Julian Charrière — Eine Einladung zum Verschwinden

Julian Charrière · The Other Side of Eden, 2018, Schwerlastregal, Euro-Paletten aus Edelstahl, -Palmfett; It Was Hard Not to Be Preoccupied by the Fire and the Nightfall, 2018, Dieselmotor, Strom-erzeuger, Palmöl, Nebelmaschine © ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz
 

Julian Charrière · The Other Side of Eden, 2018, Schwerlastregal, Euro-Paletten aus Edelstahl, -Palmfett; It Was Hard Not to Be Preoccupied by the Fire and the Nightfall, 2018, Dieselmotor, Strom-erzeuger, Palmöl, Nebelmaschine © ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz

 

Julian Charrière · An Invitation to Disappear, 2018, Filmstill © ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz
 

Julian Charrière · An Invitation to Disappear, 2018, Filmstill © ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz

 

Besprechung

In den ehemaligen Maschinenhallen der Kunsthalle Mainz inszeniert Julian Charrière eine Einzelschau, die um die oft gestellte Frage nach den Spätfolgen der Industrialisierung kreist. Unter dem Titel ‹An Invitation to Disappear› sind Natur und Maschinen nahezu unter sich. Der Mensch hat sich abgeschafft.

Julian Charrière — Eine Einladung zum Verschwinden

Mainz — Mit seiner ‹Einladung zum Verschwinden› orchestriert der Wahlberliner -Julian Charrière (*1987, Morges) mehrere ineinander verwobene Auflösungspro-zesse. In orangefarbene Quader gepresstes und auf industriellen Schwerlastregalen gestapeltes Palmfett verflüssigt sich auf dem Boden der ersten Ausstellungshalle langsam zu transparentem Palmöl. Im selben Raum wird mit ebendiesem Rohstoff ein infernalisch lauter Generator für eine Steampunk-artige Kühl- und eine Nebelmaschine betrieben. In diesem dystopischen Mikrokosmos sind die Rückkopplungsprozesse nicht nachhaltig und führen unweigerlich in den totalen Ressourcenverbrauch. In der folgenden Halle lichtet sich der Nebel und eine grosse Lavalampe, in der das orangerote Palmöl zu wärmendem Leuchten gebracht wird, erhellt Wandzeichnungen aus Asche von tropischen Regenwaldpflanzen, die für Palmölplantagen brandgerodet wurden. Die Motive der Zeichnungen verweisen auf Radierungen des Evolutionstheoretikers Alfred Russel Wallace, die er im 19. Jahrhundert im noch unberührten Regenwald anfertigte. In der dritten Halle zeigt Charrière eine Videoinstallation mit pulsierenden Beats und psychedelischen Lichteffekten inmitten einer menschenleeren Palmenplantage. Gespenstisch schwebt die Kamera durch die symmetrisch angelegte Monokultur. Die Sogwirkung der Kamerafahrt endet im Crescendo vor einer riesigen Soundanlage, die ihren Dienst verrichtet, ohne DJ und Publikum. Ernüchtert stellen wir fest, die Party der kollektiven Ressourcenausbeutung ist zu Ende. Der Palmenhain liegt bezeichnenderweise am Fuss des Vulkans Tambora, dessen Geschichte zum Ausstellungstitel inspirierte. Seine epochale Eruption im Jahr 1815 veränderte die Welt. Die durch Aschepartikel verdunkelte Atmosphäre führte zu einer Abkühlung des Weltklimas, zu Ernteausfällen und Hungersnöten. Gleichzeitig war der Himmel in das leitmotivisch leuchtende, orangerote Licht getaucht, das von Romantikern wie William Turner und Caspar David Friedrich gemalt wurde. Genau dieser Clash aus Apokalypse und Romantik findet sich in vielen Arbeiten von Char-rière. Ganz in der Tradition der Romantik zeigt sich in der Ausstellung nur ein einziger Mensch. Es ist der Künstler selbst, der sich in Rückenansicht im kurzen Videoloop ‹Postmodern Collapse of Time and Space›, 2013, an den Hang eines isländischen Vulkans setzt und einen grösseren Gesteinsbrocken anstösst. Dem Schmetterlings-effekt gleich, rollt der Stein los und tut dies noch immer – auch wenn der Mensch schon wieder aus dem Blickfeld verschwunden ist. 

Bis 
08.07.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Julian Charrière 14.04.201808.07.2018 Ausstellung Mainz
Deutschland
DE
Künstler/innen
Julian Charrière
Autor/innen
Sabine Rusterholz Petko

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