Su-Mei Tse — Im grossen Raum des Atemzugs

Many Spoken Words (Detail), 2009, in Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus Stein, Eisen, Tinte, Sammlung Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean. Foto: Jean-Lou Majerus
 

Many Spoken Words (Detail), 2009, in Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus Stein, Eisen, Tinte, Sammlung Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean. Foto: Jean-Lou Majerus

 

Gewisse Rahmenbedingungen 2, 2018, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, 2018. Courtesy Peter Blum Gallery, New York. Foto: René Roetheli
 

Gewisse Rahmenbedingungen 2, 2018, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, 2018. Courtesy Peter Blum Gallery, New York. Foto: René Roetheli

 

Bird Cage, 2007, in Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus, Neon mit Holzsockel, 95 x 50 x 50 cm, Sockel: 95 x 60 x 60 cm, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Foto: René Roetheli
 

Bird Cage, 2007, in Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus, Neon mit Holzsockel, 95 x 50 x 50 cm, Sockel: 95 x 60 x 60 cm, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Foto: René Roetheli

 

Nested, 2017, Kalkstein, Mineralien, Marmorkugeln, Courtesy Mudam Luxembourg, Art Front Gallery, Tokyo. Foto: Rémi Villaggi
 

Nested, 2017, Kalkstein, Mineralien, Marmorkugeln, Courtesy Mudam Luxembourg, Art Front Gallery, Tokyo. Foto: Rémi Villaggi

 

Faded, 2017, Spiegel, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, 2018, Courtesy Galerie Tschudi, Zuoz. Foto: René Roetheli
 

Faded, 2017, Spiegel, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, 2018, Courtesy Galerie Tschudi, Zuoz. Foto: René Roetheli

 

Rue Pont-aux-Choux. 2017, Pflanzen, Glas, Holz, 190 x 110 cm, Ausstellungsansicht. Foto: Réne Rötheli
 

Rue Pont-aux-Choux. 2017, Pflanzen, Glas, Holz, 190 x 110 cm, Ausstellungsansicht. Foto: Réne Rötheli

 

A Whole Universe (Pomegranate), 2017, Granatapfel, Holz, Courtesy Edouard Malingue Gallery,Hongkong. Foto: Edouard Malingue Gallery
 

A Whole Universe (Pomegranate), 2017, Granatapfel, Holz, Courtesy Edouard Malingue Gallery,
Hongkong. Foto: Edouard Malingue Gallery

 

Su-Mei Tse, Aarau, Mai 2018. Foto: René Roetheli
 

Su-Mei Tse, Aarau, Mai 2018. Foto: René Roetheli

 

Fokus

Worte, ihre Erscheinung als Atemholen, als Ton oder Schrift, vielleicht auch als Gedanke oder Schatten eines Bildes – das sind Materialien für die in Luxemburg und Berlin lebende Künstlerin Su-Mei Tse. Ihren Klang im Blick, erzeugt sie visuelle Sprachspiele, aus denen immer neue Kompositionen von Objekten und Bildern entstehen. An ihnen entlang erfährt man manchmal, in dichten Momenten, jene Schwebe des Innehaltens, die sich im Augenblick, vor einem nächsten Schritt, einer neuen Erkenntnis oder einer katastrophalen Wende, zu erfüllter Dauer ausspannt. Nun ist sie im Aargauer Kunsthaus zu Gast.

Su-Mei Tse — Im grossen Raum des Atemzugs

Es plätschert leise vor sich hin. Das grosse Steinbecken ruht wie ehedem auf seinem Sockel, blättergeschmückt. In dessen Mitte eine Frauenfigur, auf ihrem Kopf eine überbordende Schale. Sie erinnert an Karyatiden, jene steinernen Figuren athenischer Anmutung, welche die Last der Loggien Berliner Häuser tragen. Um all das rieselt es, wie ein Vorspiel für dionysische Tänze. Was da silberhell klingt, ist Tusche. Schwarz quillt sie aus der Schale, läuft an der Figur hinab ins Brunnenbecken, spritzt auf den makellosen Boden des White Cube. Die Rinnsale und Flecken erscheinen wie ungeschriebene Zeichen. ‹Many Spoken Words›, der Titel kann als Erinnerung an einst Gesagtes oder als Füllhorn noch zu schreibender Worte verstanden werden. «Breite dich hin. Zerblühe dich. O, blute», heisst es in Gottfried Benns Gedicht ‹Karyatide› – Vergehen wie Erinnerung sind der Schrift eigen, die zu erhalten vorgibt, was doch durch sie erst immer neu vergegenwärtigt wird: Sinn. Sinnwerdung als bisweilen träumerischen, nur im Zwischenschritt der Ironie greifbaren Prozess bearbeitet Su-Mei Tse mit ihrer Ausstellung ‹Nested› auf neue Weise.

Wort-Bilder
Wie ein Notizbuch sei die Ausstellung konzipiert, «wir sind am Anfang vom Wort ausgegangen», erklärt die Künstlerin im Gespräch mit Bezug auf ‹Word›, 2014, -eine Arbeit, die den titelgebenden Begriff in verkohltem Holz so auf einer Glasplatte präsentiert, dass er als Schatten lesbar wird. Schrift ist in dieser Ausstellung sehr präsent, auf den Wänden als Zitate aus Lektüren, welche die Künstlerin inspirierten und die sie mit dem Kurator Christoph Gallois teilte: «Wir haben sehr eng zusammengearbeitet für die Ausstellung, es war einer dieser Glücksfälle, bei denen sich zwei Lesewelten miteinander verbinden.» War schon die noch unter dem weitsichtigen und kenntnisreichen Direktor Enrico Lunghi konzipierte Ausstellung im Luxemburger Mudam ein Glücksfall, so ist die zweite Station von ‹Nested› ein weiterer. Im Aargauer Kunsthaus wurde die Ausstellung neu artikuliert, «mehr mit dem Aussenraum verbunden, die Architektur erinnert mich an japanische Häuser – immer ein Blick auf den Garten», sagt die Künstlerin. Der seit 2009 fest im Mudam installierte Brunnen ‹Many Spoken Words› wurde in einer anderen Version nach Aarau gebracht, steht er doch programmatisch für viele Elemente, die ihre Kunst ausmachen: Sprache, Erinnerung, Fliessen, Schrift, Echos zwischen Europa und Asien, Klang als Element. Mit noch zwei weiteren Stationen, im Yuz Museum in Schanghai und im Fine Arts Museum in Taipeh, wird die Ausstellungsfortsetzung zur «Nachschrift», zu künstlerischer Erinnerungsarbeit, erlaubt die Konsolidierung von Themen wie Bild, Stimmung, sowie die Entwicklung neuer Werklinien wie Kontemplation, Sinnfindung, Übersetzung.

Den Sinn bewohnen
Das Wort «Nest» steht im Wortstamm, so Grimms Wörterbuch, zwischen Wohnen, Sich-Niederlassen, Genesen und dem Gespinst. Letzteres kann die Etymologie weiter zum Nesteln führen, verwandt mit dem Knüpfen, dem Zusammenhalt der Kleidung durchs Nestelband. In Aarau hat Su-Mei Tse eine Sammlung von Marmorkugeln in zerklüfteten Gesteinsbrocken gesetzt, betitelt als ‹Nested›. Das benennt den aktiven wie passiven Prozess des Hausens, verknüpft Wohnen und -Weben, Behausung und Bekleidung als Weltverhältnis und lenkt die Gedanken auf die Sinngebung selbst: «Nisten» die Kugeln? Wurden sie «eingenistet»? Ihre Titel sind Anstoss, das visuelle Erlebnis einer Arbeit zum Sinn zu führen, der im besten Fall wiederum vom Kunstwerk infrage gestellt wird. Manchmal gerät ihr das sehr explizit, wenn sie zum Beispiel 2009 ‹Alles ausser Rot› mit rotem Neon à la Kosuth auf die Wand schreibt. Sie pflegt in ihren Arbeiten solch feinen kunsthistorischen Witz, «als Ventil, Entspannung nach manch Schwerem», sagt sie. Dann wieder gelingt es ihr höchst poetisch, wenn sie das Publikum vor fleckige Spiegel führt, deren angefressene Quecksilberschicht mit verblasstem Bild in die magische Welt der begehrlichen Selbstrekonstruktion lockt – ‹Faded› zeigt mit dem Spiegelbild auch die Erinnerung an selbstverliebte Knaben, böse Königinnen oder überhebliche Lebemänner, mit denen zusammen das glänzende Objekt unterging.

Nähe zur Klassik
Literatur wirkt diesmal anders und stärker als in vergangenen Ausstellungen der in Luxemburg und Berlin lebenden Künstlerin: «Eine neue Lektüre des Werks soll möglich werden, im Sinn von Alberto Manguels ‹idealem Leser›, der eine Geschichte nicht rekonstruiert, sondern neu erschafft», sagt Su-Mei Tse. Für sie selbst sei es auch darum gegangen, «Weggefährten wiederzufinden, etwas Ernstes, Gedankenüberlagerungen». Weit mehr als eine Zusammenstellung von Einzelwerken, ist -diese Ausstellung eine Gesamtinstallation, «die eine Dauer zu erleben erlaubt, es stellenweise dem Besucher ermöglicht, sich in diese Blase zu begeben, in der man sich wiederfindet, wenn man liest». Dass er dadurch selbst Exponat, Teil der Installation wird, sei durchaus gewollt. Dieser Wunsch des Einfügens des Leser beziehungsweise der Betrachterin in ein durch Kunst symbolisch geordnetes Welt-Ganzes ist Su-Mei Tses «klassisches Erbe»: «Ich habe eine Affinität zu Literatur, Musik der Klassik», gibt sie zu, «besonders stark war das als Stipendiatin der Villa Medici in Rom.» Die Installation ‹A whole Universe (Pomegranate)› zeuge davon: ein frischer, aufgerissener Granatapfel auf einer Platte an der Wand. Gegenüber hängt ‹Rome (Pomegranate)›, das Foto eines Granatapfels in Goldrahmen. «Lass dich geniessen, / Freundliche Frucht! / Lass mich vergessen / Alle den Harm!», ruft Goethes Proserpina 1787 aus – Su-Mei Tse hat die Gattin des Pluto nicht als Text zitiert, sondern mit der Präsentation der Frucht einen Resonanzraum für all die Bilder und Lieder aufgespannt, die den Granatapfel und seine Bindung an die Unterwelt besingen. Noch immer, wie früher, nistet in den Videos, in Installationen und neuerdings auch in merkwürdig entrückten Vanitas-Landschaftsbildern, die sie zusammen mit ihrem Partner Jean-Lou Majerus realisiert hat, der Schmerz als Teil des Schönen. «Warum sind Früchte schön, / Wenn sie verdammen?», fragt auch Goethes Proserpina. Doch Su-Mei Tses neuere Arbeiten scheinen sich mehr durch Kontemplation der Welt zuwenden zu wollen, als ihr etwas abzuringen. ‹Rue Pont-aux-Choux› – Pflanzen hinter einer sandgestrahlten Scheibe, die aussehen wie auf einem unscharfen, romantischen Foto – weist in diese Richtung. «Ich mag den Gedanken, dass Dinge im Schatten sind, dass sie Zeit brauchen, um im Auge anzukommen. Ich möchte diese Momente provozieren, in denen man etwas eher peripher wahrnimmt, das dann erst später wieder ins Bewusstsein aufsteigt.» Diese Auffassung hat sie bereits mit ihrer Installation ‹Penélope, le retour›, 2003, für den Luxemburger Pavillon der Venedig Biennale umgesetzt: «Die Gattin des Odysseus webte ein Gewand, um die Freier auf Abstand zu halten, bis ihr Mann zurückkehrt; entwebte es zugleich, um die Zeit zu verlängern.» Werden und Vergehen als lebenserhaltender Bestandteil des Schaffensprozesses auch hier.

Innehalten – Atemzug
In einem der drei Videos ‹Gewisse Rahmenbedingungen 3› sieht man eine Hand eine Glaskugel balancieren, in der sich zeigt, was sonst durch die Bewegung und den Fokus der Kamera unscharf bleibt. Das Bild erscheint, verschwindet, die Kugel ist für Augenblicke in der Schwebe. «Ich mag die Idee des Bildes, das durch die Sprache in die Schwebe gebracht wird. Mich interessiert, wie man zwischen einem Ausgangsbild und einer Komposition übersetzt, was dazwischen passiert, in dieser kurzen Dauer, in diesem Raum zwischen der schwebenden Spitze des Stifts und dem Beginn des Schreibens.» Eine lebendige Dauer, die sich ausdehnt, zusammenzieht, wie Goethes berühmte Dualität von Systole und Diastole, von Ein- und Ausatmen als Rhythmus allen Seins. In einem Atemzug, sagt Su-Mei Tse mit Blick auf die melancholische Dimension ihrer Arbeit, könne sich alles wenden: «Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt sinngemäss, dass die Zeit zu duften beginnt, wenn sie Dauer gewinnt, narrative Spannung erhält. Die Ausstellung ist eine Abfolge von Räumen, in denen solche Dauer als Verweilen möglich ist.» Verweilend in Bewegung – so gelangt man in den grossen Raum des Atemzugs, den Su-Mei Tses Kunst einrichtet.

Zitate: Gespräch mit der Künstlerin am 8. März 2018

J. Emil Sennewald, Kunstkritiker in Paris, Professor für Philosophie an der Kunsthochschule von Clermont-Ferrand, befasst sich aktuell mit dem Augenblick als Weltentwurf. emil@weiswald.com

Bis 
12.08.2018

Su-Mei Tse (*1973) lebt und arbeitet in Luxemburg und Berlin
Studium an der École nationale supérieure des Beaux-Arts, Paris

Auszeichnungen
2001 Kunstpreis Robert Schuman
2003 Goldener Löwe für den besten nationalen Beitrag (Luxemburg) auf der 50. Venedig Biennale 
2009 Internationaler Preis für zeitgenössische Kunst, Fondation Prince Pierre, Monaco

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 Su-Mei Tse, Museum of Modern Art, Toyama, Japan
2014 ‹… et à l’horizon il y avait l’orage›, Centre d’Art Contemporain, Château des Adhémar, France
2012 ‹The Source›, Project One, Eslite Bookstore, Hongkong, China
2010 ‹New Sense Of Order›, Su-Mei Tse & Yves Netzhammer, Beaumontpublic, Luxemburg
2008 ‹Some Magical Clangs›, Su-Mei Tse & Virginie Yassef, CRAC Alsace, Altkirch

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2015 ‹Taking Time›, The French Academy in Rome – Villa Medici, Rom
2014 ‹Days of Endless Time›, Hirschorn Museum, Washington, DC
2013 ‹Rhythm in it: The rhythm in contemporary art›, Aargau Kunsthaus, Aarau
2012 ‹A House Full of Music, Strategien in Musik und Kunst›, Mathildenhöhe, Darmstadt
2011 ‹Pour une République des Rêves›, kuratiert von Gilles A. Tiberghien, CRAC Alsace, Altkirch

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Su-Mei Tse 05.05.201812.08.2018 Ausstellung Aarau
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J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Su-Mei Tse

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