Fashion Drive — Im Spannungsfeld zwischen Mode und Kunst

Sylvie Fleury · Mondrian Dress Rack, 1993/2016 (Detail), 3 Mondrian-Kleider, 1 Kleiderständer,3 Kleiderbügel, Masse variabel, Courtesy the artist and Karma International, Zürich und Los Angeles, © Sylvie Fleury
 

Sylvie Fleury · Mondrian Dress Rack, 1993/2016 (Detail), 3 Mondrian-Kleider, 1 Kleiderständer,
3 Kleiderbügel, Masse variabel, Courtesy the artist and Karma International, Zürich und Los Angeles, © Sylvie Fleury

 

William Larkin · Portrait of Diana Cecil, later Countess of Oxford, circa 1614−1618, Öl auf Leinwand, 206 x 120 cm, Iveagh Bequest (Kenwood, London)
 

William Larkin · Portrait of Diana Cecil, later Countess of Oxford, circa 1614−1618, Öl auf Leinwand, 206 x 120 cm, Iveagh Bequest (Kenwood, London)

 

Wolfgang Tillmans · Christos, 1992, Farbfotografie, 60,8 x 50,7 cm, Courtesy Kunsthaus Zürich
 

Wolfgang Tillmans · Christos, 1992, Farbfotografie, 60,8 x 50,7 cm, Courtesy Kunsthaus Zürich

 

Michelangelo Pistoletto · Metamorfosi, 1976–2017, Spiegel, Lumpen, Installationsansicht Abu Dhabi Art Fair, 2013, Courtesy Galleria Continua. Foto: Lorenzo Fiaschi
 

Michelangelo Pistoletto · Metamorfosi, 1976–2017, Spiegel, Lumpen, Installationsansicht Abu Dhabi Art Fair, 2013, Courtesy Galleria Continua. Foto: Lorenzo Fiaschi

 

Fokus

Mode kann oberflächlich oder aber ein Indikator für gesellschaftliche Veränderungen sein. Wie sie in der Kunst rezipiert wird, zeigt die Ausstellung ‹Fashion Drive› im Kunsthaus Zürich. Doch wird Kunst nicht auch in der Mode aufgegriffen? Und was sagt das Verhältnis von Mode und Kunst über die Befindlichkeit unserer Zeit aus?

Fashion Drive — Im Spannungsfeld zwischen Mode und Kunst

Seit ihrer Geburt, die auf das Jahr 1100 am Hofe Burgunds zurückzuführen ist, wurde Mode in Literatur und bildenden Künsten immer wieder affirmativ, aber auch kritisch reflektiert. Man denke an die Porträts neuzeitlicher Gräfinnen und Fürsten, die mit ihren üppigen Roben stundenlang Modell standen; oder an die futuristischen Künstlerinnen und Künstler des frühen 20. Jahrhunderts, die ihre eigene Bekleidung entwarfen. Doch gleichermassen, wie Kunst auf Mode verweist, greift Letztere die Kunst auf. Die ‹Mondrian Collection›, 1965, von Yves Saint Laurent oder die Zusammenarbeit zwischen Louis Vuitton und Jeff Koons sind nur zwei der vielen Beispiele. Diese gegenseitige Einflussnahme ist so spannend wie diskutierbar: Darf sich Mode die Kunst zu eigen machen? Und anders gefragt: Darf sich Kunst der Mode bedienen? Ist Mode Kunst? Hat Mode überhaupt den Anspruch, als Kunst zu gelten? Und was ist Kunst eigentlich? Mit knapp 2000 Worten wird dieser Text wohl kaum in der Lage sein, Antworten zu liefern. Vielmehr soll er eine Reflexion über das Spannungsfeld zwischen Mode und Kunst sein. Ausgangspunkt der Recherche ist die Ausstellung ‹Fashion Drive›, die bis Mitte Juli in Zürich zu sehen ist. Die von Cathérine Hug und Christoph Becker kuratierte Tour d’Horizon zeigt, wie Mode in der Kunst rezipiert wird und was Mode über den jeweiligen Zeitgeist auszusagen vermag.

Mode in der Kunst
‹Fashion Drive› setzt in der Renaissance an. Während dieser Epoche beginnt sich Kunst mehr und mehr mit der Mode auseinanderzusetzen. Künstlerinnen und Künstler lösten sich von ihren geistlichen Auftraggebern und fingen an, sich mit Realien auseinanderzusetzen. Im 16. Jahrhundert war die sogenannte Schlitzmode europaweit gefragt. Diese zeichnete sich durch geschlitzten Stoff aus, der eine zusätzliche Textilschicht zum Vorschein brachte. Auf diese Weise wurde Wohlstand durch Verschwendung versinnbildlicht. Auch die sogenannte Schamkapsel war zur damaligen Zeit verbreitet und wurde – wie die Schlitzmode – in vielen Porträts abgebildet: Sie befand sich auf der Höhe des männlichen Geschlechts und sollte die Virilität des Trägers betonen. Obwohl beide Modeerscheinungen einige Jahrzehnte später wieder verdrängt wurden, tauchten sie in der Populärkultur der Siebzigerjahre wieder auf. Die Modedesigner/innen Vivienne Westwood und Malcolm McLaren popularisierten zerrissene T-Shirts und Jeans. In ‹A Clockwork Orange› von Stanley Kubrick tragen Alex und seine Bande Schamkapseln über den weissen Strassenkleidern. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurden die viktorianische Hofkultur und ihre strengen Vorschriften vom Dandytum zunehmend abgelehnt. Persönlichkeiten wie Oscar Wilde (1854–1900) oder Robert de Montesquiou (1855–1921) tauschten später die gebauschten Roben gegen moderne Herrenanzüge ein. Doch das eitle Modebewusstsein stiess nicht nur auf Bewunderung, sondern wurde auch mit Satiren bedacht: Kupferstiche und Radierungen aus der Zeit ziehen die Dandys und ihren subversiven Kleidungsstil ins Lächerliche. Das gesellschaftliche Potenzial der Mode – als Ausdruck von Zugehörigkeit, Abgrenzung oder als emanzipatorischer Akt – faszinierte die Künstlerinnen und Künstler der europäischen Avantgarde. Im Manifest ‹Le vêtement masculin futuriste› von 1914 plädierten Giacomo Balla (1871–1958) und Filippo Marinetti (1876–1944) für die Abschaffung dunkler Farben, oft verwendeter Muster – wie gestreifte, karierte oder gepunktete Stoffe – und symmetrischer Schnitte. Nur fünf Jahre später veröffentlichte Max Ernst (1891–1976) die provokative Modestudie ‹Fiat modes, pereat ars›, zu Deutsch: ‹Es lebe die Mode, nieder mit der Kunst›. Während der europäischen Nachkriegszeit wurde Mode von Kunstschaffenden wie Andy Warhol (1928–1987) oder Joseph Beuys (1921–1986) zur Selbstinszenierung verwendet. Attitüde und Erscheinungsbild waren mit ihrem jeweiligen Œuvre verbunden. So wird noch heute ein Filzhut unweigerlich mit Beuys assoziiert. In der Gegenwart hat sich Mode zu einem gesellschaftlich kontroversen Thema entwickelt. Unternehmensstrategien wie derjenigen der ‹Fast Fashion› stehen globale Bewegungen wie beispielsweise die ‹Fashion Revolution› entgegen, die mehr Transparenz, Fairness und Nachhaltigkeit in der Modebranche fordern. Das verheerende Ausmass unseres Konsumverhaltens wird in der Installation ‹Metamor-fosi› (1976–2016) von Michelangelo Pistoletto (*1933) thematisiert. Rechts und links -eines Spiegels ist je ein weisser und ein bunter Stoffhaufen aufgetürmt, was den verschwenderischen Umgang mit Textilien vor Augen führt.

Kunst in der Mode
Die Ausstellung im Kunsthaus zeigt, wie Mode durch die Jahrhunderte in der Kunst rezipiert wurde. Gewissermassen bedient sich die Kunst also der Mode. Darf sich die Mode folglich auch der Kunst bedienen? Oder wird die Kunst dadurch instrumentalisiert, um das bestehende Ungerechtigkeitssystem zu perpetuieren?
Oft hat die Mode den schlechten Ruf, sich alles einzuverleiben – Kunst inklu-sive – um noch kommerzieller zu werden. Dieses Thema wird in ‹Mondrian Dress Rack›, 1993/2016, von Sylvie Fleury (*1961) diskutiert. An einem Kleiderständer hängen drei Mondrian-Kleider, die von Yves Saint Laurent als Hommage an den gleichnamigen De Stijl-Künstler entworfen wurden. Ob es Originale sind oder nicht, bliebt offen. So spricht Fleury das Thema der Aneignung und der Kopie an, die in der Modewelt praktiziert werden. Darf eine Tasche von Louis Vuitton also nicht mit einem Gemälde von Paul Gauguin bedruckt sein, wie es beispielsweise in der von Jeff Koons entworfenen ‹Masters Collection› der Fall ist? Zweifelsohne wird Kunst so von der Modeindustrie kommerzialisiert. Andererseits werden Regenschirme und ähnliche Accessoires mit Aufdrücken von Monet und van Gogh in Museumsshops verkauft. Ist das nicht dasselbe? Instrumentalisiert der Kunstbetrieb so nicht sich selbst? Letztendlich können – oder wollen – sich beide Branchen nicht vollständig dem Markt entziehen. Die Grenzen zwischen Mode und Kunst verschmelzen immer mehr – das zeigt auch die Ausstellung ‹Fashion Drive›. Gleichzeitig scheint bei Künstlerinnen und Künstlern die Befürchtung mitzuschwingen, von der Populärkultur vereinnahmt zu werden. Das mag bis zu einem gewissen Grad auch der Fall sein – genauso wie die Mode von der Kunst eingenommen wird. Dennoch wird klar: Die beiden Bereiche können sich ebenso kannibalisieren wie auch bereichern. Jedenfalls sind sie sich relativ ähnlich: Sie thematisieren gesellschaftliche Veränderungen, können oberflächlich, aber auch tiefgründig sein. Vielleicht sind Mode und Kunst doch nicht zwei Paar Schuhe. – So das nicht abschliessende Fazit, denn eben: 2000 Worte sind nicht viel.

Giulia Bernardi ist freie Autorin, Texterin und Kunsthistorikerin. giulia.bernardi@outlook.com

Bis 
15.07.2018

Publikation: ‹Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst›, hrsg. von der Zürcher Kunstgesellschaft/Kunsthaus Zürich und Kerber Verlag, Bielefeld/Berlin 2018

 

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