Neolithische Kindheit

Carl Einstein · Thesen zum ‹Handbuch der Kunst›, 1930er-Jahre, Fahne mit aufgeklebten Bruchstücken, Akademie der Künste, Berlin, Carl-Einstein-Archiv, Nr. 244_007 © Akademie der Künste, Berlin
 

Carl Einstein · Thesen zum ‹Handbuch der Kunst›, 1930er-Jahre, Fahne mit aufgeklebten Bruchstücken, Akademie der Künste, Berlin, Carl-Einstein-Archiv, Nr. 244_007 © Akademie der Künste, Berlin

 

Paule Vézelay · Drapeaux d’Hiver, 1930, Öl auf Leinwand, 96,5 x 146 cm. © Estate of P. Vézelay
 

Paule Vézelay · Drapeaux d’Hiver, 1930, Öl auf Leinwand, 96,5 x 146 cm. © Estate of P. Vézelay

 

Hinweis

Neolithische Kindheit

Berlin — Die Ausstellung ist a) so komplex wie ihr Titel, ‹Neolithische Kindheit. Kunst in einer falschen Gegenwart, ca. 1930›, und b) Teil des Projekts Kanon-Fragen (2016–2019), das «Ressourcen … nicht nur in materieller Form» anerkennt, sondern «Ideen und Begriffe, Rahmenerzählungen und Tradierungen praktischen Wissens» als «(immaterielle) Ressourcen einer Kultur» identifiziert.
Um von hinten anzufangen: ‹ca. 1930› meint die Zwanziger- bis Vierzigerjahre, eine Epoche krisenhafter Erschütterungen (Kapitalismus, Kolonialismus, …), die über ein Erstarken der politischen Ränder in die allbekannte Katastrophe führt. ‹Kunst in einer falschen Gegenwart› reagiert darauf, indem die als Vorhut (Avantgarde) verstandene Künstlerschaft neue Welt- und Gegenentwürfe zu Rationalismus, Industrialisierung, Entfremdung, Fragmentierung schafft. Eine Vielzahl grossartiger Werke bekannter und weniger bekannter Künstlerinnen und Künstler – darunter Brassaï, Paul Klee, Wolfgang Paalen, Toyen, Germaine Krull, Richard Oelze – vergegenwärtigt diese künstlerisch fruchtbare Periode. ‹Neolithische Kindheit› hingegen ist ein auf Jean Arps biomorphe Reliefs der späten Zwanzigerjahre gemünzter Begriff des deutsch-jüdischen Kunsthistorikers, Kulturkritikers, Dichters, Antifaschisten Carl Einstein (1885–1940), dessen Archiv nun digitalisiert vorliegt und um dessen Originalschriftstücke und -notizen die mehrgliedrige Ausstellung konzeptionell kreist. Der akademische Aussenseiter Einstein wird dabei gelesen als Vorläufer eines Kunstverständnisses, das die Kunst nicht als isoliertes Phänomen betrachtet, sondern einbettet in eine weit gespannte Kulturgeschichte der Menschheit, die mit der Sesshaftwerdung im Neolithikum – ein Sprung in die Tiefenzeit – ihren Anfang nahm. Transdisziplinärer Austausch, heute ein Prinzip integrativer Forschung, war im Kreis der Surrealisten (Künstler, Dichter, Ethnologen, Intellektuelle usw.) die Regel. Ihr antikolonialer Blick auf nichtwestliche Völker ebenso wie auf den schöpferischen Ausdruck von Kindern oder Geisteskranken stellte Eurozentrismus und Rationalismus infrage. Geschichte wiederholt sich nicht, doch angesichts erneut aufbrechender Krisen blickt die Ausstellung in das Kaleidoskop der Situation um 1930 wie in eine Glaskugel.

 
Bis 
09.07.2018

HKW, bis 9.7., Konferenz: Tiefenzeit und Krise, 26./27.5., Publikation bei Diaphanes, Juni 2018 

 

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