Sam Gilliam — Musik der Farbe

Sam Gilliam · Rondo, 1971, Acryl auf Leinwand auf Eichenbalken, 103 x 144 x 78 cm © ProLitteris,Courtesy Kunstmuseum Basel
 

Sam Gilliam · Rondo, 1971, Acryl auf Leinwand auf Eichenbalken, 103 x 144 x 78 cm © ProLitteris,
Courtesy Kunstmuseum Basel

 

Besprechung

Das Basler Kunstmuseum eröffnet parallel zur Kunstmesse 2018 eine denkwürdige Ausstellung: Zum ersten Mal zeigt eines der traditionellsten europäischen Häuser den 84-jährigen amerikanischen Farbmagier Sam Gilliam. Und verankert ihn zugleich mit einem gewichtigen Ankauf in der eigenen Sammlung.

Sam Gilliam — Musik der Farbe

Basel — Der seit 2015 amtierende Direktor Josef Helfenstein – mit amerikanischer Museumserfahrung – hat sich ein Ziel gesetzt: Er will einige Lücken in der Sammlung schliessen. Die amerikanische Moderne ist gut vertreten; es fehlt aber die Washington Color School, die Mitte des 20. Jahrhunderts auf die New York School folgte. Sam Gilliam (*1933) ist begeistert und wird bei der Einrichtung zur Hand gehen. Es trifft sich gut, dass der Vorstand soeben das wichtige Werk ‹Rondo› erwerben konnte. Sam ist in Louisville an der Faltlinie zwischen den Südstaaten und dem Mittleren Westen der USA mit sieben Geschwistern in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Die deutschen Lehrer an der Kunstschule wollten den jungen Schwarzen auf den Brotberuf des Zeichenlehrers programmieren. Gilliam zog nach Washington, wo -viele Anhänger der bereits etablierten – und etwas erstarrten – Color School ihr Glück suchten. Der geniale Kunstförderer Walter Hopps, eine Art amerikanischer Harald Szeemann, wurde auf ihn aufmerksam. Erste Aufträge und Stipendien folgten – auch eines vom National Endowment oft the Arts, das Präsident Trump jetzt streichen will. Hopps übernahm die Leitung der Corcoran Gallery, gleich um die Ecke vom Weis-sen Haus, eines Altbaus mit hohen Räumen und verwinkelten Treppenhäusern. Jetzt schlug Gilliams Stunde. Er, der unermüdliche «Tüftler» ohne festen Stil, stellte sich den architektonischen Herausforderungen. Die Idee, Baumwolle als Bildträger zu nutzen, kam ihm beim Beobachten von Frauen beim Aufhängen der Wäsche in den Hinterhöfen. Nur: Er wickelte die Leinwände oder Kunststoffbahnen um Holzstangen, trug sie ins Corcoran, breitete sie aus, goss Acryl oder Kunstfarben darüber, bearbeitete sie, bevor sie trockneten, mit Pinseln oder Schabern, schüttelte sie und faltete sie schliesslich zu riesigen Textilgebilden. Die starken Zeichen- oder Linienstrukturen, gebrochen in den Faltungen, wirkten umwerfend, wie ich 1969 selbst erlebte. Das waren neue «Signaturwerke», welche die Color-Schule in die Zukunft trugen. Wie «schwarz» war die Malerei des Afroamerikaners Gilliam? Dieser Frage musste er sich im Frühjahr 1968 stellen, als Martin Luther King ermordet wurde und die Washingtoner Ghettos brannten. Sam malte eine Martin-Luther-King-Serie, betonte in Interviews aber die «humanistischen Aspekte» und behielt Kontakte zur weissen Auftraggeberszene. 1972 konnte Gilliam den US-Pavillon an der Kunstbiennale Venedig gestalten; 2017 hing sogar ein grosses ‹Drape› am zentralen Pavillon. Und jetzt Basel. Kein Zweifel: Sam Gilliam ist angekommen. 

Bis 
30.09.2018

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