The Weight of History

Su-Mei Tse · Gewisse Rahmenbedingungen 3 (A Certain Frame Work 3 – Villa Farnesina), 2015–2017, Videostill, Courtesy AD Gallery Athens, Edouard Malingue Gallery, Hong Kong, Galerie Tschudi, Zuoz
 

Su-Mei Tse · Gewisse Rahmenbedingungen 3 (A Certain Frame Work 3 – Villa Farnesina), 2015–2017, Videostill, Courtesy AD Gallery Athens, Edouard Malingue Gallery, Hong Kong, Galerie Tschudi, Zuoz

 

Editorial

The Weight of History

Schwerelos rollt die Glaskugel über den Handballen, wird plötzlich nur noch von drei Fingern gehalten, dreht weiter, rollt zurück, wird von der anderen Hand aufgefangen, kreist – und scheint doch unbeweglich mitten im filmischen Bild zu schweben. Das Video ist Teil einer hypnotischen Trilogie der Künstlerin Su-Mei Tse, die uns in einem abgedunkelten Raum im Aargauer Kunsthaus spielerisch in die Vergangenheit blicken lässt: Mal spiegelt sich die klassizistische Fassade eines Berliner Museums kopfüber in der Kugel, mal die zerfallene Säulenreihe der Villa Adriana in Tivoli, mal Raffaels vielteiliger Freskenzyklus in der Villa Farnesina in Rom. ‹Gewisse Rahmenbedingungen› lautet der Übertitel der Serie, analog zu einem weiteren, ganz anders gearteten Werk. In diesem nimmt Su-Mei Tse das Thema wörtlich, hängt leere Keilrahmen frei in den Raum. Kultur verleiht Orientierung und Halt, doch sie kann auch beengend wirken. Der Umgang mit dem «Gewicht der Geschichte» ist eines ihrer Leitthemen. In ‹Pays de neige› schauen wir ihr zu, wie sie mit kräftigen Schritten eine Tennisplatz-Schleppmatte durch den Hof der Villa Medici zieht und den Kiesplatz glättet. Gleichzeitig bereitet sie ihr eigenes Terrain zu und überschreibt dabei den geschichtsträchtigen Ort mit ihrem sorgfältigen, meditativen, künstlerischen Tun. Die vor einer wechselnden historischen Szenerie schwebende und darauf fokussierende Glaskugel scheint uns ein motivierendes Bild für unsere Kunstbulletin-Jubiläumsausgabe. Ein Blick zurück kann so belebend sein wie einer in die Zukunft, und der Umgang mit Geschichte fordert ebenso viel Fingerspitzengefühl wie das Jonglieren mit den kreativen Herausforderungen im sich wandelnden Redaktionsalltag.
Claudia Jolles

Autor/innen
Claudia Jolles

Werbung