Irene Kopelman — ‹On Glaciers and Avalanches›

Irene Kopelman · On Glaciers and Avalanches, 2018, Installationsansicht Graphische Sammlung ETH Zürich. Foto: Livio Baumgartner
 

Irene Kopelman · On Glaciers and Avalanches, 2018, Installationsansicht Graphische Sammlung ETH Zürich. Foto: Livio Baumgartner

 

Besprechung

Mit forschendem, selektionierendem Blick hat die Argentinierin Irene Kopelman einnehmend eigenwillige Zeichnungen der Schweizer Gletscher erstellt. In der Graphischen Sammlung der ETH Zürich treffen diese auf Werke von Pionieren der Alpenmalerei – ein Dialog zwischen Epochen und Disziplinen.

Irene Kopelman — ‹On Glaciers and Avalanches›

Zürich — Die vier grossen Stellwände, die paarweise leicht zueinander geneigt im Raum stehen, erinnern entfernt an Reissbretter, doch was darauf präsentiert wird, wirkt eher organisch als technisch: Auf kleinformatigen Blättern sind sonderbar geformte, mehrfach gegliederte Strukturen zu sehen, zell- oder knorpelartige Gebilde, die als zarte Umrisszeichnungen meist dezentral auf dem Papier positioniert sind. Man denkt an mikroskopische Aufnahmen und wird dann von Werktiteln wie ‹Fragment from Aletschgletscher› in gänzlich andere Sphären entführt, hoch hinauf ins alpine Gebirge. Hier hat die gebürtige Argentinierin Irene Kopelman (*1974) auf mehreren Expeditionen zwischen 2012 und 2017 ihr Projekt ‹On Glaciers and Avalanches› realisiert, das nun in der Graphischen Sammlung der ETH Station macht. Die Zeichnung mit Blei- oder Farbstift ist das wichtigste Medium der heute in Amsterdam lebenden Künstlerin, das es ihr erlaubt, Werke teils direkt in den extremen Landschaften anzufertigen, welche sie mit Forschertrupps bereist. Von und mit ihnen lernt sie viel über die Gebiete, die sie sich mit jeweils spezifischen Vorgaben bildnerisch aneignet, indem sie einzelne Elemente daraus isoliert: das Lianengewirr des Dschungels, Spuren einer Krabbe im Sand, der Faltenwurf eines Gletschers. Mit dem Wissen um Kopelmans Ansatz werden in den eigenwilligen Formfindungen, die in der Graphischen Sammlung zu sehen sind, bald Gesteins- und Eismassen erahnbar, die Zeichnungen entpuppen sich als faszinierende Mischung aus Naturalismus und Abstraktion. Ganz offensichtlich ist die Künstlerin nicht am Erhabenen der Landschaft interessiert, ihr aufmerksam analytischer Blick gilt den wandelbaren Formen und Strukturen der Natur. Insofern erstaunen die beiden mehrteiligen Fotoposter-Werke, die sie für die Ausstellung in der ETH mit Archivbildern realisiert hat und die den realen Kontext zur künstlerischen Umsetzung liefern. Sehr folgerichtig erscheint hingegen, dass Sammlungsleiterin Linda Schädler gemeinsam mit der Künstlerin aus den Beständen der Graphischen Sammlung eine Auswahl von Landschaftsdarstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts getroffen hat, um sie Kopelmans Zeichnungen gegenüberzustellen. Ähnlich wie bei den Pionieren der Alpenmalerei, Caspar Wolf oder Hans Conrad Escher etwa, wird Kunst bei Kopelman zum quasi-wissenschaftlichen Instrument. Zwischen subjektivem und objektivierendem Blick wird ein Spannungsfeld der Erkenntnismöglichkeiten eröffnet.

Bis 
24.06.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Irene Kopelman 25.04.201824.06.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Deborah Keller
Künstler/innen
Irene Kopelman

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