Caspar Wolf — Voller Sturm und Drang

Caspar Wolf · Der Obere Staubbachfall im Lauterbrunnental, vermutlich nach 1776, Öl auf Leinwand, Courtesy Stiftung Murikultur, Schenkung Hans-Peter Strebel und Katrin Strebel-Bühler, Josef Müller Stiftung, Muri, und Fondation Emmy Ineichen. Foto: Ullmann Photography

Caspar Wolf · Der Obere Staubbachfall im Lauterbrunnental, vermutlich nach 1776, Öl auf Leinwand, Courtesy Stiftung Murikultur, Schenkung Hans-Peter Strebel und Katrin Strebel-Bühler, Josef Müller Stiftung, Muri, und Fondation Emmy Ineichen. Foto: Ullmann Photography

Besprechung

In sein Gletschergrün kann man sich verlieben, und vor seinen Felswänden, Wasserfällen und Höhlenblicken gerät man ins Staunen: Caspar Wolfs Landschaftsvisionen berühren die Menschen auch heute noch. In seinem Geburtsort Muri hat man ihm kürzlich ein Museum eingerichtet.

Caspar Wolf — Voller Sturm und Drang

Muri — «Hier hab ich meinen Mann gefunden!» war Abraham Wagner überzeugt, als er für sein grosses verlegerisches Projekt einer Alpengalerie in Wort und Bild einen Künstler suchte und auf ein Gemälde des ein Jahr jüngeren Caspar Wolf ­(1735–1783) aus Muri stiess. Dank des Wagemuts und Unternehmergeists des Berner Patriziers wurde aus dem wenig bekannten, aus einfachsten Verhältnissen stammenden Maler ein Künstler, der zu den grössten Pionieren der Alpenmalerei gehört. Einer, der Landschaft von innen her begriff: als etwas Gewachsenes und von den Gesetzen der Natur Geformtes und als etwas, dem sich das einzelne Ich aussetzt und das in seiner Wahrnehmung neu entsteht. Doch damit überforderte Wolf viele seiner Zeitgenossen, und erst die späte Wiederentdeckung seiner Gemälde, die nach Wagners Tod grösstenteils in der Versenkung verschwanden und nicht die ihnen entsprechende Wirkung entfalten konnten, zeigt ihn in seiner ganzen Bedeutung. Nun hat Caspar Wolf, «Muris berühmtester Sohn», ein eigenes Museum bekommen. Von langer Hand geplant, geleitet von Peter Fischer, ersetzt es im frisch renovierten Singisenflügel des Klosters das einstige Wolf-Kabinett: ein kleines, aber überraschend reichhaltiges Museum am Ort von Wolfs ersten Aufträgen, der mit weiteren Museen im Kloster und der berühmten Klosterkirche einen Besuch in Muri lohnenswert macht. In fünf attraktiven Räumen werden Wolf und seine Zeit lebendig, seine Lehr- und Wanderjahre im süddeutschen Raum, in Basel und Paris, das allzu stille Ende ebenso wie seine Wiederentdeckung und der Weg, wie seine Gebirgslandschaften von der Zeichnung über die Ölstudie und das ausgeführte Gemälde in drucktechnischer Wiedergabe ein breiteres Publikum erreichen sollten. Dieser entscheidenden Zusammenarbeit mit Wagner und dessen aufklärerischem Alpenprojekt, dem wir die schönsten Gemälde Wolfs verdanken und das die Beteiligten auf oft wagemutigen Expeditionen zu den Gegenständen ihres Interesses führte, ist ein eigener Raum gewidmet. Wolf drang in Gebiete vor, in die sich kaum ein Maler zuvor gewagt hatte. Und hielt mit topografischer, geologischer, atmosphärischer Genauigkeit erfindungsreich fest, was die Menschen – die mitunter ganz klein angesichts der grossen Natur im Bild erscheinen – mit Schrecken und Bewunderung erfüllte: ewiges Eis, schroffe Gipfel, dunkle Höhlen, aus grosser Höhe stürzende Wasser … Dorthin zog Wolf, ein Freilichtmaler der besonderen Art, nicht selten ein weiteres Mal mit dem im Atelier ausgeführten Gemälde, um letzte Korrekturen anzubringen, der Wahrhaftigkeit gegenüber Natur und Anschauung verpflichtet.

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