JÜR-GENS!» skandierte. In der Schweizer Hitparade schmachtete Joe Cocker den Beatles-Song ‹With a Little Help From My Friends› mit heiserer, aber eindringlicher Stimme, und wir übten uns in ersten Engtanz-Schwoof-Partys. Das also war es auch, das Jahr 1968!

Valerian Maly (*1959, Tübingen), aufgewachsen in Kriens, lebt in Bern, Performances mit Klara Schilliger, Dozent hkb, Co-Kurator ‹République Géniale›, Kunstmuseum Bern, 16.8. –11.11. valerian.maly@gmx.ch

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Valerian Maly

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