Alfons Schilling — Artist and Innovator

Kleiner Vogel, Alfons Schilling auf dem Dach von 491 Broadway, New York, 1978, Silbergelatine­abzug © ProLitteris. Foto: Janice Everett

Kleiner Vogel, Alfons Schilling auf dem Dach von 491 Broadway, New York, 1978, Silbergelatine­abzug © ProLitteris. Foto: Janice Everett

The Falling Man, 1969, drei Linsenrasterfotografien aus der Serie, je 26,5 x 33,5 cm © ProLitteris

The Falling Man, 1969, drei Linsenrasterfotografien aus der Serie, je 26,5 x 33,5 cm © ProLitteris

The Falling Man, 1969, drei Linsenrasterfotografien aus der Serie, je 26,5 x 33,5 cm © ProLitteris

The Falling Man, 1969, drei Linsenrasterfotografien aus der Serie, je 26,5 x 33,5 cm © ProLitteris

The Falling Man, 1969, drei Linsenrasterfotografien aus der Serie, je 26,5 x 33,5 cm © ProLitteris

The Falling Man, 1969, drei Linsenrasterfotografien aus der Serie, je 26,5 x 33,5 cm © ProLitteris

Alfons Schilling, New York 1975, Courtesy Archiv Alfons Schilling, Wien © ProLitteris

Alfons Schilling, New York 1975, Courtesy Archiv Alfons Schilling, Wien © ProLitteris

O. T. (Autobinäres Stereobild), ca. 1984, Acryl auf Leinwand, 160 x 115 cm © ProLitteris

O. T. (Autobinäres Stereobild), ca. 1984, Acryl auf Leinwand, 160 x 115 cm © ProLitteris

Spinpainting, Atelier in Paris, 1962 © ProLitteris

Spinpainting, Atelier in Paris, 1962 © ProLitteris

Fokus

Die materielle Erscheinung ist nur ein Aspekt einer künstlerischen Arbeit. Alfons Schilling lässt vielmehr die visuelle Wahrnehmung zum Gegenstand der Kunst werden. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Wahrnehmungsphänomenen zur Erweiterung des Blicks durchzieht sein Schaffen: Flächige Malerei öffnet sich ins Dreidimensionale, Sehapparate stellen die Welt auf den Kopf. Gestützt auf Erkenntnisse aus der Wissenschaft hinterfragt er als Erfinder Konventionen der Kunstbetrachtung. Trotz internationaler Bekanntheit fehlt bisher eine Ausstellung in seiner Heimatstadt Basel. Höchste Zeit für eine ­Retrospektive mit Werken aus dem Nachlass in Wien. Eine Einladung des ­Hebel_121, den Künstler neu zu entdecken. 

Alfons Schilling — Artist and Innovator

In luftiger Höhe auf New Yorks Dächern wandelt eine Gestalt, die ein ausladendes, für Aussenstehende undefinierbares Konstrukt umgeschnallt hat. Alfons Schilling (1934–2013) führt gerade eines seiner Experimente zur veränderten visuellen Wahrnehmung durch. Sehmaschinen wie diese stehen in einer ganzen Reihe von verschiedenen Versuchsanordnungen, mit denen der Künstler die gewohnten Sehweisen hinterfragt. Ab Mitte der Sechzigerjahre hatte er sich in Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Optik und der Neuropsychologie intensiv mit der visuellen Wahrnehmung, mit stereoskopischem Sehen und den zur Erweiterung des menschlichen Blicks notwendigen technischen Vorrichtungen und optischen Hilfsmitteln beschäftigt. Apparaturen, die in 3D eine andere als die gewohnte Seherfahrung ermöglichen, sind heute im Zuge der Virtual Reality in der Kunst wieder höchst aktuell. Während Brillen-Displays erlauben, immersiv in von Computern und Algorithmen generierte Umgebungen einzutauchen, erzeugte Alfons Schilling mittels analoger Verfahren virtuelle Bilder. Das ist nur einer von mehreren Gründen, die Spur dieses Vorläufers der digitalen Medienkunst aufzunehmen.

Basel, Wien, New York
Vielen dürfte nicht bekannt sein, dass Alfons Schilling ursprünglich ein Basler ist. Zu sehr hat sich wohl sein Leben im Ausland abgespielt. Abgesehen von einer Gruppen- und zwei Einzelausstellungen in der Galerie Felix Handschin in den Siebzigerjahren waren seine Werke in Basel nie zu sehen. Die meisten seiner Ausstellungen in der Schweiz fanden im Raum Zürich statt – u. a. im Rahmen einer Gruppenausstellung im Kunstmuseum Olten 1989 oder 2006 in ‹The Expanded Eye› im Kunsthaus Zürich. Dort befinden sich übrigens auch einige Werke von ihm in der Sammlung. Mehrheitlich zeigte er jedoch seine Werke in Ausstellungen in den USA und in Österreich. Für sein Studium ging er nach Wien an die Akademie für angewandte Kunst, arbeitete und lebte später in New York, bevor er als Professor für den Rest seines Lebens wieder nach Wien zurückkehrte. Damit liegt es nahe, dass er mit diesen Kunstszenen in Verbindung gebracht wird. Die aktuelle Ausstellung im Hebel_121 fusst auf dem Bedürfnis, den Künstler in einer längst überfälligen Einzelausstellung in Basel zu würdigen. Den beiden Kuratorinnen Gerda Maise und Ines Ratz gelingt es, auf den wenigen Quadratmetern von nur zwei Räumen eine veritable Retrospektive auszurichten. Die ausgestellten Werke aus dem Nachlass in Wien, den Ines Ratz betreut, sind so gewählt, dass ein Einblick in die verschiedenen Schaffensbereiche möglich wird. Gerda Maise ist nicht nur die umtriebige Inhaberin des Ausstellungsraums, der seit zwanzig Jahren internationale Kunst fördert, sondern blickt auch auf eine langjährige persönliche Bekanntschaft mit dem Künstler zurück, besuchte sie ihn doch wiederholt in New York.

Ausbrechen aus der Malerei
Bevor Alfons Schilling nach New York übersiedelte, dort über Billy Klüver Zugang zu den Bell Laboratories erhielt und mit dem Videokünstler Woody Vasulka in Kontakt kam, spornten er und der Wiener Aktionist Günter Brus sich gegenseitig an. Während grossformatige Leinwände, die Alfons Schilling unter vollem Körpereinsatz bemalte, charakteristisch für sein Frühwerk sind, befreite er sich bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris von der statischen Malerei. Dem grossen Format und der Abstraktion blieb er vorerst treu, experimentierte aber mit runden Leinwänden, die er für den Farbauftrag in unterschiedlicher Geschwindigkeit mit einem Motor antrieb. Kunsthistorisch gesehen setzte er damit einen Meilenstein, indem er die bis anhin getrennten Strömungen des abstrakten Expressionismus und der kinetischen Kunst miteinander vereinigte. Auch für sein eigenes Schaffen markierten diese Rundbilder einen Wendepunkt, von dem aus er konsequent versuchte, den gegebenen Einschränkungen der Malerei zu entfliehen, um so die Wahrnehmungserfahrung von Kunst weiterzubringen. Fortan beschäftigte er sich mit Linsenraster- und Stereofotografie, experimentellen Filmen und baute Sehmaschinen in verschiedenen Ausformungen. Mit den Randomdot-Stereobildern sowie den autobinären Stereobildern kehrte er zur Malerei zurück, reicherte die Bildfläche aber mit einer virtuellen Tiefe an, die sich verblüffenderweise bei der Betrachtung durch ein Binokular oder Prismamonokel erschliesst. Die Ausstellung vereinigt verschiedene der erwähnten Werktypen.

Blickfelderweiterung auf kleinem Raum
Alfons Schilling erprobt seine Erfindungen schon lange nicht mehr auf New Yorks Hochhäusern. Doch das in der Ausstellung im Hebel_121 gezeigte Schaffen hat nichts an Lebendigkeit verloren. Für ein Rundbild von über zwei Metern Durchmesser sind die Platzverhältnisse zu beengt. Doch die Kuratorinnen sind kreativ und haben es geschafft, in den vorhandenen zwei Räumen einen erstaunlich breiten und vielschichtigen Einblick in sein Schaffen zu bieten. Das Erweitern des Blicks braucht nicht unbedingt besonders viel Platz, gefragt ist jedoch die eigene Wahrnehmungserfahrung. Und vielleicht folgt in Basel, in grosszügigeren Dimensionen, irgendwann einmal eine Museumsausstellung.

Sonja Gasser ist Kunsthistorikerin. Sie lebt und arbeitet in Zürich. sonjagasser@hotmail.com

→ ‹Alfons Schilling – Artist and Innovator›, Hebel_121, Basel, 1.6.–3.8. ↗ www.hebel121.org
www.alfonsschilling.net
→ ‹Alfons Schilling – Jenseits des Bildes›, Galerie Kunst & Handel, Graz, bis 29.6.
www.kunstundhandel.com
→ ‹Negativer Raum – Skulptur und Installation im 20./21. Jahrhundert›, Gruppenausstellung,
ZKM Karlsruhe, bis 11.8. ↗ www.zkm.de
Ausbrechen aus der Malerei
Bevor Alfons Schilling nach New York übersiedelte, dort über Billy Klüver Zugang zu den Bell Laboratories erhielt und mit dem Videokünstler Woody Vasulka in

Bis 
03.08.2019

Alfons Schilling (*1934 in Basel, †2013 in Wien)
1986–1990 Gastprofessur an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien
1956–1959 Studium an der Akademie für angewandte Kunst, Wien

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Beyond Photography›, Fotomuseum WestLicht, Wien
2009 ‹Alfons Schilling zum 75. Geburtstag›, Essl Museum, Klosterneuburg / Wien
2007 ‹Sehmaschinen 007›, Museum für angewandte Kunst, Wien
1997 ‹Ich/Auge/Welt – The Art of Vision›, Kunsthalle Krems
1979 ‹Binoculare Zeichnungen, Tragbare Instrumente›, Kunsthaus Zürich
1978 ‹Films, Performances, Viewing Devices›, Whitney Museum of American Art, New York
1972 ‹Inverted Landscapes›, Galerie Felix Handschin, Basel
 

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Alfons Schilling 01.06.201903.08.2019 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Alfons Schilling 04.05.201929.06.2019 Ausstellung Graz
Schweiz
CH
Autor/innen
Sonja Gasser
Künstler/innen
Alfons Schilling

Werbung