Ansichten — Gustavs Erbe in Huldas Reich

Blick in die Brasserie der Kronenhalle mit Varlin (Willy Guggenheim): Hulda Zumsteg (1967). Foto: Christian Flierl

Blick in die Brasserie der Kronenhalle mit Varlin (Willy Guggenheim): Hulda Zumsteg (1967). Foto: Christian Flierl

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Seine Leidenschaft galt der Kunst. Er bestimmte, einen Teil ­seiner Sammlung in der Zürcher Kronenhalle zu belassen. Sein Vermächtnis ist Kulisse im Restaurationsbetrieb und zugleich Massstab eines Qualitätsbewusstseins, das Gustav Zumsteg auch seiner Mutter verdankte: Hulda. Sie bleibt. 

Ansichten — Gustavs Erbe in Huldas Reich

Wir waren rasch per Du mit ihnen. Obwohl Hulda und Gustav viel an Höflichkeit gelegen war. Noch heute platzt kaum einer einfach so mit einem Du in die Brasserie an der Rämistrasse. Dagegen sprechen schon die weiss gedeckten Tische, dagegen spricht die distinguierte Aufmerksamkeit des Chef de Service. Hulda selbst hört nicht auf, über Personal, über Gäste und Kunst zu wachen. Sie wachte auch, als wir nachts ankamen, mit Kamera, Stativ und Scheinwerfer: Kein Buch über die Kunst in der Kronenhalle, wenn nicht sie darin ihren Auftritt hätte. Künstler, Literaten, Fotografen erwiesen ihr die Ehre, widmeten ihr Bilder, grüssten sie, auch in Briefen an den Sohn. Dieser hat dafür gesorgt, dass sie ihren Platz in der Kronenhalle nicht so bald wird räumen müssen. Seine Mutter ist 77, als er Varlin mit ihrem stattlichen Porträt beauftragt. Seit über fünfzig Jahren Wirtin, ist es ihr gelungen, in der Kronenhalle Literatur-, Bühnen- und Kunstszenen mit Zürichs gehobener Gesellschaft aufzumischen. Hulda zeigt sich von ihrer koketten Seite im Atelier des Zürcher Malers, und Gustav – gleichzeitig Textilindustrieller und Geschäftsführer des Gastrobetriebs – kommt ihr Bildnis gelegen. Es knüpft ortsspezifisch an seine Leidenschaft an. Schon lange hat es ihm vor allem die französische Kunst angetan. Das Licht, das mit Pierre Bonnard Landschaften zum Vibrieren bringt; die Lust an Speisen, die Chaim Soutine distanz- und rückhaltlos auf die Leinwand schleudert; die Freiheit Marc Chagalls, im träumerischen Erzählen zu verweilen, ohne die Errungenschaften der modernen Malerei zu verwerfen. Varlin, fern aller Abstraktionen, umschmeichelt das genau Gesehene mit lockerem Pinsel. Unscharf funkelt der Schmuck an Huldas Décolleté und auf ihrer gealterten Hand. Das Lila hinter ihr breitet sich aus wie ein Parfüm. «Als Einheit» hat Gustav Zumsteg seine Kunst der Stiftung überlassen, die seinen eigenen und den Namen seiner Mutter trägt. Die Akribie, mit der er die Hängung testamentarisch als verbindlich deklarierte, passt zu diesem Mann, der seine Schüchternheit nur mit grosser Disziplin und in der Liebe zu allem Ästhetischen überwand. Ernüchtert hat er hinnehmen müssen, wie die Seidenindustrie dem asiatischen Markt und dem Kleid ab Stange erlag; auch Spitzenerlöse für Bilder von Braque, ­Matisse, Miró und Picasso konnten nach 1996 sein Unternehmen nicht retten. Doch Hulda bleibt. Unter zahlreichen Bildern, die einst für Aufbruch standen und für neues Sehen – und jetzt beharrlich und schön die Zeit anhalten.

Isabel Zürcher, Kunstwissenschaftlerin und Autorin, lebt in Basel und Mulhouse. mail@isabel-zuercher.ch
Ansichten — Ein Bild, ein Text, Autor/innen kommentieren eine visuelle Vorlage ihrer Wahl.

→ ‹Pays de rêve. Die Kunst der Kronenhalle Zürich›,Hg. Sibylle Ryser und Isabel Zürcher, Prestel, 2019

Autor/innen
Isabel Zürcher

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