Ferdinand Hodler – Alberto Giacometti: Neue Visionen

Alberto Giacometti · La Clairière (Place 9 figures), 1950, 59,5 x 65,5 x 52 cm, Kunst Museum Winterthur, Depositum der Alberto Giacometti-Stiftung © ProLitteris
 

Alberto Giacometti · La Clairière (Place 9 figures), 1950, 59,5 x 65,5 x 52 cm, Kunst Museum Winterthur, Depositum der Alberto Giacometti-Stiftung © ProLitteris

 

Ferdinand Hodler · Empfindung, 1909/1910, Öl auf Leinwand, 121 x 175,5 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur. Foto: Philipp Hitz, SIK-ISEA, Zürich
 

Ferdinand Hodler · Empfindung, 1909/1910, Öl auf Leinwand, 121 x 175,5 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur. Foto: Philipp Hitz, SIK-ISEA, Zürich

 

Besprechung

Es ist ein eindringlicher Dialog, der in dieser Begegnung von Ferdinand Hodler und Alberto Giacometti entsteht. Direktor Konrad Bitterli und Kurator David Schmidhauser haben ihn im Kunstmuseum ebenso aufschlussreich wie feinfühlig mit Werken aus der Sammlung und selten gezeigten Leihgaben inszeniert.

Ferdinand Hodler – Alberto Giacometti: Neue Visionen

Winterthur — Wie immer, wenn man grossen Künstlern wie Hodler oder Giacometti in einer Ausstellung begegnet, wird man auf den eigenen Körper, die eigene Körperlichkeit verwiesen: eine im doppelten Sinne berührende Erfahrung. Und nun die beiden gar, zum ersten Mal, heisst es, zusammen. Ferdinand Hodler (1853–1918) und Alberto Giacometti (1901–1966): Fast zwei Generationen trennen den Älteren vom Jüngeren. Beide, so verschieden sie sind, lassen Traditionen hinter sich, indem sie sie aufbrechen und in neue Visionen überführen, als Wahrnehmungskünstler voller Eigenart. Was ist der Mensch? Die alles umfassende Grundfrage steht auch bei Hodler und Giacometti im Zentrum, und das zentrale Thema der Schau ist denn auch ihr Menschenbild. Rund siebzig Exponate sind zu sehen, aufgegliedert in sechs knappe, intensive, dialogisch inszenierte Kapitel. Auf Einzelfiguren folgen Gruppen, dann Befragungen des Ich bzw. des Ich im Anderen. Lieben, Leiden, Sterben, (Ver-)Schwinden werden in einer weiteren Gegenüberstellung thematisiert (wie immer ergreifend: die Zeugnisse von Krankheit und Tod von Hodlers Geliebten Valentine Godé-Darel), schliesslich auch die unterschiedlichen Bergwelten: selbstbewusst aufsteigend bei Hodler, mit unruhigem Sog in die Tiefe der Bildfläche bei Giacometti. Auch der Zeichnung als Formfindung ist ein Kapitel gewidmet. Da gilt, verkürzt gesagt: eindringlich suchend und umschreibend bei Giacometti, expressiv formfinderisch bei Hodler. So kommen denn in dieser zum vergleichenden Sehen anregenden Schau mit -ihren überraschenden formalen Parallelen etwa Hodlers ‹Redner› und ‹Linienherrlichkeit› mit Giacomettis Skulpturen ‹Hand› und ‹Femme de Venise VIII› zusammen – in den Bildraum verspannt und ihn gleichzeitig öffnend beim einen, isoliert, entrückt und den physischen Raum zugleich besetzend beim andern. Wir nehmen teil an den durchrhythmisierten, klangerfüllten Hodler-Gemälden (‹Wahrheit›, ‹Empfindung›, ‹Blick in die Unendlichkeit›) und sind umso empfänglicher für Giacomettis wie in die Ferne gerückten oder sich in ihrer existenziellen Vereinzelung prekär behauptenden Figuren. Und über die Art, wie die Menschen bei Hodler mit der Welt als Bühne verbunden oder bei Giacometti bedeutungsvoll «gesockelt» sind, liesse sich lange nachdenken. Vergleichendes Sehen macht sensibel. Hodlers zupackende Linienkunst verspricht Halt, während sich Giacometti in fortlaufend in Frage gestellten Bewegungen an seinen Wahrnehmungen abarbeitet. Beiden verdanken wir grandiose Welt-Bilder, in denen der Mensch seinen Platz sucht und manchmal auch findet.

Bis 
19.08.2018

Katalog, hrsg. von Konrad Bitterli und David Schmidhauser, Hirmer 2018

 

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