Rochelle Feinstein

Rochelle Feinstein · Ear to the Ground, 2017 (l.) und Who cares I, 2016,  Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland. Foto: Serge Hasenböhler
 

Rochelle Feinstein · Ear to the Ground, 2017 (l.) und Who cares I, 2016,  Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland. Foto: Serge Hasenböhler

 

Hinweis

Rochelle Feinstein

Basel/Muttenz — ‹Ear to the Ground› lautet der Titel einer wandfüllenden Arbeit der New Yorker Künstlerin Rochelle Feinstein im Kunsthaus Baselland und er kann als eine sprichwörtliche Aufforderung verstanden werden, denn hier sind die Besucher nicht einfach -Rezipien-ten malerischer Werke, sondern werden zu Fährtenlesern bestimmt. Das grossformatige, abstrakte Gemälde ‹Bleep› (piepsen) liefert ein erstes konkretes Indiz ihrer Themen in Form der Koordinaten des Weissen Hauses am unteren Bildrand, in einer Typografie aus der Zeit von Donald Trumps Lieblingspräsidenten Andrew Jackson, dessen gewaltsame Deportationen der indianischen Völker um 1830 die Kartografie der USA in geografischer, sozialer und psychologischer Hinsicht bis heute einschneidend prägen. Die winterliche Farbpalette, als Verweis auf die Weltwetterlage, bezeichnet ein allgemein graues Stimmungsbild. Das Gemälde gegenüber mit dem Titel ‹H(e)art Island› zeigt das auf die Seite gedrehte Symbol eines Herzens, eine über die Fläche der Leinwand geformte, leicht erhabene Insel, gekreuzt von schwarz gestrichelten Farblinien, die an die Wasserrouten von Fähren auf Karten erinnern. Tatsächlich ist das abgeschiedene Hart Island von New York aus einzig per Boot erreichbar. Der historische Ort beheimatet den Blutacker aus den Tagen des Bürgerkriegs und dient noch bis dato als Armenfriedhof. Beide Werke, wie auch die übrigen dieser Ausstellung, sind in den letzten beiden Jahre entstanden und eröffnen über die formale Auseinandersetzung mit alltäglichen Gegenständen, wie der Karte und dem Herzsymbol, ein narratives Zeitfenster hinter der Oberfläche malerischer Abstraktionen. Ihre indexikalischen Bilder sind Chroniken der gesellschaftlichen und kulturellen Gegenwart, wo klare Sichtverhältnisse kaum mehr existieren. Wo es uns an eindeutiger Orientierung und Information mangelt, ist dagegen die Verfügbarkeit von Warengütern allgegenwärtig. Die ungerahmten Tücher von ‹Plein Air I und II› spannen sich wie zwei Häute entlang der Wände und schlagen einen Bogen zwischen den technischen Voraussetzungen der Freilichtmalerei im 19. Jahrhundert (erstmalig Farbe in Tuben) und der Expressdienstleistung global operierender Onlineshops, die auch jene groben Stoffe zu Feinstein nach Rom lieferten. Internationale Logistik ist das Betätigungsfeld sowohl der Waren- wie auch der Kriegsökonomie: Die Auswahl der beiden Farbpaletten bezieht sich jeweils auf die Uniformen der US-Soldaten zur Zeit der militärischen Eingriffe in Vietnam und im Irak. Die Gemälde sind persönliche wie politische Kartografien, denn sie verweisen nicht nur auf die Traditionen eines medienspezifischen Kanons, sondern zugleich auf soziale und politische Prozesse. Nirgends ist dieses Zusammenspiel so offensichtlich ausgetragen wie bei ‹Wall of Self›, einer Vierergruppe monochromer Gemälde in leuchtendem Inkarnat. Feinstein präsentiert hier abstrakte Porträts, einerseits historischer Tatsachen – von Prestige, Macht, Ungleichkeit, Diskriminierung; andererseits als Spiegel einer allgegenwärtigen, narzisstischen Praxis im 21. Jahrhundert, den zahllosen Selbstbildnissen in den sozialen Netzwerken. Feinstein findet damit eine Antwort auf die Frage, was die Malerei in Zeiten der Krisen dennoch Substanzielles geben kann.

Bis 
16.07.2018
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Kunsthaus Baselland Schweiz Basel/Muttenz
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Rochelle Feinstein 20.04.201816.07.2018 Ausstellung Basel/Muttenz
Schweiz
CH
Künstler/innen
Rochelle Feinstein
Autor/innen
Alice Wilke

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