Istvan Balogh — Bilder mit Schalk und doppelten Böden

Istvan Balogh · Flanerie, 2018, Full-HD-Video, mit Ton, 5’20’’ © ProLitteris 
 

Istvan Balogh · Flanerie, 2018, Full-HD-Video, mit Ton, 5’20’’ © ProLitteris 

 

Istvan Balogh · Diese irdische Ebene, 2015, HD-Video, mit Ton, 17’09’’, mit Zoltàn Ozsvàth © ProLitteris
 

Istvan Balogh · Diese irdische Ebene, 2015, HD-Video, mit Ton, 17’09’’, mit Zoltàn Ozsvàth © ProLitteris

 

Besprechung

Istvan Balogh ist in den Neunzigern als Fotokünstler aufgefallen, der gegen den Zufall anging. Seine Settings klopften unser Gedächtnis auf Verdachtsmomente ab. Unter seinem porträtierenden Blick zeigten sich Personen haarscharf und fielen doch wie artifizielle Wesen aus ihrem Leben und aus unserer Zeit. 

Istvan Balogh — Bilder mit Schalk und doppelten Böden

Baden — Mit «Konfabulation» hat Istvan Balogh inzwischen einen Begriff für seine Kunst entdeckt. Er gehört der Psychopathologie an und meint gleichzeitig ein fantasievolles Denk- und Vorstellungsvermögen: Wer konfabuliert, setzt Gegenwärtiges und Erinnertes in eigener Logik situativ neu zusammen. Ob aus emotionaler Notwendigkeit oder aufgrund zelebraler Einschränkungen: Der Konfabulierende erzählt dasselbe Ereignis immer wieder anders. Er taugt nicht als Zeuge, hat jedoch in der labilen Ordnung von Bildern und Worten Möglichkeiten, mit Widersprüchen umzugehen. Das treffe doch in hohem Mass auf die Kunst zu, meint Balogh schalkhaft. Mit geradezu parasitärem Charme nisten sich seine fotografischen und filmischen Inszenierungen in der Kunst- und Kulturgeschichte ein. Den «Leidenschaftlichen Posen», die er auf flache Teller aus Melanin plottet, liegen Aufzeichnungen zugrunde, mit denen der Neurologe Jean-Martin Charcot im 19. Jahrhundert das Gebaren von Hysterikerinnen zu systematisieren suchte. Indem Balogh überdies Ikonen aus Film und Malerei folgt, verschmilzt die schöne, bekannte Unbekannte im Spitalnachthemd mit Werbespots. Das Irrationale, Animalische, Unkontrollierbare, das unsere Kultur als nervenkitzelnde Unterhaltung beansprucht, umschmeichelt Baloghs Schau vom Vorraum bis in die hintere, verdunkelte Koje. Unterschiedliche Vorlagen motivieren ihn zu seinen Versuchsanordnungen. Walter Benjamins Flaneur, der zur Entschleunigung eine Schildkröte bei sich führt, war Ausgangspunkt, um das Tier im Basler Kunstmuseum seine Runden drehen zu lassen. In die beklemmend inzestuöse Spur von Arthur Schnitzlers ‹Fräulein Else› gräbt die Lesung eines Teenagers einen weiteren Abgrund: Zeitgenössische Oberflächen und heutige Körper durchbluten im Video überlieferte Topoi. Ganz am Rand würdigt die Kunst den Vater der Psychoanalyse – als ein Kunststück bürgerlicher Rollenmuster wie ambivalenter Fantasien. Der konzentrierte Parcours durch Baloghs Konfabulationen mündet im Zuhause des Ungarn-Schweizers Zoltàn Ozsvàth. Wenn ihm der Onkel inmitten von Stilmöbeln, Bildern und kunsthandwerklichen Accessoires Rede und Antwort steht, bekommen wir’s mit biografischen Fakten, mit einem Palast und einem Poltergeist zu tun. Das Irrationale ist im zärtlichen Videoporträt, an der Grenze zwischen Kulturen und Sprachen, zwischen damals und jetzt, ganz selbstverständlich Mitbewohner.

Bis 
08.07.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Istvan Balogh 29.04.201808.07.2018 Ausstellung Baden
Schweiz
CH
Autor/innen
Isabel Zürcher

Werbung